VOR 285 JAHREN: Kutschenfahrt von Zürich nach Kopenhagen über Elgg
18.04.2026 HISTORIE, ElggNach dem Tagebuch von J. C. Lavater (1741–1801), Pfarrer am St. Peter in Zürich
Nach einem höchst emotionalen Abschied von seiner Familie und seiner Gemeinde in Zürich besteigt an Pfingsten 1793 der für unabkömmlich und stets verfügbar gehaltene ...
Nach dem Tagebuch von J. C. Lavater (1741–1801), Pfarrer am St. Peter in Zürich
Nach einem höchst emotionalen Abschied von seiner Familie und seiner Gemeinde in Zürich besteigt an Pfingsten 1793 der für unabkömmlich und stets verfügbar gehaltene Seelsorger am St. Peter zusammen mit seiner Tochter eine Pferdekutsche. Das Ziel der grossen Reise ist das ferne Kopenhagen, wo Lavater seit Jahren in Verbindung mit den «Kopenhagener Sehern», einer geheimen vornehmen Gesellschaft, steht. Nun möchte er vor Ort in persönlicher Verbindung mit den «Wissenden» ihre behauptete und erwartete Wiederkunft Christi vorbereiten.
«Langsam fuhren wir durch die Stadt und erblickten noch hier und dort Freunde, die mit rührender Herzlichkeit uns «Glükliche Reise» zuwinkten. Noch vor den Pforten der Stadt warteten einige auf uns, denen wir noch die Hände und erste Billietchen mit Bleystift an die Mamma mitgaben.»
Schwamendingen – Wallisellen – Bassersdorf
Der von Pferden gezogene Reisewagen holpert durch das damalige Dörflein Schwamendingen. Und «nach halb zwey fuhren wir durch Wallissellen, wo mich, da ich die vorige Nacht wenig geschlafen und mich die erste Tages Hälfte sehr ermüdet hatte, ein sanfter leichter Schlummer überfiel. Dann schrieb ich das zweyte Billiet an Mamma – Von unserer glücklichen Reise bis Bassersdorf, wo wir ein Vierthel nach Zwey ankamen, mit der lächelnden Empfindung den vierhunderten Theil unserer Hin- und Herreise so vergnügt wie möglich zurückgelegt zu haben.»
Es fügt sich, dass Lavater und seine Tochter bei einem Halt in Bassersdorf auf eine weitherum bekannte und eine ihnen befreundete Persönlichkeit treffen. «In Bassersdorf fanden wir Herrn Landschreiber Hegner von Winterthur, einen unserer treuesten, vernunftreichsten und gleichmöthigsten Freunde – der bey scheinbarsten Kälte dennoch das feinste Gefühl für alles Edle und Grosse, Heilige und Göttliche in einem warmen Herzen nährt.»
Ulrich Hegner zählte zu Lavaters Gesinnungsfreunden aus Winterthur. Neben dem offiziellen Kirchentum gab es in der Eulachstadt ein starkes persönliches religiöses Bewusstsein, dem Hegner angehörte. Es blieb damals den sich aus Zürich und Winterthur in Bassersdorf freudig Begegnenden noch verwehrt, die später zunehmende freundschaftliche Annäherung und schliesslich praktizierte Gemeinschaft im Alter zu erkennen. Erst in den Jahren 1798– 1800, als Hegner Mitglied des neu geschaffenen Kantonsgerichtes in Zürich geworden war, nahm er während der letzten drei Lebensjahre Wohnsitz bei seinem Freunde. Und im Jahre 1836 erschien aus der Feder Ulrich Hegners eine der frühesten Biografien seines Gastgebers: «Beiträge zur näheren Kenntnis und wahren Darstellung Johann Kaspar Lavaters». Eine bemerkenswert objektive Würdigung dieser viel umstrittenen Persönlichkeit.
Dr. med. Ulrich Hegner – die bemerkenswerteste Gestalt aus Winterthur (1759–1840)
Die Familie Hegner in Winterthur übte über Generationen das Landschreiberamt der Grafschaft Kyburg aus. Weil es dem Winterthurer Gebhart Hegner zur Reformationszeit 1525 gelungen war, die aufständischen Bauern zu Töss zu beruhigen, erhielt dessen Sohn die Kyburger Kanzlei in Winterthur verliehen, mit dem Recht, das Amt in seiner Familie zu vererben. Auch Ulrich Hegner (1759–1840) «zum Frieden» (Marktgasse 35/Kirchplatz 8) hatte das Amt inne. Die Stelle eines Landschreibers der Landvogtei Kyburg übte er bis zum Zusammenbruch der alten Eidgenossenschaft 1798 aus. Hegner hat geistreiche Aufzeichnungen über das Ende des Zürcher Stadtstaats in der Grafschaft Kyburg hinterlassen.
Der Winterthurer Historiker und Mittelschullehrer Werner Ganz meint in der «Neuen Deutschen Biografie», Hegner sei «vielleicht die bemerkenswerteste Gestalt Winterthurs im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert» gewesen. Er hatte aus Familientraditon 1776–1781 in Strassburg Medizin studiert und promoviert. Anschliessend lebte er aber als Privatmann in seiner Vaterstadt und beschäftigte sich mit Kunst und Literatur.
Auch wenn er der Neuordnung der politischen Verhältnisse innerhalb der Eidgenossenschaft und des Kantons Zürich ohne Begeisterung gegenüberstand, erkannte er ihre Notwendigkeit und übernahm verschiedene städtische und kantonale politische Ämter. Er übernahm städtische und kantonale Ämter, wirkte von 1798–1801 als Kantonsrichter, 1801–1803 als Distriktrichter, 1805–14 als Winterthurer Stadtrat, 1806–1814 als Friedensrichter, 1814– 29 als Zürcher Kantonsrat und 1814– 15 als Mitglied der Kantonsregierung, wenige Monate als Mitglied des Kleinen Rates (kantonale Exekutive) und schliesslich bis 1829 als Mitglied des Grossen Rates (kantonale Legislative).
Wichtiger für die Nachwelt – schreibt Ganz – wurde Hegner als Schriftsteller, Bibliothekar und Sammler. Er versah 1789–1834 die Stelle des Winterthurer Stadtbibliothekars; sein Verdienst bestand in der Neugestaltung dieser städtischen Institution und in der Herausgabe heute sehr gesuchter Neujahrsblätter, die sich in Wort und Bild mit der Geschichte der Schlösser und Dörfer in der näheren Umgebung der Stadt befassten.
Sein persönliches künstlerisches Schaffen ist in der Hauptsache in seinen Gesammelten Schriften enthalten, die 1828–30 in 5 Bänden in Berlin erschienen. An erster Stelle stehen seine beiden Romane «Die Molkenkur» (1812) und «Salys Revolutionstage» (1814). Der erste Roman, dessen Schauplatz das Appenzeller Dorf Gais ist, setzt sich kritisch mit der Überschwenglichkeit und Empfindsamkeit, mit dem Unechten der eigenen Zeit auseinander; im zweiten versucht Hegner, ein Bild der politischen Umgestaltungen seiner Zeit zu geben.
Unter den Reisebeschreibungen sticht das Werk «Auch ich war in Paris» (1803/04) hervor; sie zeigt den ausgezeichneten Beobachter politischer und kultureller Zustände. Dazu gesellen sich Hegners Betrachtungen über künstlerisch und literarisch bedeutende Persönlichkeiten. Besonders erwähnenswert sind «Hans Holbein der Jüngere» (1827) und «Beiträge zur näheren Kenntnis und wahren Darstellung Johann Kaspar Lavaters» (1836), eine bemerkenswert objektive Würdigung dieser viel umstrittenen Persönlichkeit. Hegner war Mitglied der schweizerischen Künstlergesellschaft in Zofingen.
Schliesslich sind seine Korrespondenzen erwähnenswert, mit ihrem reichen Fundus an Nachrichten und Personalien aus der Nähe und Ferne im 18. Jahrhundert. Aber auch die Medizin liess ihn nicht ganz los. Aus seiner Hand sind 100 medizinische Rezepte überliefert, und auch Koch- und Apothekerrezepte hatte er hinterlassen.
Von Minister Bernsdorf nach Kopenhagen eingeladen
Lavater verrät nun in seinem Tagebuch über die Begegnung in Bassersdorf von 1793: «Er (Hegner) setzte sich zu uns und ich zeigte Ihm den letzten entscheidenden freundschaftlichen Einladungsbrief des Grafen Bernstorf nach Kopenhagen. Wir sprachen vom Kronprinzen von Dänemark.»
Die Familie von Bernstorff stammt aus Bernsdorf im heutigen Landkreis Nordwestmecklenburg und gehört zum Mecklenburgischen Uradel. Der angesehene Literat K. Bartels berichtet in «Physiognomische Hexameter Lavaters» (NZZ 29.7.73):
«Der dänische Staatminister Graf Andreas Peter von Bernstorff und seine Gemahlin Auguste hatten Lavater eingeladen, nach Kopenhagen zu kommen und an ihren mystischen Sitzungen teilzunehmen; und Lavater hatte sich schließlich im Frühjahr 1793 mit hochgespannten Erwartungen zu der Reise entschlossen. Aber die Geister schwiegen, und der Evangelist [Johannes] zeigte sich nicht; enttäuscht kehrte Lavater nach Zürich zurück.»
Vom Vergnügen interessanter Menschen
«Ich weiss nicht mehr wie wir auf das Abendmahl und die Rede Jesu bey Johannes am VI zu sprechen kamen. Freymüthig aüsserte ich meine Meynung, dass unter allen drey herrschenden Erklärungsarten vom Sinne der Einsetzungsworte und von dem, was Christus nennt: Sein Fleisch essen und Sein Blut trinken, keine mir ganz genugthue; dass ich diess Essen und Geniessen des Herrn für das allerheiligste Geheimniss der allerchristlichsten Christen halte.»
Wir nahmen dann die Landcharte vor uns, sprachen von der Reise – und von dem Vergnügen, das ich haben würde, so viele Grosse sonderbare originelle und interessante Menschen, theils das erste mahl, theils wieder zu sehen. Unter diesen wurden besonders Reinhold, Klopstock, Schiller und Karl Cramer genannt. Man kam auf einige deutsche Schriftsteller und ihre schöngeisterschen genialischen oder genialis seyn sollenden Bocks- und Seitensprünge (Revolutionssalto mortale), von der Eitelkeit gewisser Schriftsteller, die alle andern der Eitelkeit beschuldigen, zu sprechen – Dann ward noch ein Wort von Frankreichs Alles untergrabenden Grundsätzen gesprochen.»
Fünf Jahre später (1798) wurde das letzte Thema in der Schweiz bittere Realität.
Geraffter Lebensrückblick
Als dreizehntes Kind eines Arztes hatte Lavater in Zürich Theologie studiert. Er selbst beschreibt sich als jemanden, der von einer unersättlichen Wissbegier getrieben wurde. Johann Wolfgang Goethe schreibt: «Ein Individuum einzig, ausgezeichnet wie man es nicht gesehn hat und nicht wieder sehen wird, sah ich lebendig und wirksam vor mir».
Im Frühjahr 1763 unternahm er seine erste zwölfmonatige Bildungsreise nach Barth in Schwedisch-Pommern; dabei lernt er unter anderem die damaligen Geistesgrössen Gellert, Gleim, Klobstock und Mendelssohn kennen. 1769 wird er zum Diakon an der Waisenhauskirche in Zürich, später an die Peterskirche gewählt. 1774 lernt er auf einer Rheinreise Goethe, Jung Stilling und weitere Gelehrte kennen. Nach umfangreichen Vorarbeiten veröffentlicht er 1775–78 sein Hauptwerk «Physiognomische Fragmente».
Auf der Suche nach außerordentlichen religiösen Erfahrungen knüpfte er auch Kontakte zu umstrittenen Persönlichkeiten. Seit dem Ausbruch der Französischen Revolution äußerte sich Lavater verstärkt auch politisch und kritisierte die Invasion französischer Truppen in die Schweiz (ab Dezember 1797). Nicht zuletzt wegen seines politischen Engagements wurde er im Mai 1799 nach Basel deportiert. Im Zusammenhang mit der zweiten Schlacht von Zürich erhielt er am 26. September 1799 eine Schussverwundung, an deren Folgen er nach 15 Monaten starb.
MARKUS SCHÄR
Zu seinen Werken gehören
1762 Der ungerechte Landvogd
1768–78 Aussichten in die Ewigkeit
1769 Drey Fragen von den Gaben des Heiligen Geistes
1771 Geheimes Tagebuch
1772 Von der Physiognomik
1773 Unveränderte Fragmente aus dem Tagebuch eines Beobachters seiner Selbst
1775–78 Physiognomische Fragmente
1776 Abraham und Isaak (religiöses Drama)
1780 Jesus Christus oder Die Zukunft des Herrn
1782–85 Pontius Pilatus
1786 Nathanael
1788 Christlicher Religionsunterricht für denkende Jünglinge
1793 Regeln für Kinder
1793 Reise nach Kopenhagen im Sommer 1793
1798 Ein Wort eines freyen
Schweizers an die grosse Nation
1800–1801 Freymüthige Briefe



