Da stehe ich nun, mitten auf dem Grund des Ozeans. Genau genommen bin ich in den «Ärmel des Englischen Kanals» gerutscht und die Keltische See sitzt mir im Nacken. Machtvoll und erhaben thronen über mir die imposanten Kalksteinfelsen der Seven Sisters und tief beeindruckt ...
Da stehe ich nun, mitten auf dem Grund des Ozeans. Genau genommen bin ich in den «Ärmel des Englischen Kanals» gerutscht und die Keltische See sitzt mir im Nacken. Machtvoll und erhaben thronen über mir die imposanten Kalksteinfelsen der Seven Sisters und tief beeindruckt betrachte ich mein aktuelles Wandergebiet. Vor mir hüpft das Töchterlein jauchzend über den neu entdeckten Naturspielplatz.
Ebbe.
Ein Wort, bei dem mein Gedankenkarussell sich zu drehen beginnt. Erscheinen auch vor Ihrem inneren Auge gerade solche Momente im Leben? Oder hören Sie eine der zahlreichen «Floskeln» aus dem Volksmund, die sich gelegentlich sogar am Stammtisch zeigen? «Da ist grad Flaute und Ebbe zugleich.» «Was für eine Durststrecke.» «Mein Glas ist mal wieder halb voll.» Manchmal ist das Glas nicht einmal halb voll – manchmal ist es einfach leer. Ebbe eben. Eine Wüstenlandschaft ohne ersichtliche Oase. Sie lässt einen fragen, ob das Meer je zurückkommt oder ob man nun dauerhaft auf dem Trockenen sitzt.
Doch Ebbe zeigt auch, was die Gischt sonst verbirgt: farbenfrohe Steine, eine Vielfalt an Muscheln, kunstvolle Pflanzen – Schätze, die in der Flut untergehen. Auf einmal liegt einem wortwörtlich die Welt zu Füssen. Wer hätte gedacht, dass der Meeresgrund bei Ebbe so gesprächig sein kann?
Auf der Ebbe lässt es sich einfacher vorankommen. Kein wildes Strampeln gegen Strömung, Wellen und Wassermassen. Wer sich bei Ebbe hinauswagt, merkt schnell: Das Leben lässt sich auch von unten bereichernd betrachten.
Ebbe ist kein Mangel. Ebbe ist eine andere Perspektive. Sie erlaubt uns, zu entdecken, zu staunen, zu sammeln – und Klarheit zu schaffen, bevor der Ozean die Schatztruhe wieder verschluckt.
Die Flut kehrt zurück. Kraftvoll, dynamisch, voller Schwung. Dann ist kein Platz mehr, um das eigene Spiegelbild zu betrachten.
Und doch werden wir von der Flut getragen. Sie formt uns, sie bringt Neues mit sich – Dinge, die bei Ebbe noch nicht möglich waren.
Wer hinsieht, erkennt: Ebbe zeigt uns, was es wert ist, entdeckt zu werden. Und die Flut darf kommen – sie bringt uns in Bewegung, lässt uns wachsen und mit dem Gelernten weiterziehen.