le’s Gedanken …
29.07.2025 KolumneSchon weit über ein halbes Jahrhundert ist es her, seit meiner Primarschulzeit im kleinen und überschaubaren Reiatdorf im Kanton Schaffhausen. Wir 56 Kinder sassen in langen Holzbänken, in denen oben die gläsernen Tintenfässchen versenkt waren.
Diese reinigten wir ...
Schon weit über ein halbes Jahrhundert ist es her, seit meiner Primarschulzeit im kleinen und überschaubaren Reiatdorf im Kanton Schaffhausen. Wir 56 Kinder sassen in langen Holzbänken, in denen oben die gläsernen Tintenfässchen versenkt waren.
Diese reinigten wir alljährlich im Frühjahr im nahegelegenen Brunnen. Das Wasser färbte sich blau, was kaum jemanden kümmerte, selbst den Bauern, dem der Brunnen gehörte, nicht. Es gab weder Hellraumprojektor, Visualizer, Beamer noch Computer. Unser Lehrer, ein kleiner dicker Mann, auf dessen Weste eine goldene Uhrkette baumelte, brachte die Welt mithilfe von Schulwandbildern und liebevoll gestalteten, detaillierten und freihändig gezeichneten Wandtafelbildern ins Schulzimmer. Jeden Freitag hatten wir Knaben in Einerkolonne anzutreten. Dann verteilte er uns Tatzen oder Hosenspanner für vergessene Umlautpunkte. Unser Lehrer hatte eigene Vorstellungen darüber, wie man Disziplin im Unterricht herstellt und diese unterstützten unsere Eltern anstandslos. Zu Hause besassen wir kein Telefon, keine Badewanne und die Mutter heizte am Waschtag den grossen Waschhafen mit Holz. Abends spielten wir auf der Strasse Völkerball, Schitliverband und Verstecken. Viel gäbe es da noch zu berichten.
Bis in die 1950er-Jahre besuchten nur wenige Kinder unserer Schule die Kantonsschule. Die meisten absolvierten eine Lehre und bildeten sich anschliessend an einem Technikum oder anderen Schulen weiter aus oder erlangten die Zweitweg-Matura. Während bei uns Frontalunterricht vorherrschte, gibt es diesen immer seltener oder gar nicht mehr an unseren heutigen Schulen. Ebenso das Auswendiglernen von Gedichten oder Geschichtszahlen, die auf Abruf der Klasse vorgetragen werden mussten.
Später unterrichtete ich selbst als Lehrer während über vier Jahrzehnten an einer Realschule.
Anfänglich stand ich im damals nostalgisch anmutenden Dorfschulhaus vor 39 Schülerinnen und Schülern meiner eigenen Klasse. Knaben mit kurzgeschnittenen Haaren, Mädchen mit langen Zöpfen, einige davon gar noch gekleidet in der Thurgauer Werktagstracht. Vieles hat sich während dieser über vierzig Jahre geändert in der Schullandschaft.
Heute sind Lehrpersonen mehr als nur Lehrerinnen und Lehrer. Sie helfen statt zu bestrafen im Unterricht und nehmen oft die Rolle der Vertrauens- und Bezugsperson ein. In der Schule hat sich viel verändert. Nicht nur die Lehrinhalte und Fächer sind anders, sondern auch die Medien, mit denen die Schüler heutzutage arbeiten und unterrichtet werden. Fernseher, Beamer und Computer gehören inzwischen zur Standard-Ausrüstung eines Klassenzimmers.
Dank der neuen Medien arbeiten Lehrer inzwischen mit neuen Unterrichtskonzepten, dies, weil sie selbst zu einer Generation gehören, die mit den digitalen Medien aufgewachsen ist. Sehr beliebt sind Gruppenarbeiten, Projekte oder auch die Entwicklung von eigenen Lernspielen. Mit den neuen Medien erhalten auch interaktive Konzepte mehr Aufmerksamkeit, bei denen das Smartphone oder das Tablet zum Lerngegenstand wird. Der Fokus liegt inzwischen auf Kreativität, Eigeninitiative sowie Team- und Kritikfähigkeit. Das ist nicht mehr zu vergleichen mit der Disziplin, dem Fleiss, der Ordnung und dem Auswendiglernen vergangener Unterrichtstage. Noch viel, viel mehr könnte hier aufgezählt werden.
Im Kontakt mit den heutigen Jungen stelle ich fest, dass sie klare Ziele vor Augen haben und – im Gegensatz zu uns früher – nicht nur kommunikativer sind, sondern ihre Kritik und Anliegen klar und offen kommunizieren können. Im Gegensatz zu uns Jugendlichen von damals haben sie es viel schwerer, sich zurechtzufinden, in einer Zeit von Social Media, Umweltproblemen und politischer Unsicherheit. Nutzen wir älteren Menschen unser Know-how, um ihnen, wenn sie es wünschen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, anstatt sie zu kritisieren.
Ich halte es mit der Philosophie von Sokrates: «Das Geheimnis des Wandels besteht darin, seine ganze Energie nicht auf den Kampf gegen das Alte, sondern auf den Aufbau des Neuen zu richten.» Mein Fazit: Die gute alte Zeit war nicht besser, sondern einfach anders.
(le)