Kutschenfahrt von Zürich nach Kopenhagen über Elgg
28.03.2026 HISTORIE, ElggNach dem Tagebuch von J. C. Lavater (1741 – 1801), Pfarrer am St. Peter in Zürich
Ein Zeitgenosse hatte über ihn bis zum Ende der 1780er-Jahre ein überaus vorteilhaftes Gesamturteil gefällt: «Lavater war ein fröhlicher Mensch»! ...
Nach dem Tagebuch von J. C. Lavater (1741 – 1801), Pfarrer am St. Peter in Zürich
Ein Zeitgenosse hatte über ihn bis zum Ende der 1780er-Jahre ein überaus vorteilhaftes Gesamturteil gefällt: «Lavater war ein fröhlicher Mensch»! Demgegenüber muss das letzte Jahrzehnt seines Lebens, die 1790er-Jahre recht wehmütig stimmen. Überall wachsen ihm die Schatten des vorzeitig nahenden Abends. Die Nachrichten über seine erschütterte Gesundheit seien zahlreicher geworden; er sehe für das Land eine bedrohliche Zukunft und in ihm steigere sich eine befremdliche Art religiöser Empfindung, von Teilen seiner Mitwelt als Ausdrücke «mystischer Züge» genannt und verstanden. Die Verbindung mit seltsamen Kreisen in der fernen Stadt Kopenhagen sei ihm zum eigentlichen Unglück geworden. Im Oktober 1788 schreibt er in sein Tagebuch: «Ich suchte Gott, den immer Unentbehrlichen, immer schwer zu Findenden, Ach! dass ich einen Ort fände, wo ich sicher vor Menschenaugen und Menschenohren ihm laut und magisch genug rufen und durch dies Rufen Ihn mir selber, nach dem individuellsten Bedürfnisse darstellen könnte!»
«Es rauschet, als wollte es regnen» – die Wiederkunft Christi
Im Jahre 1791 beginnt die Verbindung mit den «Kopenhagener Sehern», Angehörige einer geheimen vornehmen Gesellschaft, die behaupteten, die Wiederkunft Christi vorzubereiten. Lavater entschliesst sich für die lange Kutschenfahrt und reist 1793 selbst nach Kopenhagen, um sich mit den Wissenden in Verbindung zu setzen. Nach seiner Rückkehr erwartet er mit Sehnsucht den Aufgang des «Lichtes aus Norden». Jeden Augenblick schreibt er von stärkenden Briefen, die er von dorther empfange. «O Heisch, es rauschet, als wollte es regnen» (aus Briefwechsel mit Gottfried Heisch, Strassburger Theologe). Lavater: «Gott würdige mich, dir bald was Grosses sagen zu dürfen». Heisch jedoch bleibt sehr reserviert und zweifelt; obwohl er an der Sache das grösste Interesse zeigt. Lavaters Freund Johannes Hotze, Dr. med. in Richterswil, von internationalem Ansehen, lehnt entschieden ab. «Von Norden kann ich in Gottes Namen nichts verstehen». Auch die übrigen Freunde schwanken und zweifeln.
Emotionaler Abschied
Sein Tagebuch, «Reise nach Kopenhagen im Sommer 1793», durchaus bloss für Freunde von Johann Kaspar Lavater gedacht, beginnt mit dem ungewohnten, schmerzlichen Abschied: «Der Tag der Abreise ward auf den zwanzigsten May 1793 bestimmt, und meine Tochter Anna machte mir die Freude, von der erhaltenen Erlaubnis, mitgenommen zu werden, die ich, ohne Ihr Wissen, vorher leicht ausgewirkt hatte, Gebrauch zu machen. Montags Nachmittags allso (Pfingstmontag) um halb 1 Uhr riss ich mich aus den Armen meiner Frau meiner Louise, meiner Brüder und einer Menge, o wie herzlich Abschiednehmen, den Freunde los. Ein heisser, obgleich ruhiger, vertrauensvoller Moment! Es kostete die Nette – unter diesem Namen ist meine Tochter und Reisegefährtin meinen Freunden bekannt – sehr viel, sich von der Mamma, so heisst meine Frau nun immer, zu scheiden, und mit ihren nassen Augen durch das freundschaftliche Gedränge, das den Wagen umgab – hindurchzudringen. Mannlich ermunterte Sie die ruhigere und stärkere Mutter- und Sie fasste Muth. Ich gieng Ihr yor, machte Bahn, gab meine Hände rechts und links, und mein Bruder Diethelm führte mir meine Tochter nach. Wie viel ward überstanden da wir im Wagen sassen l Langsam fuhren wir durch die Stadt und erblickten noch hier und dort Freunde, die mit rührender Herzlichkeit uns «Glükliche Reise» zuwinkten. Noch vor den Pforten der Stadt warteten einige auf uns, denen wir noch die Hände und erste Billietchen mit Bleystift an die Mamma mitgaben. Nun waren wir ganz allein, legten fröhlich unsere Hand ineinander und dachten dem Zweck unserer Reise mit heiterer Ruhe nach. Lange nie hatte ich so die Ruhe mit Gefühl genossen wie in den ersten Stunden dieser Reise. Noch nie in meinem Leben hatten sich so viele Geschaffte und Besorgungen aller Art zusammengedrängt; noch nie vergoss ich so heisse Tränen über meine Beladenheit, Gebundenheit, Gedrängtheit wie gerad in der lezten Nacht vor der Abreise- weil diese unzähligen Geschäffte mich gehindert, die lezten Stunden ganz ruhig mit meiner Frau zuzubringen. Jhr Freunde nehmt es nicht übel, findet es auch nicht überflüssig, dass ich dessen Erwähnung thue, dass ich Euch die so neue, so süsse, so heilige Ruhe, die mir an diesem Pfingstmontag ward, mitgeniessen lasse. Es war mir, als wenn ich durch einen sanften Tod der Erde entrissen wäre. Ich empfand einen Vorgeschmack meiner künftigen Erlösung. Herzlich dankte ich Gott und ließ mir bey dieser mir so äusserst seltenenen Ruhe recht wohl seyn.
Schwamendingen – Lektüre des Matthäusevangeliums und Reflexion
Nachdem wir bis Schwamendingen etwa drey viertel Stunden von Zürich bey etwas regnichtem Wetter, schon oft an unsere Lieben zurückdenkendgefahren waren, nahm ich mein neues Testament hervor und wir lasen die vier ersten des Evangeliums Matthäi. Meine Freunde, für die ich diese Auszüge aus meinem Tagebuch diese Reise schreibe, lesen gewiss nicht ungern hin und wieder eine Reflexion, die wir beym Lesen machten. Also hier gleich die Ein und Andre über das Gelesne. Ich habe Respeckt für Alles was von einem grossen Menschen herkömmt auch für das was ich nicht verstehe, um desswillen was ich verstehe. Ich habe Respeckt für die mir noch nicht einleüchtende Bemerkung des Geschichtschreibers: «Alle Glied nun von Abraham bis auf David sind vierzehn Glieder. Und von David bis auf die Wegführung gen Babylon vierzehn Glieder. Und vom der Wegführung gen Babylon bis auf Christum vier zehn Glieder». Ich gestehe noch mehr: Ich ahnde einen möglichen grossen Glauben. Mich erquickt allemahl die Geschichte der morgenländischen Weisen, die ich um vieles nicht preisgäbe. Sie hat wie jene Geschichte der Ehebrecherin Joh VIII an deren Aechtheit man auch zweifeln wollte, das Gepräge der Wahrheit, in sich selbst. So ist mir besonders auch die Taufe Jesu ein unschätzbares Kleinod der Geschichte Jesu. Er selbst bedurfte des Zeugnisses Gottes, dass Er Gottes Sohn sey. Bedurfte einer auffallenden Weyhung (Initiation) zu seinem hohen Berufe. So ist mir auch die Versuchungsgeschichte, als zusammenhängend mit seiner Taufe, als Vorbereitung und Uebung, sich des Vaters allerstrengsten Willen zu unterwerfen hochwichtig und zur Beleuchtung seiner Bestimmung unentbehrlich. Soviel bey Anlass des Lesens.
Wallisellen – leiser Schlummer
Nach halb zwey fuhren wir durch Wallissellen, wo mich, da ich die vorige Nacht wenig geschlafen und mich die erste Tages Hälfte sehr ermüdet hatte, ein sanfter leichter Schlummer überfiel. In dem ich aber die Besinnung nicht verlor, kenne ich keine süssere (mir oft vergönnte) Empfindung, als innige Ergebung und Danksagung an Gott in einem so leisen Schlummer der uns gerade nur diese Empfindung lässt und uns doch die ganze übrige Schöpfung bedeckt. Noch las ich verschiedene verschlossen mir und meiner Tochter mitgegebne Briefchen. Erst ein freundschaftliches christliches Billliet von einer Freündinn, die sich meinem christlichen Andenken empfahl. Die Summe des Briefchens war – so ganz aus meinem Herzen: «Ich wünsche mir nur Eine Gnade «um die Gnade zu bethen bitten zu können» – Ein sehr herzliches Billiet von M.W.M dessen Summe war – «O dass Sie auf Ihrer Reise viele ächte Christen! und etwas von dem was Sie schon so lange suchten finden mögten!» Sodann noch Eins von K.B voll Dankbarkeit für Ein Wort; und noch Eins voll christlichen starkenden Sinnes von M und C S.L. Wie rührte mich diess alles! Diese für mich so unzweydeütigen Pfaender herzlicher Liebe und christlichen Sinnes, wie erweckten sie mich zur Dankbarkeit gegen Gott. Dann schrieb ich das zweyte Billiet an Mamma – Von unserer glücklichen Reise bis Bassersdorf, wo wir ein Vierthel nach Zwey ankamen, mit der lächelnden Empfindung den vierhunderten Theil unserer Hin- und Herreise so vergnügt wie möglich zurückgelegt zu haben.»
MARKUS SCHÄR



