Ist gut eigentlich gut genug?
Oder ist das nur die Vorstufe von «da geht noch was»?
Beginnt genau dort unser heimliches Benoten und Vergleichen?
An solchen Tagen entscheidet sich irgendwo zwischen Zahnbürste und Morgenkaffee: Heute bin ich streng mit mir – und ...
Ist gut eigentlich gut genug?
Oder ist das nur die Vorstufe von «da geht noch was»?
Beginnt genau dort unser heimliches Benoten und Vergleichen?
An solchen Tagen entscheidet sich irgendwo zwischen Zahnbürste und Morgenkaffee: Heute bin ich streng mit mir – und am besten auch gleich mit meinem Gegenüber. Wir verlangen viel. Manchmal alles. Wir sind Weltmeister im Nachbessern – bei uns selbst ebenso wie im nahen Umfeld. Kaum ist etwas erledigt, steht innerlich schon jemand mit Klemmbrett da und sagt: Ja, also … nett. Aber … Wir sollen funktionieren wie Schweizer Uhrwerke, aber bitte mit Herz, Tiefgang, Humor und uneingeschränkter Erreichbarkeit. Wir sollen Fehler machen dürfen – aber nicht zu viele. Schwach sein – aber nur kurz. Stark sein – aber nicht einschüchternd. Und am besten souverän lächeln, während wir innerlich gerade die Welt neu sortieren. Unsere Massstäbe sind beeindruckend – leider selten geeicht. An guten Tagen wägen wir nach Augenmass, an schlechten mit der Lupe, direkt über jeder noch so kleinen Unzulänglichkeit. Zoomstufe: maximal. Sind wir fair? Zu uns selbst? Selten. Zu anderen? Wir üben noch. Mit wechselndem Erfolg. Doch womit messen wir überhaupt? In Zentimetern der Vergangenheit? In Kilogramm alter Enttäuschungen? In Sekunden verpasster Chancen? Oder in der fragwürdigen Einheit «man müsste», die noch nie jemand gesehen, jedoch alle schon deutlich gespürt haben?
Fairness beginnt nicht bei grossen Gesten oder besonders weisen Lebenssätzen. Sie beginnt bei bewussten, kleinen Pausen. In einem Moment, in dem wir uns erlauben zu sagen: Heute war das genug. Nicht weltbewegend. Nicht brillant. Doch das Beste, was ich konnte, ehrlich gemeint und aufrecht getragen. Wir dürfen ein bisschen grosszügiger sein. Mit uns selbst – und mit anderen. Mehr lachen, wenn etwas schiefgeht. Mehr sein lassen, was sich heute ohnehin nicht ändern lässt, ohne gleich zu bewerten, zu vergleichen oder innerlich die Strichliste zu zücken. Gut genug ist kein Mass, Gut genug ist eine Einstellung. Eine Einladung, menschlich zu bleiben. Sanfter zu uns selbst. Nachsichtiger miteinander. Und mutig genug, das Leben nicht nur zu jurieren, sondern auch zu geniessen.