Der Schweiz geht es gut. Vielleicht zu gut. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Staat funktioniert, die Löhne pünktlich kommen, die Sozialwerke tragen und der Wohlstand scheinbar (und oberflächlich betrachtet) selbstverständlich wächst. Während andere ...
Der Schweiz geht es gut. Vielleicht zu gut. Wir haben uns daran gewöhnt, dass der Staat funktioniert, die Löhne pünktlich kommen, die Sozialwerke tragen und der Wohlstand scheinbar (und oberflächlich betrachtet) selbstverständlich wächst. Während andere Länder um Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze und stabile Staatsfinanzen kämpfen, diskutieren wir darüber, wie wir weniger arbeiten und früher in Pension gehen können.
Unsere Nachbarländer Deutschland und Frankreich stecken in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte kürzlich sinngemäss: «Wir müssen so arbeiten wie die Schweizer.» Das klingt wie ein Kompliment. Es sollte für uns aber vor allem ein Weckruf sein.
Denn: Arbeiten wir tatsächlich noch so, wie es diesem Ruf entspricht? Immer mehr Menschen reduzieren ihr Pensum, ziehen sich frühzeitig aus dem Erwerbsleben zurück oder betrachten Arbeit zunehmend als notwendiges Übel. Die Vier-Tage-Woche wird gefordert, bevor geklärt ist, wer die Arbeit am fünften Tag erledigt. Gleichzeitig fehlen Pflegekräfte, Handwerker, Lehrpersonen, Fachkräfte und Unternehmer, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Natürlich darf jeder seinen Ruhestand geniessen, wenn er ihn sich erarbeitet und finanziell abgesichert hat. Doch was individuell verständlich ist, kann gesellschaftlich problematisch werden. Wenn immer mehr Menschen früher aufhören, weniger arbeiten und länger Leistungen beziehen, muss irgendjemand die Rechnung bezahlen.
Dieser Jemand ist die nächste Generation. Diese nächste Generation soll höhere Renten finanzieren, steigende Gesundheitskosten tragen, die Infrastruktur erhalten, den Klimaschutz bezahlen und gleichzeitig den Wohlstand sichern. Das alles mit weniger Erwerbstätigen und einer alternden Bevölkerung. Diese Rechnung kann auf Dauer nicht aufgehen.
Die Schweiz besitzt keine grossen Rohstoffvorkommen. Unser Wohlstand beruht auf Fleiss, Ausbildung, Innovation, Verlässlichkeit und Leistungsbereitschaft. Doch genau diese Grundlagen werden zunehmend als selbstverständlich betrachtet. Wir verteilen, was frühere Generationen aufgebaut haben, und reden zu wenig darüber, wer künftig noch etwas aufbauen soll.
Wohlstand verschwindet selten über Nacht. Er erodiert langsam. Zuerst sinkt die Leistungsbereitschaft. Dann nimmt die Produktivität ab. Unternehmen investieren anderswo, Fachkräfte fehlen, Steuern steigen und die Sozialwerke geraten unter Druck. Irgendwann stellt man fest, dass aus einem reichen Land ein bequemes Land geworden ist – und aus einem bequemen Land ein ärmeres.
Noch geht es uns gut. Noch können wir uns Frühpensionierungen, Teilzeitmodelle und immer neue staatliche Leistungen leisten. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir es uns heute leisten können, sondern wie lange noch.