Gedanken zur Lage: Lesen und Verstehen
17.10.2026 KolumneLesen und Verstehen
Dr. Roman Engeler, Ettenhausen
Die Schweiz gehört im internationalen Bildungsvergleich weiterhin zu den besseren Nationen. Das zeigen die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der Pisa-Studie 2025. In Mathematik, ...
Lesen und Verstehen
Dr. Roman Engeler, Ettenhausen
Die Schweiz gehört im internationalen Bildungsvergleich weiterhin zu den besseren Nationen. Das zeigen die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse der Pisa-Studie 2025. In Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen liegen unsere Jugendlichen über
dem Durchschnitt. So weit, so erfreulich. Allerdings ist der Glanz etwas verblasst. Über längere Zeit betrachtet zeigen die Leistungen nach unten. Besonders bedenklich: Ein steigender Anteil der Jugendlichen bekundet Mühe, nicht nur einen Text zu lesen, sondern dessen Inhalt auch tatsächlich zu verstehen.
Man könnte nun über unser Bildungssystem, digitale Ablenkungen, migrationstechnische Einflüsse oder die schwindende Bedeutung des geschriebenen Wortes philosophieren. Doch weshalb auf den Jugendlichen herumhacken? Schliesslich gibt es auch unter Erwachsenen prominente Beispiele mangelnder Lesekompetenz. Und zwar ausgerechnet dort, wo man sie eigentlich am wenigsten erwarten würde: In den höchsten Etagen unserer Bundesverwaltung.
Das Verteidigungsdepartement (VBS) hat nämlich geradezu mustergültig demonstriert, dass man dort mit Lesen und Verstehen grosse Mühe bekundet. Jahrelang wurde uns versichert, der Vertrag für die Beschaffung der US-Kampfflugzeuge vom Typ «F-35» beinhalte einen verbindlichen Fixpreis.
Nun wissen wir dank der Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats: Einen solchen pauschalen Fixpreis gab es gar nie. Mehr noch: Nur wenige der beteiligten Personen hatten den Vertrag überhaupt vollständig gelesen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Da bestellt man Kampfflugzeuge für sechs Milliarden Franken, aber offenbar fehlte die Zeit, das dazugehörige Vertragswerk gründlich zu studieren. Vielleicht war die Lektüre zu trocken. Vielleicht waren die englischen Formulierungen zu kompliziert. Oder vielleicht war man schlicht der Ansicht, ein Vertrag werde durch genügend häufiges Wiederholen der eigenen Interpretation irgendwann verbindlich.
Bei einer gewöhnlichen Schulprüfung gäbe es dafür wohl eine ungenügende Note. Im VBS hingegen folgten Medienkonferenzen, Beschwichtigungen und schliesslich die Erkenntnis, dass die Amerikaner unter einem Fixpreis etwas anderes verstehen als unsere Beschaffungsbehörden. Das könnte die Steuerzahler nun mehrere Hundert Millionen Franken zusätzlich kosten. Ein ziemlich teurer Nachhilfeunterricht.
Vielleicht sollte die nächste Pisa-Studie deshalb nicht nur 15-Jährige erfassen, sondern auch Bundesämter und Departemente. Mit einer einfachen Prüfungsaufgabe: «Lesen Sie den vorliegenden Vertrag und erklären Sie anschliessend, was darin tatsächlich steht – und zwar bevor Sie unterschreiben.»
Nicht lesen zu können, ist ein Bildungsproblem. Nicht lesen zu wollen, ist jedoch ein Führungsproblem.

