Ganz offen gesagt: Sprache im Wandel
16.05.2026 KolumneSprache im Wandel
«Bro, diä Opfers sind cringe.» Verstehen Sie diesen Satz? Wenn Sie Mühe haben, solche Worte zu deuten, so fragen Sie einfach Ihre Kinder. Ähnliche Sätze hört man auf Pausenplätzen zuhauf. So ist zum Beispiel die ...
Sprache im Wandel
«Bro, diä Opfers sind cringe.» Verstehen Sie diesen Satz? Wenn Sie Mühe haben, solche Worte zu deuten, so fragen Sie einfach Ihre Kinder. Ähnliche Sätze hört man auf Pausenplätzen zuhauf. So ist zum Beispiel die Anrede «Bro» (brother) für gute Freunde unter den Jugendlichen geläufig und normal. Falsche Pluralformen in der Mundart findet man auch bei vielen Erwachsenen, wenn sie von Meitlis sprechen. Oft wird wie im Englischen einfach überall ein -s angehängt. Auch «cringe» ist ein gebräuchliches Wort, das aus der englischen Sprache übernommen wurde. Es ist eine Bezeichnung für Personen, die so peinlich sind, dass man sich für sie fremdschämen muss.
Sprache hat sich im Laufe der Zeit immer gewandelt. Der Beginn eines berühmten mittelhochdeutschen Gedichts ist zwar noch verständlich: «Ich saz ûf eime steine und dahte bein mit beine». Die Fortsetzung wird aber immer schwieriger. Rechtschreibung, grammatikalische Strukturen und Wortschatz haben sich eben gewandelt.
Doch ich habe den Eindruck, dass es heute immer schneller geht. Neue Wörter kommen vor allem aus der englischen Sprache, andere Wörter werden nicht mehr verstanden und verschwinden deshalb aus unserem Wortschatz. Grammatikalische Fehler werden langsam «salonfähig», so dass sich heute niemand mehr über das/ dass-Fehler aufregt.
Ich mag mich noch gut erinnern, wie ich meinen ersten Liebesbrief mindestens zehnmal umgeschrieben habe. Nicht nur habe ich die Sätze immer wieder neu formuliert, ich habe sie auch mehrmals durchgelesen und auf Fehler überprüft. Heute erledigen wir solche Konversationen über elektronische Medien. Es ist schneller, einfacher und erspart uns den Gang zum Briefkasten. Doch unsere WhatsApp-Nachrichten strotzen vor Fehlern, da wir sie abschicken, bevor wir sie durchgelesen haben. Das Geschriebene verliert in meinen Augen so an Wert. Es wird beliebig und austauschbar.
Als Deutschlehrer ist es mir ein Anliegen, dass die Jugendlichen möglichst fehlerfreie und exakte Texte verfassen können. Sprache darf sich natürlich wandeln. Jugendsprache hat sicher ihren Platz. So hat zum Beispiel das Wort «geil» eine Bedeutungserweiterung erfahren und heisst heute nach Duden nicht mehr nur «sexuell erregt», sondern wird auch für «grossartig» verwendet. Richtige und verständliche Sprache ist aber nach wie vor sehr wichtig. Rechtschreibung und Inhalt sollten genau überprüft werden, bevor sie öffentlich werden. Es schadet auch nichts, Textnachrichten durchzulesen, bevor man sie abschickt. Wenn diese Punkte beachtet werden, müssen wir uns nicht über die Jugendsprache aufregen, sondern können sie mit einem Schmunzeln beobachten. Dann trifft der Satz eines meiner Schüler zu, welcher beschwichtigte: «Es isch doch nöd so deep (so schlimm)».

