Ganz offen gesagt: Saal-Karrieren
23.05.2026 KolumneDie Schweiz war stets stolz auf ihr Milizsystem. Neben dem eigentlichen Beruf engagiert man sich für die Öffentlichkeit, sei es in Vereinen oder Feuerwehren oder sei es in der Politik. So waren im Nationalrat beispielsweise vorwiegend Menschen vertreten, die wussten, wie schwierig es ...
Die Schweiz war stets stolz auf ihr Milizsystem. Neben dem eigentlichen Beruf engagiert man sich für die Öffentlichkeit, sei es in Vereinen oder Feuerwehren oder sei es in der Politik. So waren im Nationalrat beispielsweise vorwiegend Menschen vertreten, die wussten, wie schwierig es ist, Löhne zu bezahlen, Kunden zu halten oder Investitionen zu stemmen. Politik war kein Beruf, sondern ein Dienst an der Allgemeinheit.
Heute scheint dieses Modell zunehmend zu erodieren. Besonders auffällig ist dies in gewissen politischen Lagern links der Mitte. Dort entsteht immer häufiger der Eindruck eines politischen Berufskaders, das den direkten Bezug zur realen Arbeitswelt verloren hat.
Der Weg vieler Exponenten führt nicht mehr vom Betrieb oder aus der Praxis ins Parlament, sondern fast nahtlos vom Gebär- über den Hörin den Parlamentssaal. Sogenannte Saal-Karrieren führen zur Berufspolitik und ersetzen dabei Lebenserfahrung.
Natürlich ist Bildung wichtig, und niemand wird ernsthaft behaupten, ein Studium sei ein Makel. Problematisch wird es aber dann, wenn politische Entscheide zunehmend von Personen gefällt werden, die nie unternehmerische Verantwortung getragen, nie eine eigene Lohnsumme finanziert und nie das Risiko eines wirtschaftlichen Scheiterns erlebt haben. Wer nie selbst Geld verdienen musste, entwickelt oft auch ein anderes Verhältnis zu Steuern, Abgaben oder Regulierung.
Gerade in wirtschaftsnahen Branchen, im Gewerbe oder in der Landwirtschaft wächst deshalb die Skepsis gegenüber Teilen der Politik. So empfindet man die parlamentarischen Vorstösse als theoretisch, realitätsfern oder ideologisch überhöht. Wer täglich mit Wetterrisiken, steigenden Energiepreisen, Fachkräftemangel oder internationalem Wettbewerbsdruck kämpft, hat wenig Verständnis für zusätzliche Bürokratie oder immer neue Verbote, die am grünen Tisch entstehen.
Das Milizsystem lebte einst gerade davon, dass Politikerinnen und Politiker aller Couleur ihre Bodenhaftung behielten. Die Unternehmerin wusste, wie sich eine neue Regulierung auf den Betrieb auswirkt. Der Landwirt kannte die Konsequenzen zusätzlicher Auflagen aus eigener Erfahrung. Diese direkte Verbindung zwischen politischer Verantwortung und wirtschaftlicher Realität war eine grosse Stärke der Schweiz.
Heute droht eine Entkopplung. Politik entwickelt sich zunehmend zu einer eigenen Branche mit eigenen Karrierewegen, Netzwerken und Sprachcodes. Wer schon früh in Jungparteien, Verbänden oder Aktivistenorganisationen unterwegs ist, sammelt zwar politische Erfahrung – aber nicht zwingend Lebenserfahrung ausserhalb der politischen Blase.
Die Folge ist eine wachsende Distanz zwischen Bevölkerung und Politik. Viele Bürger haben den Eindruck, dass gewisse Parlamentarier zwar über Umverteilung, Klimaziele oder Arbeitsbedingungen sprechen, jedoch kaum wissen, wie Wertschöpfung überhaupt entsteht. Wohlstand fällt aber nicht vom Himmel. Er muss täglich erarbeitet werden – in Werkhallen, auf Baustellen, in KMU, auf Bauernhöfen oder sonst in Familienbetrieben.
Das Schweizer Erfolgsmodell beruhte immer auf einem gewissen Pragmatismus. Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, das Milizprinzip wieder stärker zu pflegen. Nicht aus Nostalgie, sondern weil politische Entscheide besser werden, wenn Menschen mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund Verantwortung tragen. Demokratie braucht nicht nur Überzeugungen und Ideale, sondern auch praktische Erfahrung und wirtschaftliche Bodenhaftung.

