Digitaler Alltag – nicht für alle einfach
20.01.2026 Elgg, AadorfTicketautomaten am Bahnhof, bargeldlose Zahlungen, Einzahlungen nur noch über Automaten und immer mehr Dienstleistungen, die ein Smartphone voraussetzen: Die Digitalisierung schreitet rasant voran – und stellt insbesondere viele Seniorinnen und Senioren vor neue Herausforderungen.
...Ticketautomaten am Bahnhof, bargeldlose Zahlungen, Einzahlungen nur noch über Automaten und immer mehr Dienstleistungen, die ein Smartphone voraussetzen: Die Digitalisierung schreitet rasant voran – und stellt insbesondere viele Seniorinnen und Senioren vor neue Herausforderungen.
Was für jüngere Generationen selbstverständlich ist, bedeutet für ältere Menschen oft eine grosse Umstellung. Der Kauf eines Zugtickets am Automaten, das Scannen eines QR-Codes oder die Bedienung von Apps verlangen nicht nur technisches Verständnis, sondern auch Routine.
«Früher bin ich einfach an den Schalter gegangen. Heute stehe ich vor dem Automaten und weiss nicht, wo ich drücken soll», erzählt eine 78-jährige Rentnerin aus Aadorf.
Besonders einschneidend empfinden viele Seniorinnen und Senioren den Abbau persönlicher Dienstleistungen. Postschalter mit eingeschränkten Öffnungszeiten, fehlendes Personal an Bahnhöfen oder die Verlagerung von Bankgeschäften ins Digitale sorgen bei manchen für Unsicherheit. Auf Unverständnis stösst zudem, dass bei Bareinzahlungen am Postschalter Gebühren erhoben werden.
Senioren werden vergessen
Sonja Lutz, Ortsvertreterin der Pro Senectute Elgg, beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. «Menschen – ob jung oder alt – werden immer wieder vor neue technische Herausforderungen gestellt und meistern diese je nach Alter besser oder schlechter», sagt sie. Ihre persönliche Einschätzung sei jedoch klar: «Die älteren Seniorinnen und Senioren werden bei vielen Neuerungen vergessen.»
Viele von ihnen besässen kein Handy oder könnten nur schlecht damit umgehen. «Sie sind auf Hilfe von Kindern oder Enkeln angewiesen – doch diese sind nicht immer in der Nähe», erklärt Lutz. Besonders problematisch sei die Situation im öffentlichen Verkehr.
«Für uns ist es selbstverständlich, kurz vor der Zugseinfahrt ein Ticket auf dem Handy zu lösen oder EasyRide zu aktivieren. Das ist aber längst nicht für alle einfach – vor allem nicht für ältere Menschen ohne Smartphone.» Immer wieder höre sie, dass Betroffene aus Überforderung ein Generalabonnement kauften. «Das kostet viel Geld, gibt ihnen aber Sicherheit. Im Grunde ist das ein Sponsoring für die SBB», sagt Lutz. Auch bei TV-Wettbewerben fühlten sich ältere Menschen benachteiligt, da sie häufig kostenpflichtig teilnehmen müssten, während Jüngere kostenlos online mitmachen könnten.
Angst statt Ablehnung
Isabelle Denzler, Geschäftsführerin der Lernloft GmbH und Leiterin des Lernlofttreffs, bestätigt diese Beobachtungen. «Viele Seniorinnen und Senioren sind nicht grundsätzlich gegen Digitalisierung – sie haben vielmehr Angst, etwas falsch zu machen oder nicht mehr mitzukommen», sagt sie.
«Die grösste Hürde ist oft nicht die Technik selbst, sondern die Unsicherheit: Was passiert, wenn ich einen falschen Knopf drücke?»
Schon einfache Alltagssituationen könnten zur Belastung werden. «Der Kauf eines Zugtickets wird zur Herausforderung, wenn Schalter verschwinden und Apps als selbstverständlich gelten», erklärt Denzler. Auch QR-Codes würden häufig eingesetzt, ohne Alternativen anzubieten. «Viele wissen nicht, was sie damit anfangen sollen oder wie sie funktionieren.»
Zwar nutzten viele ältere Menschen ihr Smartphone täglich, doch meist nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten. «Nicht das fehlende Interesse ist das Problem, sondern das Fehlen von verständlicher Begleitung», betont Denzler. Entscheidend seien Zeit, Geduld und Erklärungen ohne Fachsprache – «am besten im eigenen Tempo». Persönliche Unterstützung und niederschwellige Lernangebote seien zentral, damit niemand von der Digitalisierung ausgeschlossen werde.
Kritik an Gebühren und Ungleichbehandlung
Auch Dora Lackner aus Elgg äussert deutliche Kritik an den Schaltereinzahlungen: «Es ist bedenklich, wie beispielsweise Krankenkassen mit ihren Kundinnen und Kunden umgehen», sagt sie. Auf der ersten Rechnung im Jahr 2026 sei vermerkt gewesen, dass Prämienzahlerinnen und -zahler künftig die Postgebühren selbst tragen müssten, wenn sie am Schalter bezahlen.
«Ich werde nicht die Einzige sein, die mit der heutigen Digitalisierung Mühe hat», sagt Lackner. Bei einer Monatsprämie von 1319.50 Franken für sie und ihren Mann könne die Krankenkasse diese Gebühr durchaus selbst übernehmen. Gleichzeitig würden CEO-Honorare von 976’433 Franken ausbezahlt. «Wie kann das sein?»
Auch Ursula Pazeller aus Elgg sieht die Entwicklung kritisch. Sie stört sich daran, dass vielerorts nur noch mit dem Handy bezahlt werden könne – etwa bei Parkplätzen oder beim Lösen von Zugtickets.
«Ich arbeite viel und oft mit dem PC und dem Handy», sagt sie, «trotzdem finde ich es nicht gut, wenn alles digitalisiert ist.»
Zudem warnt sie vor den Risiken: «Heute muss man sehr aufpassen, dass man nicht über den Tisch gezogen wird.» Besonders Telefonbetrug bereite ihr Sorgen. «Der Enkeltrick ist ein grosses Thema. Meine Schwester erhält sehr viele solche Anrufe.»
Lernen mit Geduld
Gleichzeitig gibt es auch viele ältere Menschen, die sich aktiv mit der neuen Technik auseinandersetzen. Kurse, Hilfe von Familie oder Nachbarn sowie Geduld beim Ausprobieren helfen, Hürden zu überwinden.
«Am Anfang hatte ich Angst, etwas falsch zu machen. Heute kaufe ich mein Billett selbst am Automaten – es braucht einfach Übung», berichtet eine 70-jährige Seniorin.
Fachstellen und Organisationen sind sich einig: Digitalisierung soll den Alltag erleichtern – nicht ausgrenzen. Wie gut der Spagat zwischen technologischem Fortschritt und sozialer Teilhabe gelingt, wird sich daran messen lassen, ob ältere Menschen weiterhin selbstständig und ohne Angst am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
EMANUELA MANZARI

