Der Federdirigent: Zu kurz gedacht
31.10.2026 KolumneDer Federdirigent … schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Zu kurz gedacht
Ich betätige den Startknopf der Wippfräse. Wie schon in den letzten acht Jahren, wohl zum 200. Mal. Ich raste ...
Der Federdirigent … schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Zu kurz gedacht
Ich betätige den Startknopf der Wippfräse. Wie schon in den letzten acht Jahren, wohl zum 200. Mal. Ich raste den Gehörschutz ein und klappe das Visier meines Holzerhelms runter. Die Fräse kann ich jeweils vom Nachbarn ausleihen inklusive Verlängerungskabel. Vielen Dank an dieser Stelle. Ich lege den ersten Meterscheit auf, den ich am Morgen im Wald geholt habe und drücke das Holz gegen die Fräse und – kaponnggg! – landet das Holzscheit mit voller Wucht auf Stirnhöhe am Visier. Hoppla – nicht auszudenken, wie meine Visage jetzt aussehen würde, wenn sie nicht geschützt gewesen wäre. Aber warum das? Ich stelle die Fräse aus und warte bis sie stillsteht. Schalter ein: Das Fräsblatt dreht verkehrt!
Hmm – was hat sich verändert, seit dem letzten Einsatz mit den gleichen Kabeln? Da das Kabel des Nachbarn ein paar verkrümmte Kontakte hat und meine Starkstrom-Steckdose schlecht zugänglich ist, habe ich immer mein eigenes, kürzeres Verlängerungskabel mit geraden Kontakten zwischen Steckdose und Verlängerung gesteckt. Auch heute. Und doch läuft die Fräse verkehrt. Bingo! Vor einem halben Jahr haben wir eine PV-Anlage montiert und im gleichen Zug das 50-jährige Elektrotableau ersetzt. Und heute fräse ich das erste Mal mit dem neu verdrahteten Tableau. Der Elektriker steht unter Generalverdacht.
Häsch gschloofe bim Verdrohte?
Ich kontaktiere die nicht ortsansässige Firma. Als ich den zuständigen Elektriker am Telefon habe, sagt er mir, wie ich es einfach kontrollieren kann. Ich kontrolliere. Meine Antwort bestätigt ihm, dass vermutlich alles richtig angehängt wurde, aber er könne schon mal vorbeischauen. Wir machen einen Termin ab.
Heute Morgen habe ich mit Sohnemann abgemacht, der Interesse an Brennholz bekundet hat. Da er im Bereich Elektro aufgrund seiner Berufsbildung ein solides Fachwissen mitbringt, kommt er zum gleichen Schluss, wie der zuvor kontaktierte Elektriker: «Wir können an deinem Verlängerungskabel einfach die Pole wechseln und dann läuft die Fräse richtig!» Gesagt, getan! So funktioniert es und wir fräsen ein, zwei Ster Holz und transportieren es zu ihm nachhause.
Ein paar Tage später versuche ich die Kontakte geradezubiegen. Aber mit dem sanftesten Biegeversuch passiert das Unvermeidliche. Ein Kontaktstift bricht ab! Sch…öner Tag heute! Mein Sohn bietet sich sofort an, den Stecker zu wechseln und schickt mir auch gleich den Link zum Stecker, den ich besorgen muss im nahen Baumarkt. Ich kaufe noch ein neues 10-Meter-Verlängerungskabel. Am gleichen Abend sitze ich bei Sohnemann in der guten Stube und er wechselt professionell die Stecker. Auch an meinem alten Verlängerungskabel bringt er einen neuen Stecker an, da die heutige Norm die alten (50-jährigen) Starkstromstecker nicht mehr aufnehmen können. Aber bei diesem vertauscht er bewusst die Pole, da dies ja nötig zu sein scheint und ich in den nächsten Tagen wieder fräsen will.
Zwei Tage später teste ich alle reparierten und optimierten Kabel aus. Zuerst das neu gekaufte: Die Fräse läuft richtig! Ich schalte noch mein altes Kabel mit den «korrigierten» Polen dazwischen: Die Fräse läuft verkehrt. Nun noch das Nachbarkabel mit neuem Stecker: Fräse korrekt!
Fazit: Mein Verlängerungskabel, das mir mein Vater vererbt hat, war schon immer verkehrt gepolt, vermutlich aufgrund einer fehlerhaften Steckdose und nur das Kabel umzupolen war die günstigste und schnellste Lösung. Als mein Sohn kürzlich die Pole getauscht hat, war es wieder korrekt gepolt. Da die Stecker des Nachbarkabels schon immer krumm waren, war ich auf dieses ursprünglich falschgepolte Kabel angewiesen und hatte es immer dazwischen gesteckt. Wäre dies nicht der Fall gewesen, wäre mir schon beim ersten Betrieb vor acht Jahren ein Holzbengel um die Ohren geflogen … und ich war damals noch nicht mit Holzerhelm an der Fräse tätig und hätte heute vielleicht eine krumme Nase.
Was eine zu kurz gedachte Ersparnis doch für fatale Folgen haben kann! Bin froh um die Bewahrung, damals, wie auch jetzt! Den Termin mit dem Elektriker habe ich natürlich storniert.
STEFAN WANZENRIED
FEDERDIRIGENT.CH



