Der Federdirigent: Influenca Sprayitis
30.05.2026 KolumneDer Federdirigent… schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Influenca Sprayitis
Persönliche Nachrichten anderer können durchaus interessant sein, auch wenn sie mich gar nichts angehen. ...
Der Federdirigent… schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Influenca Sprayitis
Persönliche Nachrichten anderer können durchaus interessant sein, auch wenn sie mich gar nichts angehen. Aber wenn ich darüber stolpere, sie mir in die Augen springen, interpretiere ich gern etwas in die Worte, die vielleicht nie so gemeint waren. In den letzten Jahren begegnen sie mir immer häufiger – in Unterführungen, auf frisch restaurierten Bänken, an Verkehrstafeln, auf Brücken, an Bahnwagen und sonst wo, wo man sie eigentlich gar nicht sehen will. Aber es gibt offenbar Individuen, die es nicht lassen können ihre geheimen Botschaften in öffentlichem Raum auf allgemeinem oder privatem Eigentum zu platzieren – mittels Spraydose. „Was söll das?“
Ich weigere mich zu denken, dass dies Fans von Vereinen sind, die mit FCSG, 1879 oder FCZ in grossen Lettern auf fremdem Eigentum Schaden anrichten. Denn welcher Fan bringt seinen Verein gerne damit in Verruf, indem er öffentliches oder privates Gut verschmiert? Das ist doch kein Fan, das ist ein Chaot.
Ach ja – und ist 1879 der PIN-Code der Bankkarte der Chaoten?
Darum verstehe ich unter der verschlüsselten Botschaft FCSG «Für chaotische Sprayer Goofen». Oder für FCZ «Fanatische Chaoten Zeit». Genau, die Protagonisten wollen ihre Eigenart der Öffentlichkeit präsentieren, ist es nicht so? Ach ja – und ist 1879 der PIN-Code der Bankkarte der Chaoten?
Sie haben zweifelsohne Einfluss auf unsere Gesellschaft, aber leider keinen sonderlich guten. Ein Stück weit fühlen sie sich wohl als Influencer. Doch Influencer werben doch für etwas, stellen ein Produkt vor und beleuchten es von allen Seiten. Leider sind die FCSG-, FCZ- und die «Was noch sonst alles»-Spraydosen-Influencer nicht von dieser Art. Sie machen definitiv nur schlechte Werbung für ihr Produkt, ihren Verein. Obwohl ich vermute, dass dies im Grunde nicht ihre Motivation ist, oder?
Mit «ein wenig Vernunft haben» zu argumentieren, scheint mir hinfällig. Denn wer vernünftig sein will, sollte ein gewisses Mass an Selbstreflexion üben können. Ein wenig Selbstreflexion täte ihnen durchaus gut. Ob sie es gernhätten, wenn man ihr neu gekauftes Mofa oder ihr frischgespritztes Auto mit FCSG in Grün oder FCZ in Blau verziert?
Apropos Influencer – da gibt es doch noch die Influenca, die echte Grippe, wie Wikipedia mir verrät. Sie kündigt sich an mit abrupt hohem Fieber, starkem Krankheitsgefühl, Muskelund Kopfschmerzen und kann schwerwiegende Komplikationen hervorrufen.
Ich habe eine neue Form dieser Krankheit entdeckt, die Influenca Sprayitis, die sich unheimlich schnell ausbreitet, wie mir scheint. Sie kündigt sich mit abrupt hoher Egozentrik und Wahrnehmungsstörung an, bereitet Muskelschmerzen in den Händen des Sprayers, der stundenlang den Spraykopf drücken muss. Und Kopfschmerzen denjenigen, die die Schmiererei an ihrem Eigentum sehen müssen. Und daher schwerwiegende Komplikationen hervorruft, aber leider in den seltensten Fällen beim Verursacher selber.
Da müsste man doch Abhilfe schaffen können? Gibt es denn dagegen keine Mittel? Die Stadt Zürich versuchte es mit dem Opferschutz. Mit Aravel, einem Schutzanstrich, der es ermöglichte, eine Sprayerei in kürzester Zeit wieder zu entfernen, ohne dass die Farbe in den Untergrund eintreten und tiefergehende Schäden verursachen konnte. Sie bemalte alle schützens würdigen Bauten damit für tausende von Franken, um die jährlichen Spayer-Reinigungskosten von einer halben Million Franken zu reduzieren. Der Nachteil: es entstanden immer wieder aufs Neue schöne Sprayerflächen. Aber das müsste doch nicht beim Opferschutz bleiben!
Führen wir doch einen Waffenschein für Spraydosen ein! Jeder, der sich Spraydosen kauft, muss sich und seine gekauften Dosen registrieren. Jede Farbe in jeder Dose hat einen eindeutigen Fingerprint, einen Code, quasi eine Farb-DNA, die jedem registrierten Käufer zugeordnet werden kann.
Denn dann hätten die Verursacher die Kopfschmerzen und nicht die Opfer.
STEFAN WANZENRIED
FEDERDIRIGENT.CH


