DER FEDERDIRIGENT: Dein Freund und Helfer – denkste!
30.04.2026 KolumneDer Federdirigent… schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Dein Freund und Helfer – denkste!
Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Büro zuhause von 15 ...
Der Federdirigent… schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Dein Freund und Helfer – denkste!
Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Büro zuhause von 15 Ordnungshütern gleichzeitig so drangsaliert würde. So geschehen am 30. März dieses Jahres. Sie fielen hinterrücks über mich her. Die einen trafen mich mit voller Wucht im Rücken und am Arm. Jene, die mich verfehlten, landeten auf der Arbeitsplatte oder am Boden und blieben dort regungslos liegen. Als sich der Staub vom Getöse um mich herum gelegt hatte, drehte ich mich um und realisierte: Das 25 Jahre alte Verbrechen hatte mich eingeholt, hatte sich gerächt. Dafür gab es nun Prügel.
Dabei hatte meine Frau mich noch vor ein paar Wochen vor diesem Szenario gewarnt. Aber ich ignorierte, wie meistens gekonnt. Übrigens – ich spreche nicht von der Gattung Polizist, wie der eine oder andere vermuten mag. Nein, es geht um die Gattung Bundesordner, eben – Ordnungshüter.
1908 wurde der Bundesordner erstmals produziert. So hatte Bundesrat Samuel Schmid im Jahr 2008 die Ehre, eine Rede zum 100-Jahr-Jubiläum dieser schweizerischen Erfindung zu halten. Er lobte den Ordner als ein Stück Geschichte und Schweiz, als ein Kunstwerk und als eine Erfolgsgeschichte. Die Hinterhältigkeit dieser Dinger liess er einfach so unerwähnt. Wie kann man nur? Es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dies mit keiner Silbe zu erwähnen.
Dabei hat alles so gut angefangen. Ich wechselte 2001 in die Informatik und brauchte daher für den Pikettdienst einen guten Heimarbeitsplatz. So wurde in einem schwedischen Möbelhaus ein neuer Schreibtisch und einige schicke konsolenverbergende Tablare ergattert. Diese Tablare mussten dann an einer Gasbetonwand (Ytongsteine) installiert werden. Diese Steine benötigen eigentlich, da sie so porös sind, Spezial-Dübel. Ich hatte diese Dübel nicht zur Hand und so war es doch nur logisch, dass man es mit normalen Dübeln probiert – in fast noch jugendlichem Leichtsinn mit 34 Jahren.
Und so hingen die Tablare auch bis 2017 mit der Last von 16 Jahren Papier wie ein Damokles-Schwert hinter mir, über mir. Doch in jenem Jahr begann ich mein Büro mehr und mehr papierlos zu gestalten, sodass die Ordner nicht mehr mit noch mehr Papier gefüllt wurden, das Regal noch mehr belastet wurde. Neue Rechnungen wurden digitalisiert oder nur elektronisch empfangen und abgelegt. Die Papierrechnungen wurden danach im Altpapier entsorgt.
Nur eine Sparte an Bundesordnern füllten sich seither noch. Jene, die ich für meine Eltern und zuletzt meinen Vater in Gebrauch hatte. Das Papier wurde zwar auch eingescannt, aber dann doch noch abgelegt. So kam seit 2017 dann doch noch, Gramm für Gramm, Papier dazu, das die Tablare belastete. Aber was soll’s?
«Hät bis jetzt jo au immer ghebet!»
Und just an jenem Tag, als ich meine offiziell letzte papierbelastende Handlung für meine Eltern vollzog, nämlich als ich die letzte unterjährige Steuererklärung für meinen Vater ausgefüllt hatte (da er im Februar gestorben ist), passierte es. Die 27 Gramm der ausgedruckten Steuererklärung, die ich noch in Vaters Steuerordner abgelegt habe, schienen das Mass der Dinge zu überschreiten. So donnerten die Ordner kurze Zeit später, nachdem ich den Ordner wieder an seinen Stammplatz gestellt hatte, über mich runter.
Zum Glück hielt das leere Tablar noch an den Dübeln. Das hätte ärger weh getan, wenn sich dieses auch noch in die Tracht Prügel eingemischt hätte!
Inzwischen habe ich mir Gasbeton-Dübel besorgt und das Gestell erneut befestigt, felsenfest, garantiert erdbebensicher, unverrückbar. Die Ordner meiner Eltern wurden fast alle entsorgt und daher sind die beiden Tablare auch nicht mehr überfüllt. Jetzt fühle ich mich wieder sicher an meinem Arbeitsplatz.
Die Ordner haben durch den Sturz verbogene Metallringe, sodass sie nicht mehr bündig schliessen. Jedes Mal, wenn ich ein Papier rausnehmen will, ist das Umblättern erschwert. Und immer wieder werde ich an die Hinterhältigkeit dieser Ordnungshüter erinnert.
Höchste Zeit, sie zu ersetzen und alles zu digitalisieren!
STEFAN WANZENRIED
DER FEDERDIRIGENT


