Der Federdirigent: Continental Breakfast
26.09.2026 KolumneDer Federdirigent… schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Er schaut auf, lächelt und winkt meinem Bruder zu. Der graubartige Koch wendet sich wieder ab. Mein Bruder hat soeben ans ...
Der Federdirigent… schreibt sich augenzwinkernd von der Seele, was er nicht für sich behalten kann.
Er schaut auf, lächelt und winkt meinem Bruder zu. Der graubartige Koch wendet sich wieder ab. Mein Bruder hat soeben ans Küchenfenster geklopft, um den Hotelangestellten darauf aufmerksam zu machen, dass wir schon seit 10 Minuten vor verschlossener Tür warten. Das Continental Breakfast gibt es ab 8.30 Uhr, wurde uns gestern gesagt. Jetzt ist es schon 8.40 Uhr! Die drei verschiedenen Schlüssel, die man uns gegeben hat, haben wir an allen möglichen Türen probiert. Keine lässt sich damit öffnen. Aber unsere Mägen knurren und die uns angeborene Schweizer Pünktlichkeit wird auf eine harte Probe gestellt.
Wir sind für drei Tage in London und besuchen unsere Schwester, die seit 1987 hier arbeitet und sich heimisch fühlt. Wir, die vier anderen Geschwister. Zu fünft wollen wir London unsicher machen und uns dem Programm, dass unsere älteste Schwester vorbereitet hat, beugen ..., aber mit leerem Magen ein schwieriges Unterfangen, oder?
Das Hotel «The Victoria», welches wir als Bleibe bezogen haben, ist nicht wirklich siegreich, was pünktliches Frühstück betrifft. Schliesslich schlurft der Koch, weitere fünf Minuten später und weniger gut gelaunt, doch noch daher und öffnet uns die Tür. Der Service hat verschlafen und nun muss der Küchenangestellte auch noch servieren. Wir bedanken uns für seinen Sonder-Effort schweizerisch höflich. Kurz darauf erscheint der Langschläfer, ist sich aber offenbar keiner Schuld bewusst. Kümmert uns nun auch nicht mehr, wir haben ja unser Futter. 24 Stunden später. Ich sage zu meinem Bruder: «Oh, es ist schon halb neun. Gehen wir?» «Bist du sicher, dass wir nicht zu früh sind?» «Nein, das wird ihnen wohl nicht nochmals passieren!», sage ich, lache und öffne die Tür, um zum Frühstück zu gehen. 35 Minuten später öffnet sich uns dann doch noch die Tür zu unserem Frühstücksraum. Aber erst, nachdem ich einem Schwarzbartigen (der Sohn des Kochs?), durchs Fenster angedeutet habe, dass wir frieren im Restaurantgarten, während im Minutentakt tieffliegende Flugzeuge über unsere Köpfe donnern. Mehr als leicht genervt suchen wir unseren Tisch aus, bleiben aber immer noch schweizerisch höflich und geniessen erneut verspätet unser Continental Breakfast mit Jam, Marmelade und Toastbrot. Wieder keine Entschuldigung, keine Spur von Reue. Na gibt’s denn sowas?
Keine Spur von Reue!
Da die Briten so vernarrt sind in ihre Royals, eine Idee meinerseits: Die Wirtsleute sollten mal Queen Elisabeth II. selig als Vorbild nehmen, die immer punkt 8.30 Uhr ihr Frühstück einnahm und während den ersten 15 Minuten von ihrem persönlichen Dudelsackspieler im Garten mit dessen Gedudel berieselt wurde. Vielleicht müsste das Victoria mal einen Dudelsackspieler anstellen, besser noch zwei oder drei, die pünktlich, eine Stunde früher, um 7.30 Uhr vor der Wohnung des Servicepersonals zu spielen beginnen. Ich behaupte, dass niemand eine Stunde lang weiterschlafen würden, wenn eine Pipe-Band sie jeden Morgen weckt ..., vielleicht hätten sie auch bald dort keine Wohnung mehr.
Leider sind wir nach dem zweiten Frühstück schon wieder abgereist. Hätte ich doch gerne gewusst, wie das Frühstück am Tag drei vonstatten gegangen wäre. Vielleicht war es aber auch besser so. Ich hätte mich wohl vor meiner eigenen Reaktion und vor allem vor der meiner mittleren Schwester gefürchtet, wenn wir noch einmal «Bittibätti» hätten machen müssen.
Mein Fazit dieser London Reise: Nebst der Superorganisation, den tollen Ideen meiner Gastgeber-Schwester und all den wunderbaren Momenten, bleibt: Pünktlichkeit wird nicht jedem in die Wiege gelegt ... oder wie hat es ein Arbeitskollege so treffend gesagt, als ich ihm davon erzählt habe? «So ein Erlebnis erwartet man wohl eher in einem Drittweltland, aber nicht in London!»
Und übrigens: Ich habe mir einen Dudelsack-Weckton heruntergeladen und werde nun jeden Morgen von Dudelsackklängen geweckt. Dadurch erinnere ich mich daran, wie wertvoll Pünktlichkeit sein kann.
Stefan Wanzenried
Federdirigent.ch



