«Bei uns geht es um mehr als Pflege»
01.09.2026 Region, ElggWas macht Pflege Eulachtal zu einem besonderen Ort für pflege- und betreuungsbedürftige Menschen und für Mitarbeitende? Pflege Eulachtal hat sich diese Frage während 15 Monaten gestellt. Die Antwort besteht aus vier Worten: Mensch, Sicherheit, Vielfalt und Weitblick. Dahinter ...
Was macht Pflege Eulachtal zu einem besonderen Ort für pflege- und betreuungsbedürftige Menschen und für Mitarbeitende? Pflege Eulachtal hat sich diese Frage während 15 Monaten gestellt. Die Antwort besteht aus vier Worten: Mensch, Sicherheit, Vielfalt und Weitblick. Dahinter steckt mehr als ein neues Leitbild: eine Haltung, die dafür sorgen soll, dass sich Menschen hier gut aufgehoben, gesehen und wertgeschätzt fühlen.
Eine gute Pflegeinstitution erkennt man nicht nur an ihrer fachlichen Qualität. Sie zeigt sich ebenso in einem freundlichen «Grüezi» auf dem Gang und vor allem in der Frage, ob ein Mensch auch dann noch als Persönlichkeit wahrgenommen wird, wenn er auf Pflege und Unterstützung angewiesen ist.
Pflege Eulachtal wollte deshalb genauer wissen, was das eigene Unternehmen ausmacht. Rund 15 Monate lang haben Mitarbeitende und Führungskräfte gesammelt, diskutiert und verdichtet. Das Ergebnis ist das «Modell Eulachtal» mit vier Kernwerten: Mensch, Sicherheit, Vielfalt und Weitblick. Die Co-Geschäftsführung, bestehend aus Simone Costa und Carsten Hejndorf, erklärt, was dahintersteckt, und woran man diese Haltung im Alltag erkennen kann.
Herr Hejndorf, wenn jemand Pflege Eulachtal noch nicht kennt: Wie würden Sie das Modell Eulachtal erklären?
Carsten Hejndorf: Viele Menschen, die bei uns anfangen, merken, dass hier etwas anders ist als anderswo. Wir haben versucht, dieses Gefühl in Worte zu fassen. Das Modell Eulachtal ist unser Leitbild. Es beschreibt, was Pflege Eulachtal ausmacht. Sie sagen «etwas ist anders».
Was haben Sie gespürt, als Sie 2023 zu Pflege Eulachtal kamen?
Carsten Hejndorf: Ich war bei meinem ersten Rundgang total erstaunt, als ich das Reinigungspersonal im Pflegezentrum Eulachtal in Elgg auf dem Flur getroffen habe. Die Mitarbeitenden haben «Grüezi» gesagt, und man war sofort auf Augenhöhe. Ich habe eine bestimmte Stimmung gespürt – eine menschliche Atmosphäre. Und mir war klar, dass auch die Bewohnenden etwas davon mitbekommen.
Frau Costa, das klingt erst einmal sehr einfach. Menschen grüssen einander. Ist genau das mit dem Wert «Mensch» gemeint?
Simone Costa: Ja, auch. Im Gesundheitswesen sagen viele: «Wir sind für die Menschen da.» Die entscheidende Frage ist aber: Auf welche Art? Für uns bedeutet es, dass Menschen Persönlichkeiten und keine Nummern sind. Jeder bringt seinen eigenen Rucksack an Prägungen, Gefühlen und Erwartungen mit. Wir möchten, dass die Menschen sich bei uns wirklich gesehen und ernst genommen fühlen.
Was merkt denn eine Bewohnerin konkret davon?
Simone Costa: Dass ihr Alltag möglichst nach ihrem Leben und nicht nach einer Institution aussieht. Wir schauen, wie dieser Mensch bisher gelebt hat, was ihm vertraut ist und versuchen, daran anzuknüpfen. Es geht um kleine Dinge, persönliche Vorlieben und darum, jemanden wirklich wahrzunehmen. Nur schon ein kurzer Blick oder ein freundliches Wort können viel bewirken.
Der zweite Wert ist Sicherheit. Was bedeutet das konkret?
Simone Costa: Sicherheit bedeutet zunächst Verlässlichkeit. Für die Bewohnenden und Klientinnen und Klienten soll der Alltag berechenbar sein. Und für unsere Mitarbeitenden bedeutet Sicherheit auch eine stabile Arbeitsstelle. Pflege Eulachtal gibt es seit 1979 und wir sind als gemeinnützige Stiftung nicht gewinnorientiert, sondern dem Wohl der Menschen in der Region verpflichtet.
Dann kommt die Vielfalt. Warum ist sie für eine Pflegeinstitution wichtig, Herr Hejndorf?
Carsten Hejndorf: Weil Menschen unterschiedlich sind. Und auch unsere neun Standorte und Teams sind unterschiedlich. Wir haben bewusst kleine Einheiten, die persönliche Nähe und verschiedene Lebensentwürfe ermöglichen. Auch unsere Angebote sind unterschiedlich und reichen bis in die spezialisierte Pflege. Vielfalt bedeutet für uns ganz konkret: Niemand soll in eine Schablone gepresst werden.
Das gilt auch für die Mitarbeitenden?
Simone Costa: Ja. Das Modell richtet sich ausdrücklich an alle rund 350 Mitarbeitenden, nicht nur an die Pflege. Auch Küche, Hotellerie und Verwaltung gehören dazu.
Und was bedeutet «Weitblick»? Wissen Sie heute schon, was die Pflege von morgen braucht?
Carsten Hejndorf: Nein, das wäre wohl etwas zu viel versprochen. Weitblick bedeutet für uns, offen zu bleiben und immer wieder zu schauen: Was brauchen die Menschen künftig? Die Bedürfnisse verändern sich, da müssen wir mitgehen. Aber wir verändern nicht alles auf einmal. Denn Veränderungen bringen auch Unsicherheit mit sich. Wichtig ist deshalb, die Menschen mitzunehmen. Wir probieren Neues aus, lernen daraus und schauen, was tatsächlich einen Mehrwert bringt.
Das Modell Eulachtal hat eine Geschichte. Früher hatte sich Pflege Eulachtal am psychobiografischen Pflegemodell von Professor Erwin Böhm orientiert. Was ist davon geblieben?
Simone Costa: Das Böhm-Modell hat wichtige Gedanken in unseren Betrieb eingebracht, die in unserem Modell Eulachtal weitergeführt werden. Im Zentrum steht die Lebensgeschichte eines Menschen: seine Prägungen, Erfahrungen, Gewohnheiten und Bedürfnisse. Bei Menschen mit Demenz beispielsweise hilft dieses Wissen, Verhalten besser zu verstehen und darauf einzugehen.
Warum wollte Pflege Eulachtal nicht mehr auf dieses einzelne Modell setzen?
Carsten Hejndorf: Wir wollten unser eigenes Modell, und wir wollten für unterschiedliche Impulse offenbleiben. In den letzten Jahren hat uns insbesondere die Mäeutik inspiriert und wir haben unser ganzes Pflegepersonal in dieser Denkweise geschult.
Mäeutik klingt kompliziert. Was bedeutet das ganz einfach gesagt?
Simone Costa: Im Grunde geht es darum, genau hinzuschauen und herauszufinden, was ein Mensch in diesem Moment braucht. Nicht zuerst die Aufgabe steht im Vordergrund, sondern die Beziehung. Wir beobachten: Wie reagiert dieser Mensch? Was braucht er gerade? Was tut ihm gut? Und daraus lernen wir. Wenn wir so einen Zugang finden, entsteht Vertrauen. Und wenn Vertrauen da ist, wird vieles leichter.
Was unterscheidet das Modell Eulachtal von einem schönen Leitbild, das als «Papiertiger» im Schrank verschwindet?
Carsten Hejndorf: Dass wir die Werte bereits tatsächlich leben, jedenfalls zu 90 Prozent. Und die Broschüre soll natürlich nicht im Schrank verschwinden. Sie wird allen Mitarbeitenden persönlich übergeben und fliesst auch in unsere Kommunikationsmittel und die Einführung neuer Mitarbeitender ein. Aber am Ende entscheidet nicht die Broschüre darüber, ob das Modell lebt. Entscheidend ist, was zwischen zwei Menschen passiert, wenn es darauf ankommt.
Woran würden Sie merken, dass das Modell Eulachtal wirklich funktioniert?
Simone Costa: Wenn Menschen sich bei uns gut aufgehoben fühlen. Wenn ein Bewohner merkt: Ich werde hier als Person wahrgenommen. Wenn eine Mitarbeiterin das Gefühl hat: Ich kann hier ich selbst sein und werde ernst genommen. Und wenn wir gleichzeitig fachlich professionell und verlässlich arbeiten.
Damit sind wir beim Kern: Es geht nicht nur darum, Pflege zu leisten.
Carsten Hejndorf: Genau. Es geht auch um Beziehungsqualität. Darum, dass wir vermitteln können: Bei uns bist du gut aufgehoben – als Mitarbeiterin, als Klientin, als Bewohner. Wir wollen nicht nur leisten, leisten, leisten und verrechnen. Hinter Pflege Eulachtal steckt mehr: eine Haltung. Und genau diese Haltung möchten wir mit dem Modell sichtbar machen.
Und wenn das Modell Eulachtal morgen als neue Mitarbeiterin bei Ihnen anfangen würde: Was würde sie als Erstes tun?
Carsten Hejndorf: Einem Menschen in die Augen schauen.
Was würde sie garantiert nicht tun?
Simone Costa: Sie würde nicht einfach ihr Programm abspulen. Sie würde erst einmal schauen: Wer ist dieser Mensch? Was bringt er mit? Was braucht er gerade jetzt?
Dann wäre das vielleicht die kürzeste Zusammenfassung des Modells Eulachtal: Menschen sehen, ihnen Sicherheit geben, Unterschiede zulassen und gemeinsam nach vorne schauen?
Carsten Hejndorf: Ja. Das trifft es sehr gut. Mensch, Sicherheit, Vielfalt und Weitblick sind vier Begriffe. Aber sie sollen keine Theorie bleiben. Wir alle – Mitarbeitende, Bewohnende und Klientinnen und Klienten – füllen dieses Modell jeden Tag mit Leben.
DANIELA SCHWEGLER
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