Zwei Wochen ohne Handy – Horror oder Erlösung?
08.10.2026 ElggWährend zwei Wochen wagte sich die Sekundarschule Elgg an ein spezielles Selbstexperiment. Können die Jugendlichen zwei Wochen ohne ihr Handy auskommen? Die Ergebnisse erstaunten und erfreuten die Teilnehmenden.
Am Vormittag des Freitags, 4. September, hiess es für 190 ...
Während zwei Wochen wagte sich die Sekundarschule Elgg an ein spezielles Selbstexperiment. Können die Jugendlichen zwei Wochen ohne ihr Handy auskommen? Die Ergebnisse erstaunten und erfreuten die Teilnehmenden.
Am Vormittag des Freitags, 4. September, hiess es für 190 Jugendliche in der Sekundarschule Elgg «Handy ade». Nach einer ordentlichen Abmeldung auf allen Social-Media-Kanälen wurden die Handys abgeschaltet und in einem Couvert mit Sicherheitsklebeband versiegelt. Nun war das Handy für zwei Wochen ausser Reichweite. Als Motivation und Ansporn diente der gemeinsame Ausflug in den Säntispark für alle erfolgreichen Schüler und Schülerinnen. Die Teilnehmenden hatten jederzeit die Möglichkeit, das Couvert mit dem eingeschlossenen Handy zu öffnen und das Experiment abzubrechen.
Umgang mit Handykonsum
Den organisierenden Lehrpersonen um Fabienne Huber, Irene Hasler und Aline Sutter war es wichtig, zusammen mit den Schülern und Schülerinnen herauszufinden, ob diese auf ihr Handy verzichten können. Das Smartphone ist bei den Jugendlichen sehr beliebt und ein gängiger Begleiter. So wird es gerne zum Musikhören, als Kommunikationsmittel oder einfach als Ablenkung vom Schulalltag verwendet.
Serenity, Anna, Ilaria und Simon bejahen alle die Frage, ob sie viel Zeit am Handy verbringen. So stellt sich schnell die Frage, ob es ihnen in der handyfreien Zeit nicht langweilig geworden ist. «Im Gegenteil», meint Ilaria. «Ich habe die Zeit genutzt, um zu basteln. Auf den sozialen Medien findet man sehr viel Inspiration, doch meistens setzt man diese trotzdem nicht um.»
Zu den meisten Aktivitäten, welche sie nun in der gewonnenen Zeit ausgeführt haben, erklären die Jugendlichen, dass sie mehr Zeit draussen verbracht und mehr Musik gemacht haben. Simon erzählt dazu eine schöne Anekdote: «Ich war einmal draussen am Umherstreifen und habe einen anderen Schüler aus der Sekundarschule getroffen, mit welchem ich noch nie viel Kontakt hatte. Wir haben herausgefunden, dass wir beide gerne Drohnen fliegen. Durch das Experiment habe ich nicht nur ein neues Hobby entdeckt, sondern einen neuen Freund gewonnen.» Doch dass das Smartphone auch ein nützlicher Helfer im Alltag ist, mussten auch die Schüler merken. «Ohne Handy sei es viel schwieriger, sich mit Leuten und Freundinnen zu treffen», meint Anna. So musste sie von Haus zu Haus ziehen und direkt anfragen, ob jemand Zeit hat.
Ein anderes Problem war der gewohnte Zahlungsvorgang mit Twint. Ohne Handy mussten die Jugendlichen für das Bezahlen auf Bares zurückgreifen. Simon meint dazu: «Mit der Barbezahlung wurde mir bewusst, wie viel Geld ich überhaupt für gewisse Dinge ausgebe. Wenn man das Geld in den Händen hält und es physisch weggeben muss, merkt man, wie schnell es weniger wird. Dies ist mir mit Twint so nie passiert. Dort hat man viel schneller noch etwas gekauft.»
Deshalb möchte Simon auch in Zukunft vermehrt auf Barzahlung setzen und das Handy bewusst für Tätigkeiten benutzen, für welche es auch einen Mehrwert gibt. So meinten die vier Schüler und Schülerinnen, dass sie vermehrt Dinge wie Musik oder Videos gezielt konsumieren und sich nicht einfach «berieseln» lassen.
Handyverbot für Minderjährige?
Die Frage, ob sie für ein Handyverbot für Minderjährige wären, verneinen alle. So ist der Tenor, dass gerade in diesem Alter eine gesunde Entwicklung von Selbstkontrolle und Disziplin wichtig sei und dabei der Umgang mit dem Smartphone und den sozialen Medien dazugehöre.
Auch die Lehrpersonen finden es wichtig, dass die Schüler und Schülerinnen dies lernen. «Durch das Experiment haben wir gesehen, dass sie schon einen sehr reflektierten Umgang mit dem Handykonsum haben und sich auch mit diesem auseinandersetzen», meint Irene Hasler. Sie habe auch beim Experiment mitgemacht und habe es als eine sehr gute Erfahrung empfunden.
Als Schwierigkeit stellte sich die Erreichbarkeit heraus. Einerseits brauchte die 3. Sekundarstufe das Handy für den Bewerbungsprozess und andererseits ist es vielen Eltern ein Anliegen, ihre Jugendlichen zu erreichen. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Da im Experiment ausschliesslich das Handy nicht verwendet werden durfte, musste auf andere technische Mittel gesetzt werden. «So sei es auch nicht das Ziel gewesen, alles Digitale zu verbannen, sondern den eigenen Umgang mit dem Handy zu reflektieren», erklärt Fabienne Huber.
Die Schüler und Schülerinnen meinten auch, da alle im Schulhaus mitgemacht haben, sei es um ein Vielfaches einfacher gewesen. Ihre Freunde und Freundinnen hätten alle auch mitgemacht, und dadurch sei das gegenseitige Verständnis, dass man vorübergehend keinen Zugang zum Handy hat, grösser gewesen.
Gerade Jugendliche, welche viele Kollegen und Kolleginnen aus dem Gymnasium haben, hatten es vergleichsweise schwieriger, da sie durch die fehlende Erreichbarkeit Infos und Abmachungen verpasst haben. Trotz dieser Hindernisse und Schwierigkeiten konnte die Sekundarschule Elgg mit 130 Schülern und Schülerinnen in den Säntispark reisen.
Experiment war voller Erfolg
Für die organisierenden Lehrpersonen war das Experiment ein voller Erfolg. «Wir waren sehr gespannt, wie die Jugendlichen darauf reagieren. Es war schön zu sehen, dass dieses Experiment zur Gemeinschaftsbildung innerhalb der Klasse und auch innerhalb der Schule viel beigetragen hat.» Aber auch die Konzentration und der Schlaf hätten sich bei vielen positiv verändert. So werde man ins Auge fassen, das Experiment im nächsten Jahr zu wiederholen. An der Motivation würde es nicht mangeln.
Abschliessend meinen die vier Schüler und Schülerinnen, dass sie froh seien, es durchgezogen zu haben. «So konnten wir beweisen, dass wir nicht handysüchtig sind!» Ihre Empfehlung geht deshalb auch an die Eltern. «Jeder soll das Experiment einmal selbst versuchen.» Schaffen es auch die Erwachsenen, zwei Wochen ohne Handy auszukommen? Die Jugendlichen an der Sek Elgg sind diesen mit einem guten Vorbild vorausgegangen.
ANDREJ BLASER


