«Zuversicht» auf dem Elgger Geschichtenpfad: Hoffnung ist ein alter Mann und ein zotteliger Hund
17.10.2026 HISTORIEAm 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer Zeitung» die fünf Geschichten zum Thema «Zuversicht» von ...
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer Zeitung» die fünf Geschichten zum Thema «Zuversicht» von zwei Autorinnen und drei Autoren. Mit der Kurzgeschichte von Sarah Stutte geht es weiter.
Hoffnung ist ein alter Mann und ein zotteliger Hund
VON SARAH STUTTE
Als ich zwei Jahre alt war, bekam ich einen Fieberkrampf. Er wurde falsch diagnostiziert, und so verbrachte ich fortan einen grossen Teil meiner Kindheit in Spitälern. Ich schluckte Tabletten wie andere Kinder Karamellbonbons, lag unter EEG-Geräten, die meine Hirnströme aufzeichneten, als müssten sie irgendwo in meinem Kopf nach einem Fehler suchen. Kabel klebten an meiner Stirn, Nadeln näherten sich meinen Armen. Es wurde Blut abgenommen, später sogar Knochenmark. Ich verstand nicht, weshalb all das notwendig sein sollte. Ich wusste nur, dass ich mich dagegen wehren musste.
Gegen Spritzen entwickelte ich eine Entschlossenheit, die mehrere Pflegende gleichzeitig beschäftigte. Sie mussten mich festhalten, während ich trat, schrie und mich wand, als hinge mein Leben davon ab, dieser Nadel zu entkommen. Meine Mutter sass daneben und versprach mir alles, was ein Kinderherz begehren konnte: einen Eisbecher, ein Spielzeug, einmal sogar ein neues Velo.
Ob ich ihr wirklich glaubte, weiss ich nicht mehr. Vielleicht glaubte ich auch gar nicht an das Glacé oder das Velo. Vielleicht brauchte ich nur die Vorstellung, dass es nach der Spritze ein Danach geben würde. Einen Moment, in dem niemand mehr meinen Arm festhielt. Einen Ort ausserhalb dieses Zimmers, an dem ich wieder aufstehen, herumrennen und selbst bestimmen konnte, wohin ich ging.
Zuversicht hatte damals nichts Sanftes. Sie war kein warmer Gedanke und kein stilles Vertrauen. Sie war Trotz. Sie stemmte die Füsse gegen den Boden und schrie aus voller Kehle: Ihr kriegt mich nicht klein.
Und doch gab es Tage, an denen ich glaubte, nie mehr nach Hause zu kommen. Ich lag im Bett, überall an meinem Kopf und meinem Rücken Schläuche, und beobachtete, wie mein Blut in kleine Röhrchen und Behälter floss. Niemand hatte mir erklärt, wie viel Blut ein Mensch besitzt und wie schnell der Körper neues bildet. Also stellte ich mir vor, dass irgendwann alles von mir in diesen Gefässen stecken würde. Dass in meinem Körper nichts mehr übrig blieb.
Dann wäre ich nur noch eine Hülle, dachte ich. Eine kleine Kinderhülle zwischen weissen Laken.
Als Kind hatte ich wahnsinnige Angst vor dem Tod. Nicht vor Engeln oder Teufeln, nicht vor einem Himmel und nicht vor einer Hölle. Was mir Angst machte, war das Nichts. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sein sollte, nichts mehr zu fühlen, nichts mehr zu erinnern und nichts mehr zu denken.
Vor allem die Abwesenheit meiner Gedanken erschien mir unerträglich. Denn meine Fantasie war meine beste Freundin. Sie verwandelte Krankenzimmer in andere Welten und konnte mich für eine Weile aus meinem Körper forttragen. Sie konnte mich retten – aber sie konnte sich auch gegen mich wenden.
Zum Einschlafen brauchte ich ein kleines grünes Nachtlicht. Sein Schein war schwach, gerade hell genug, um die Dunkelheit auf Abstand zu halten. Trotzdem sah ich nachts schwarze Schatten im Zimmer. Aus meinem Kopfkissen drang eine Stimme, die mir böse Träume versprach. Ich presste die Augen auf und weigerte mich einzuschlafen, weil ich fürchtete, nicht mehr aufzuwachen.
Vielleicht war dieses grüne Licht meine erste bewusste Form der Hoffnung. Es vertrieb die Angst nicht. Es machte die Nacht nicht zum Tag und brachte die Schatten nicht zum Verschwinden. Aber es schuf einen kleinen hellen Fleck in der Dunkelheit. Mehr brauchte es manchmal nicht. Solange das Licht brannte, war die Nacht nicht vollkommen. Solange irgendwo etwas leuchtete, konnte ich mir vorstellen, dass der Morgen kam.
Zuversicht bedeutet vielleicht nicht, keine Angst zu haben. Vielleicht bedeutet sie nur, der Angst nicht das ganze Zimmer zu überlassen.
Einige Jahre später bekam ich tatsächlich das Velo, das mir meine Mutter vielleicht einmal nach einer Spritze versprochen hatte. Es war ein gelbes Pucki-Fahrrad. Auf ihm konnte ich selbst bestimmen, wohin ich fuhr. Ich brauchte keine Pflegenden, die mich schoben, und keine Erwachsenen, die entschieden, wann ich aufstehen durfte. Ich trat in die Pedale und bewegte mich aus eigener Kraft vorwärts. Wahrscheinlich liebte ich dieses Fahrrad auch deshalb so sehr.
Eines Tages begegnete ich unterwegs einigen grösseren Kindern. Was genau geschah, weiss ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur daran, dass sie mich mitsamt meinem gelben Pucki in einen Graben stiessen.
Es hatte geregnet. Der Graben war glitschig und nass, eigentlich war er ein kleiner Bachlauf. Meine Kleider wurden schmutzig, das Fahrrad lag neben mir, und jedes Mal, wenn ich versuchte, die Böschung hinaufzuklettern, rutschte ich wieder zurück. Ich rief um Hilfe. Niemand antwortete.
Mit der Zeit wurde es dunkler. Die Umrisse der Bäume und Häuser verschwammen, und der Graben schien immer tiefer zu werden. Vielleicht war er in Wirklichkeit gar nicht besonders tief. Aber für ein Kind wird ein Ort nicht in Metern gemessen. Er wird danach bemessen, ob man allein wieder herauskommt.
Ich kam nicht heraus.
Zuerst war ich wütend. Dann wurde ich verzweifelt. Ich rief noch lauter, doch niemand kam vorbei. Ich begann zu glauben, ich müsse die ganze Nacht dort unten verbringen. Wieder war da dieses Gefühl, eingeschlossen zu sein: früher zwischen weissen Laken, nun zwischen nasser Erde und einer Böschung, die ich nicht überwinden konnte. Und wieder wartete ich auf ein Danach, ohne zu wissen, ob es eines geben würde.
Dann erschien am Rand des Grabens ein alter Mann.
Neben ihm stand ein zotteliger Hund. Der Mann stützte sich auf einen Gehstock und sah zu mir hinunter. Ich weiss nicht mehr, was er sagte. Vielleicht fragte er, was passiert sei. Vielleicht sagte er nur: Warte, ich helfe dir. In meiner Erinnerung brauchte er keine Worte. Es genügt, dass er da war.
Er streckte mir seinen Gehstock entgegen. Ich hielt mich daran fest, und er zog mich die rutschige Böschung hinauf. Dann legte er mir seine Jacke um die Schultern, denn ich zitterte am ganzen Körper. Irgendwie gelang es ihm, mithilfe der Hundeleine auch mein gelbes Fahrrad aus dem Graben zu ziehen. Plötzlich stand ich wieder auf festem Boden. Neben mir mein schlammiges Velo, vor mir der alte Mann und sein Hund – als wären die beiden eigens an diesem Abend aufgebrochen, um mich zu finden.
Ich habe nie erfahren, wie der Mann hiess. Ich weiss nicht, woher er kam oder wohin er danach ging. Vielleicht wohnte er ganz in der Nähe. Für ihn war es womöglich eine kleine, selbstverständliche Hilfeleistung, an die er sich schon am nächsten Tag nicht mehr erinnerte.
Für mich aber wurde er zu einer jener Gestalten, die nur einmal im Leben auftauchen und trotzdem bleiben. Wann immer ich heute an Zuversicht denke, sehe ich nicht zuerst einen Sonnenaufgang oder eine offene Tür. Ich sehe einen alten Mann am Rand eines Grabens. Neben ihm einen zotteligen Hund. In seiner Hand einen Gehstock.
Als Kind glaubte ich, Zuversicht bedeute, sich aus eigener Kraft durchzukämpfen. Die Spritze auszuhalten. Die Nacht zu überstehen. Nicht einzuschlafen, nicht aufzugeben, immer wieder die glitschige Böschung hinaufzuklettern. Später verstand ich, dass Zuversicht noch etwas anderes sein kann: die Möglichkeit, dass jemand erscheint, wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen.
Nicht immer kommt jemand. Nicht jeder Graben hat einen freundlichen Spaziergänger an seinem Rand. Und nicht jede Geschichte endet damit, dass man auf festen Boden gezogen wird. Das weiss ich heute. Zuversicht ist keine Garantie, dass alles gut ausgeht. Sie ist auch kein Vertrag, den das Leben mit uns abschliesst.
Vielleicht ist sie vielmehr die leise Bereitschaft, noch einen Augenblick länger auszuhalten. Sich noch einmal bemerkbar zu machen. Nach einem Licht Ausschau zu halten, selbst wenn es nur klein und grün ist. Darauf zu vertrauen, dass hinter der Dunkelheit ein Morgen liegen könnte – oder dass irgendwo bereits jemand unterwegs ist, der uns noch nicht sehen kann.


