Zum Tode von Johann Caspar Lavater in Zürich am 2. Januar 1801
28.02.2026Wie er seine erlittene Schussverletzung verarbeitete
Er gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten der Geistes- und Frömmigkeitsgeschichte, der Schweizerischen Kirchen- und der allgemeinen Zürcher Geschichte: Johann Caspar Lavater (1741–1801). ...
Wie er seine erlittene Schussverletzung verarbeitete
Er gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten der Geistes- und Frömmigkeitsgeschichte, der Schweizerischen Kirchen- und der allgemeinen Zürcher Geschichte: Johann Caspar Lavater (1741–1801). Sein Lebensmittelpunkt ist die Stadt Zürich, wo er als Pfarrer an der Kirche St. Peter wirkt. Der Gebildete und Bildungshungrige öffnet sich Einflüssen, die von weit ausserhalb der Stadt stammen. Und er selber vermag weit über seinen beruflichen Wirkungsort hinaus anzustossen und zu beeinflussen.
Dies gelingt ihm im täglichen mitmenschlichen Austausch, mit seinem sich ständig mehrenden Werk an gedruckten Schriften und durch eine umfängliche handschriftliche Korrespondenz von um die 20 000 erhalten gebliebenen Briefen.
Sein späteres Leben steht unter dem Einfluss der französischen Revolution, für die er anfänglich Verständnis hegt. Ihr Atheismus und der Einfall französischer Truppen in die Eidgenossenschaft jedoch lehnt er ab. Er gibt der Empörung Ausdruck und wird am 16. Mai 1799 in Baden gefangengenommen und nach Basel deportiert.
Opfer einer marodierenden Soldateska
In den Kämpfen zwischen Franzosen und österreichisch-russischen Koalitionstruppen, während der Zweiten Schlacht um Zürich, wird Lavater, der Mitte August aus der Deportation heimgekehrt war, auf der Peterhofstatt verwundet. Eine Gruppe französischer Soldaten hatte sich von ihren regulären Truppen gelöst, um sich in der Altstadt gewalttätig selbst zu versorgen. Ein Schuss trifft Lavater in die Brust. Es folgt ein langes Kranksein bis zu seinem Tode.
Er schreibt dazu:
Nachdem die Franken (Franzosen) Donnerstags den 26. September 1799 um den Mittag als Besieger der Russen in Zürich eingezogen waren, verteilten sich viele einzelne Soldaten hierhin und dorthin. Zwei kamen auf den Platz vor der Peterskirche und riefen gegen ein Haus, wo ein paar furchtsame Frauenspersonen wohnten, in deutscher Sprache: «Wein! Wein! hier ist ja ein Wirthshaus!» Jemand sagte: «Hier ist kein Wirtshaus!» «So ist doch Wein hier!» riefen sie zürnend und wollten mit den Kolben ihrer Gewehre die Thür einsprengen. Ich rief zum Fenster hinaus: «Seid ruhig, ich will euch Wein bringen.» Sie schienen sich zufrieden zu geben, und ich eilte herab, schlug ihnen freundlich auf die Achsel und sagte: «Da trinket nun nach Herzenslust.» Ich schenkte ihnen ein, gab ihnen Brod, anerbot ihnen Geld, welches letztere sie ausschlugen. (...) Ich fragte: ob ihnen noch weiter was zu Diensten stunde! Sie sagten nein und dankten, wie es mir schien, recht herzlich.
Der eine, ein Grenadier, entliess mich mit dem freundlichen Wort: «Dank, braver, guter Mann! Adieu, Bruderherz!» Ich kehrte nach Hause. Meine Frau war froh, dass ich diese Gesellschaft los war. Sie bewillkommte mich mit dem Worte: «Kommst du, mein Daniel, aus der Löwengrube?»
Ich stand unter meiner Haustüre. Ein kleinlicher, magerer Soldat kam und redete mich in gebrochenem Deutsch an, das mir zu verstehen geben sollte, dass ihn die Russen zum Gefangenen gemacht und dass er kein Hemd hätte. Ich sagte zu ihm: «Hemd habe ich jetzt keines», langte in die Tasche und gab ihm, was mir in die Hand kam; er sah es verächtlich an und sagte: «Gib gross Thaler für Hemd.» Ich langte gleich wieder nach der Tasche und gab ihm, was ich in der Eile erfassen konnte, sodass wenige Schillinge übrig blieben. Auch damit nicht zufrieden, forderte er wieder einen grossen Thaler. «Das ist keine Manier», erwiederte ich, «geht jetzt in Gottes Namen Euern Weg und laesst mich im Frieden.» Dann zog er seinen Säbel, hob ihn wütend gegen mich auf und rief: «Geld her!»
Die Vorigen, nebst einigen andern Zürchern, standen etwa drei bis vier Schritte von mir, an der Ecke des Hauses. Ich schrie um Hülfe, konnte zu diesen hinfliehen; sie Alle schienen zu meiner Hülfe bereit. Ich wandte mich vertrauensvoll, ohne das Mindeste zu besorgen, an den vorbenannten Grenadier: «Guter Freund», sagte ich, «das ist doch keine Manier, nehmt mich in Schutz gegen jenen Menschen dort, dem ich alles Geld, was ich bei mir hatte, gab und der mit aufgehobenem Säbel mehr von mir fordert.»
«Was ich am wenigsten erwarten konnte, geschah. Der, der vor zwei Minuten freiwillig anerbotenes Geld ausgeschlagen, mich mit dem Wort «Adieu, Bruderherz!» verabschiedet hatte, kehrte sein Gewehr um, wurde, ich darf wohl sagen, wie von einer satanischen Wut ergriffen, setzte mir das Bajonnet auf die Brust und rief viel grimmiger, als der Erste: «Geld her!»
Meine und eine andere Hand lenkten das Bajonnet auf die Seite; ein, damals mir unbekannter, treuer Arm (von Heinrich Hegetschweiler, Diener bei der Almosenpflege) umschlang mich und zog mich zurück. Gleich darauf ging ein Schuss los, der ihm die Kugel durch den linken Arm und mir unmittelbar unter der Brust durchtrieb. Ich fühlte eine unbeschreiblich schmerzhafte Quetschung, setzte mich auf meines Nachbars, des Sigrist Freudweilers, Bänklein vor dem Haus, wo mir sterbend übel werden wollte, währenddem die Andern dem blutenden Heinrich zu Hülfe eilten, den sie allein verwundet glaubten.
«Mit dem Entsetzen teilnehmender Liebe nahm man mich in das Haus hinein; ich setzte mich einige Augenblicke, da floss das Blut häufig aus der rechten Seite heraus. Mir wollte Alles schwinden; doch schnell beigebrachte Tropfen verwahrten mich vor völliger Ohnmacht. Man trug mich hinauf und verpflegte mich auf’s Sorgfältigste. Ärzte und Wundärzte eilten herbei und fanden die Wunde etwa um einen Messerrücken ausser den Grenzen der unmittelbaren Tötlichkeit.»
Gottes Güte würdigt mich, dieses Kreuz zu tragen
Lavater lässt es nicht bei der Schilderung der Schussabgabe, der Schusswunde und des Schützen bewenden. Er bittet:
Alle, die dies lesen, dem Namen dieses Mannes auf keine Weise nachzufragen und, wenn sie ihn zufällig erfahren sollten, als ein anvertrautes Geheimnis zu verschweigen; ich würde unter meinen oft heftigen Schmerzen noch mehr leiden, wenn ihm was Übles geschähe. Er wusste im eigentlichsten Verstande nicht, was er tat. Ich kann nicht in Pauli Sinne sagen: «Ich trage die Malzeichen des Herrn Jesu Christi an meinem Leibe.» Aber ich kann sagen: Ich trage Monumente der gefühlten Langmut auf meiner Brust. Jeder wiederkehrende Schmerz soll mir ein Ruf der Erweckung sein, mit neuem Mute, neuer Geduld und Demut, mit neuer Treue und Liebe in die Fussstapfen dessen zu treten, an dessen unnennbare Liebe und unbeschreibliche Wundenschmerzen für uns meine tausendmal erträglicheren Wunden mich täglich erinnern sollen.
Es ist Gottes unaussprechliche Güte, dass er mich würdigt, dieses Kreuz zu tragen. Kein Sterblicher hat eine solche Läuterung und Reinigung so nötig wie ich. Ach, wie danke ich ihm alle Tage für jeden neuen Schmerz, den er mir auferlegt. Dies ist für mich der einzige Weg zum Heil und zur Seligkeit. Diese Wunde, die ich am Leibe trage, o, sie ist mein köstlichstes Kleinod; ich gäbe sie für alle Güter der Erde nicht hin. Ach, der glückliche Mensch, der Engel, von Gott gesandt, der mir diese Wunde durch einen Schuss beigebracht hat! Die Leute fragen mich in ihrer Torheit oftmals, ob ich ihm verzeihen könne. Verzeihen bloss? Ach, Gott, käme er doch heute zu mir – um den Hals wollte ich ihm fallen, sein Gesicht mit Freudentränen benetzen und zu ihm sagen: Siehe, Glücklicher, diese Krone, dieses Kleinod hast du mir gegeben!“
Vorkehrungen nach meinem Tode
An den Grenadier N., der mich schoss, wo möglich zu übersenden mit einem freundlichen Briefe an den, wie ich glaube, elsässischen Grenadier, der mich den 26. September 1799 schoss; jedoch so, dass sein Name auf keine Weise bekannt werde.
«Gott vergebe dir so, wie ich dir von Herzen vergebe! Leide nie, was ich um deinetwillen gelitten. Ich umarme dich, Freund, du thatst unwissend mir Gutes. Lege grosse Gebete für dich mir Gott in die Seele, dass kein Zweifel mir bleib’, wir umarmen uns einst vor des Herren Aug’!»
An Heinrich Hegetschweiler:
«Mitverwundeter Treuer, für mich verwundeter Guter! Ehre wird es dir einst vor dem vergeltenden Gott sein, dass du den Arm um mich schlangst, mich vor drohendem Tode zu retten!»
Zum Neujahrstage 1801, sechzehn Stunden vor seinem Tode diktiert:
«Angetreten dies Jahr, auch dies Jahrhundert, o Vater! Hallelujah von jedem, dem du noch Odem vergönnest! Ziehe die Hand nicht ab von uns, du All-Erbarmer! Unsere Freude sei du und unsere Hoffnung und Hülfe! Täglich werde du mehr von uns gesucht und gefunden! Jede wachsende Noth verbind’ uns inniger mit dir, jeder Abend finde des Daseins und deiner uns froher!»
MARKUS SCHÄR

