Zum frühverstorbenen Sprachgenie Jakob Wiesendanger (Ceporin) aus Dinhard und den Anfängen der Zürcher Universität vor 500 Jahren
31.01.2026 RegionBei ihm lernte Huldrych Zwingli hebräisch
Die Reformation legte grössten Wert auf die biblischen Ursprachen: dem Hebräischen des Alten- und dem Griechischen des Neuen Testamentes. Das Latein blieb weltweite Gelehrtensprache. Für die neue biblische ...
Bei ihm lernte Huldrych Zwingli hebräisch
Die Reformation legte grössten Wert auf die biblischen Ursprachen: dem Hebräischen des Alten- und dem Griechischen des Neuen Testamentes. Das Latein blieb weltweite Gelehrtensprache. Für die neue biblische Hochschule in Zürich und sich selbst vermochte Zwingli als Hebräischlehrer den noch jugendlichen Jakob Wiesendanger, mit «Ceporin» gräkisiert, zu gewinnen. Der hochbegabte Weinländer hatte in Deutschland bei jüdischen Gelehrten Hebräisch gelernt, verstarb jedoch in Zürich am 20. Dezember 1525 völlig unerwartet, an Überarbeitung.
Gedenkort und Gedenkstein
Unweit der Mörsburg liegt, in sanft gewellter Hügellandschaft, Kirch-Dinhard. Und inmitten einer Baugruppe steht auf leichter Anhöhe das spätgotische Gotteshaus.
Auf einem Stein ist zu lesen: «Dem Andenken an Jak. Wiesendanger Ceporinus von Dynhard, geb. 1499–1525, gest. Zürich.» Es folgen die seinen jugendlichen Freund und Mitarbeiter auszeichnenden Worte Zwinglis: «Ein Mann, eines sehr langen Lebens würdig, mit starkem Charakter, ordentlicher Beredsamkeit, ausgezeichneter Bildung und einer in allen Dingen überaus aufrechten Geisteshaltung.»
Ceporins wegen bleibt Dinhard für immer mit der frühesten Pflege des Hebräischen und des Griechischen verbunden!
Studien, Erstausgaben und ein Vorwort zu Zwinglis Erziehungsschrift
Wiesendangers Vater ist Bauer und Ziegler. Beim Dorfpfarrer lernt Jakob lesen und schreiben, in Winterthur lateinisch. Er wechselt nach Köln, studiert in Wien und gilt als äusserst sprachbegabt, vor allem im Altgriechischen. In Anlehnung an das Wort «Wiese» in «Wiesendanger» nennt man ihn mit dem griechischen Namen «Ceporinus», der Gärtner. Er zieht nach Ingolstadt an der Donau, wo der berühmte Johannes Reuchlin (1455– 1522) das Hebräische und Griechische lehrt. Nach seinen Studien gilt Ceporin als Gelehrter der biblischen Ursprachen. Zwingli verschafft ihm in Zürich eine Lehrstelle für Griechisch und Hebräisch.
Für Zürichs Bildungsreform plant Zwingli eine gründliche Ausbildung angehender Pfarrer in den biblischen Ursprachen Hebräisch und Griechisch. Sie sollen am Grossmünster «alle tag offenlich in der heiligen schrift, ein stund in hebräischer, ein stund in kriechischer (griechischer) und ein stund in latinischen sprachen, die zu rechtem verstand der göttlichen gschriften ganz notwendig sind, lesen und in ihren ‹Lezgen› (lectiones, «Vorlesungen») für Interessierte aus Stadt und Land unentgeltlich lehren». Zum ersten «Leser» der griechischen und hebräischen Sprache wird, auf Vorschlag Zwinglis, der junge Jacob Wiesendanger gewählt.
Die philologisch genaue Arbeit am Text
Am 19. Juni 1525 erfolgt die Eröffnung der später «Profezey» genannten Hochschule. Anstelle des vorreformatorischen Chorgebets versammeln sich nun die Pfarrer, Chorherren und Studenten täglich zum Schriftstudium im Chorgestühl des Grossmünsters. Nach einem Eingangsgebet des Reformators um rechtes Verständnis der Heiligen Schrift liest ein Teilnehmer aus der lateinischen «Vulgata» einen Abschnitt vor. Jakob Ceporinus aus Dinhard legt den hebräischen Text vor und weist auf dessen Unterschied zur Vulgata hin. Zwingli folgt mit der griechischen Übersetzung (Septuaginta) des hebräischen Alten Testamentes und legt die Gegenwartsbedeutung vor. Zentral ist die philologisch genaue Arbeit am Text, der Vergleich der verschiedenen Ursprachen und die praktisch-theologische Anwendung.
Seit dem 19. Juni 1525 hatte sich also der Hebräisch- und Griechischlehrer Jakob Wiesendanger aus Dinhard täglich auf einen Abschnitt des 1. Buches Mose vorzubereiten, um ihn am nächsten Morgen in der hebräischen Ursprache zu lesen und in Latein auszulegen.
Wiesendangers Griechische Grammatik, 200 Jahre lang Lehrmittel
Nach den morgendlichen Lesungen in der «Profezey» wird im Grossmünster nachmittags griechischer Sprachunterricht erteilt und griechische Literatur gepflegt. Ceporin möchte ausserdem eine hebräische Grammatik herausgeben. Der Basler Buchdrucker Cratander sendet ihm noch kurz vor Ceporins Tod die ersten Bogen zu. Dagegen erscheint 1524, im Anschluss an Erasmus von Rotterdam, bei Johannes Bebel in Basel Ceporins Griechisches Neues Testament.
Wiesendangers Griechische Grammatik jedoch erscheint erstmals 1522, die Zweitausgabe 1524. Die dritte Ausgabe druckt 1526 Christoph Froschauer in Zürich und erreicht eine besonders grosse Verbreitung. Sie wird als Lehrmittel an Zürcher Schulen noch im Jahre 1724 während über 200 Jahren verwendet. Auch Johannes Kessler in St. Gallen hatte sie an seiner Schule eingeführt.
Mit Pindars «Epinikien» am Fest der Unsterblichen
Zur Zeit der Renaissance finden im Westen die literarischen Werke Pindars († nach 446 v. Chr.) grosse Aufmerksamkeit. Der griechische Lyriker verherrlicht eine vom Göttlichen durchwirkte Welt. Der Mensch ist zwar ein hinfälliges und begrenztes Wesen: «Wir Flüchtigen! Was wir sind, schon sind wir nicht mehr. Ein Traum des Schattens, das ist der Mensch» (8. pythische Ode). Aber im Sieg und im Fest kann er am Glanz der Unsterblichen teilnehmen. Pindars Gesänge, seine «Epinikien», sind voll erhabener Grösse.
Pindars von Ceporin bearbeitetes Werk wird im Jahre 1526 bei Cratander in Basel gedruckt. Die vier Bücher enthalten die Siegesgesänge für die Preisträger der Olympischen, Pythischen, Nemeischen und Isthmischen Wettkämpfe. Es soll sich um die erste vollständige Ausgabe der «Epinikien» nördlich der Alpen handeln. Ein Exemplar ist erhalten geblieben, sogar mit Ceporins handschriftlicher Widmung.
Nur wenige Monate nach seiner Berufung auf die Hebräisch- und Griechisch-Professur in Zürich stirbt Jakob Wiesendanger, noch keine 26 Jahre alt, am 20. Dezember 1525 völlig unerwartet. Zwingli setzt im Vorwort zu Ceporins Pindarausgabe seinem betrauerten Freund ein schönes Denkmal. Es hätte geschienen, als wäre Ceporin zu nichts anderem geboren als zum Lehren und Erklären ältester und schwierigster Schriftsteller. Er nennt ihn einen ungeheuer arbeitsamen Menschen («homo monstrose laboriosus»), der trotz aller Mahnungen seine Gesundheit nicht geschont habe: nichts, habe er allemal gesagt, erquicke ihn so sehr wie beständiges Studium. Zwingli ruft dazu auf, sich der Lektüre der antiken Schriftsteller, insbesondere Pindars, zu widmen und sie nicht – über einem allzu grossen Interesse für zeitgenössische Publikationen – zu vernachlässigen.
Die Anfänge der Zürcher Universität und ein neuer Lehrstuhl
Der Tod Ceporins war für die Sache der Reformation ein schwerer Schlag. Aber Zwingli gelingt es, als Lehrer der hebräischen Sprache den qualifizierten Basler Pellican (1478–1556) zu gewinnen. Die biblisch-theologische Ausbildung am Grossmünster für neugläubige Pfarrer setzte sich mit dem Antistes Heinrich Bullinger auch nach dem Tode Zwinglis fort. Ausserdem erweiterte sich das Lehrangebot im Jahre 1541 mit einem neu geschaffenen naturwissenschaftlichen Lehrstuhl des Zürchers Konrad Gessner (1516–1565), Arzt, Naturforscher, Altphilologe, Humanist und Enzyklopädist. Und mit Bullingers Schulreform von 1559 trat das frühere Hauptanliegen der ursprachlichen Bibelübersetzungsarbeit zugunsten der allgemeinen reformierten Theologenausbildung zurück.
Die Erweiterung zur modernen Hochschule wurde lange abgelehnt. Zur Zeit der Helvetik und Mediation bekämpften Theologen die Universitätsinitiativen. Erst in der Regeneration (1833) gelingt es liberalen Kräften, eine Hochschule in Zürich nach humboldtschen Leitlinien zu begründen.
Aber der Ursprung der Zürcher Universität gründet in der Zeit, als Zwingli die «Profezei» ins Leben rief, und in Ceporins kurzem Wirken an der neu begründeten biblischen Hochschule mit dem Studium der biblischen Ursprachen.
Im August 1523 hatte die Zürcher Obrigkeit auch die Frauenklöster der Landschaft geschlossen und den austretenden Nonnen zu heiraten gestattet. Elsbeth Scherer, bisher Nonne in Töss bei Winterthur, wird die Gattin Ceporins. Mit der Witwe hinterlässt der Frühverstorbene ein Töchterchen, das später die Gattin Konrad Klausers wird, eines auch als Schriftsteller bekannten Geistlichen. Und Klauser in Töss schreibt an Myconius, dem Erstbiografen Zwinglis, er habe von seiner Gattin, der Tochter Ceporins, ein Söhnchen.
MARKUS SCHÄR



