Winterzeit ıst Lesezeiıt
10.01.2026Winterzeit ist Lesezeit. Ob im kuscheligen Sessel oder auf dem Sofa – der Winter bietet die perfekte Gelegenheit, in Geschichten einzutauchen. Auch wir in der Redaktion greifen ab und zu zum Buch. Eines davon stellen wir Ihnen hier vor. Und Sie? Welches Buch begleitet Sie gerade? Schreiben ...
Winterzeit ist Lesezeit. Ob im kuscheligen Sessel oder auf dem Sofa – der Winter bietet die perfekte Gelegenheit, in Geschichten einzutauchen. Auch wir in der Redaktion greifen ab und zu zum Buch. Eines davon stellen wir Ihnen hier vor. Und Sie? Welches Buch begleitet Sie gerade? Schreiben Sie uns!
Die Assistentin
VON CAROLINE WAHL
Nach zwei Bestsellern in Folge ist die junge deutsche Schriftstellerin Caroline Wahl mit ihrem dritten Roman «Die Assistentin» auf dem Markt. Von der Ich-Perspektive hat sie zur auktorialen Erzählung gewechselt. Auch das Umfeld, in der die Geschichte spielt, ist anders. Im Gegensatz zum Erstling «22 Bahnen», der sogar verfilmt wurde, hat das Erscheinen des Buches ambivalente Reaktionen ausgelöst – nicht zuletzt wegen des direkt kommunizierten Erfolgswillens der Autorin.
Die Handlung: Eine ehrgeizige junge Frau tritt in München eine Stelle als Verlagsassistentin an. Eigentlich wäre sie lieber Musikerin geworden, hat sich aber dem Druck der Eltern gebeugt, zu welchen sie trotz Differenzen ein enges Verhältnis pflegt. Den grössten Teil nimmt die Beziehung zwischen der Assistentin Charlotte und dem Verleger Ugo Meise ein. Sie und alle anderen Angestellten leiden unter dessen chaotischem und übergriffigem Führungsstil, der – zeitgemäss – als toxisch und narzisstisch beschrieben wird. Früher hätte man den Mann wohl als Neurotiker bezeichnet. Die junge Frau macht sich Gedanken über das Seelenleben ihres Chefs und versucht, sein Verhalten mit Diagnosen, bis hin zum Autismus, zu erklären und sich schönzureden. Dabei entwickelt sie den Ehrgeiz, mit ihm klarzukommen und nicht wie die meisten anderen zu scheitern.
Wichtig sind ausserdem die Eltern, andeutungsweise auch Freund Bo, den sie auf dem Arbeitsweg kennenlernt. Ansonsten: wenig Kontakt, praktisch kein Sozialleben. Die treibende Kraft in Carolines Leben ist die Musik, mit der sie – dem eingeschlagenen bürgerlichen Weg zum Trotz – nach wie vor gross herauskommen will.
Immer wieder greift die Autorin in die Geschichte ein, reflektiert, stellt sich vor, was ein Lektor sagen würde – zum Beispiel, dass man mehr über Charlottes Privatleben erfahren solle. Sie verspricht, über ein angeschnittenes Thema später mehr zu liefern und greift mit Andeutungen der weiteren Erzählung vor, ohne im Detail zu verraten, wie sich die immer schneller drehende und ermüdende Verstrickung der beiden Hauptfiguren zum Ende hin entwickelt. Zu Beginn irritiert, gewöhnt sich der/ die Lesende mit der Zeit daran.
Überforderung und Machtmissbrauch
Für das Finale rechnet man mit einem Desaster, wie es auch angekündigt wird: «Und nun, nach diesem kleinen Lichtblick, endlich die Katastrophe.» Inwiefern diese tatsächlich eintritt, ist persönliche Ansichtssache. Burn-outs und Kündigungen sind im Verlag Alltag, Überforderung, Machtmissbrauch und Intrigen ebenso. Viele dürften ähnliche – wenn auch nicht so extreme – Situationen und Beziehungen in Arbeits- oder anderen Verhältnissen auch in früheren Zeiten erlebt haben. Neu ist, dass heute dafür ein erweiterter psychologischer Wortschatz sowie mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein zur Verfügung stehen.
Der Roman treffe einen Nerv der Zeit, liest man unterem über das Buch. Das Erzähltempo ist schnell, mit vielen umgangssprachlichen Ausdrücken und witzigen, knackigen Dialogen. Streckenweise liest sich der Text, wie in einem Schreibrausch gerade erst zu Papier gebracht und wenig bis gar nicht überarbeitet – offenbar auch so gewollt. Die Sehnsucht nach einem finanziell unabhängigen Leben, sich nicht mehr einem Autoritätsverhältnis unterordnen zu müssen, gab es wohl schon immer. Aber die Art und Weise, wie dies erreicht werden soll, wirkt typisch für die aktuelle jüngere Generation, zu der Wahl selbst gehört. Insofern schreibt sie darüber, was sie kennt, und «Die Assistentin» ist ein Zeitzeugnis.
Diese Geschichte zeigt uns, wie wichtig persönliche Grenzen sind und wie schwierig es manchmal ist, sie einzufordern. Für mich persönlich kommen die Nebenfiguren zu kurz und wirken nicht besonders glaubwürdig, während man sich den Verleger und die Assistentin – mehrfach im Text verglichen mit der Filmkomödie «Der Teufel trägt Prada» – sehr lebendig vorstellen kann. Insgesamt liest sich der Roman flüssig und ist auch sehr unterhaltsam.
BETTINA STICHER
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