Wenn Wege sich trennen
19.02.2026 ElggEin Thema, das viele betrifft – und doch oft im Stillen getragen wird: Trennung und Scheidung. Am vergangenen Donnerstag widmete sich der Gesprächsabend «Blickwechsel» im stimmungsvollen müli-bistro genau dieser Frage.
In kleiner, vertrauter Runde kamen ...
Ein Thema, das viele betrifft – und doch oft im Stillen getragen wird: Trennung und Scheidung. Am vergangenen Donnerstag widmete sich der Gesprächsabend «Blickwechsel» im stimmungsvollen müli-bistro genau dieser Frage.
In kleiner, vertrauter Runde kamen Interessierte zusammen, um Erfahrungen zu teilen, Fragen zu stellen und neue Perspektiven zu entdecken. Es wurde ein Abend, der gleichermassen emotional wie sachlich, berührend wie hoffnungsvoll war.
Unter der einfühlsamen und fachkundigen Leitung der Psychotherapeutin Nina Kuhn und der Pfarrerin Johanna Breidenbach entstand ein geschützter Raum für ehrliche Gespräche. Bei warmen Getränken, selbstgebackenem Kuchen, herzlich serviert von Elsbeth Abegg Vorburger, und feinen Snacks öffneten sich die Teilnehmenden und blickten zurück – auf eigene Trennungen oder auf Erfahrungen im nahen Umfeld.
Was prägt uns nach einer Trennung?
Diese Frage stand zu Beginn im Raum. Manche erinnerten sich an die erste Zeit nach dem Auseinandergehen – eine Phase voller Unsicherheit, vielleicht auch mit Kindern, die mitbetroffen waren. Für viele war das gemeinsame Leben ursprünglich nicht mit dem Gedanken an eine Trennung verbunden gewesen. Einige stellten sich im Rückblick die Frage, ob sie früher hätten reagieren sollen, als spürbar wurde, dass es nicht mehr funktioniert. Doch oft hielten Existenzängste, Unsicherheit oder das Gefühl von Verantwortung davon ab, einen klaren Schritt zu wagen.
Jede Trennung wird anders erlebt
Ein zentrales Thema war die Rolle der Kinder. Wie gehen sie mit der Trennung um? Wie spricht man mit ihnen darüber? Einigkeit bestand darin, dass offene Gespräche wichtig sind – auch wenn sie schwerfallen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Emotionen noch Jahre später nachwirken können. «Habe ich alles richtig gemacht?», fragte jemand selbstkritisch. Eine andere Person berichtete hingegen, dass sich das Verhältnis zum Ex-Partner nach der Trennung sogar verbessert habe – auch im Sinne der Kinder.
Im Austausch wurde spürbar: Jede Trennung wird anders erlebt. Die Wahrnehmung ist so individuell wie die Beziehung selbst. Wie also geht man am besten mit der Situation um? Ist Vergebung ein Weg? Und wie gelangt man dorthin?
Pfarrerin Johanna Breidenbach und Nina Kuhn brachte den Gedanken der Versöhnung ins Gespräch – nicht zwingend als Wiedervereinigung, sondern als inneren Prozess. Die Kraft der Vergebung könne helfen, loszulassen und Frieden zu finden. Doch Vergebung brauche Zeit, Einsicht und oft auch die Bereitschaft, eigene Anteile zu erkennen. Akzeptanz spiele dabei eine entscheidende Rolle.
Schmerzhafte Trennungen
Eine Teilnehmerin betonte: «Man muss sich selbst wichtig nehmen, sich verstehen und achtsam mit sich umgehen.» Trennungen seien schmerzhaft, könnten aber auch Entwicklungen anstossen – neue Klarheit, persönliches Wachstum oder sogar eine neue Liebe. In der therapeutischen Arbeit betonte Nina Kuhn, dass Beziehungen in Krisenzeiten durchaus wieder zueinanderfinden können, wenn beide bereit seien, Veränderungen mitzutragen. Doch manchmal zeige sich auch, dass trotz Paartherapie kein gemeinsamer Weg mehr möglich ist.
Insgesamt merkte man, dass, wenn ein Thema oder eine Frage von den Moderatorinnen gestellt wurde, die Blicke voller Gedanken waren. Manchmal wurde es kurz still im müli-bistro, bis dann jemand wieder einen Gedanken austauschte. Da merkte man, wie viele Gedanken in Menschen herumschwirren und Lebensbilder wieder hochkommen.
Man hat gespürt, dass darüber zu reden emotional, aber auch entlastend sein kann – und dass es bereichernd ist, andere Ansichten wahrzunehmen.
Zum Abschluss des Abends bestand zudem die Möglichkeit, sich weiter mit dem Thema zu vertiefen: Die Teilnehmerinnen konnten aus dem Angebot von bücherchorb.ch passende Bücher rund um Trennung, Scheidung, Vergebung und Neuanfang erwerben.
Der Blickwechsel-Abend machte deutlich: Trennung und Scheidung bedeuten nicht nur Verlust. Sie stellen Fragen – nach Verantwortung, nach Vergebung, nach Neuanfang. Und sie eröffnen die Chance, sich selbst neu zu begegnen.
Am Ende blieb vor allem eines: das Gefühl, mit seinen Erfahrungen nicht allein zu sein. In der kleinen Runde im müli-bistro wurde aus einem schweren Thema ein gemeinsamer, hoffnungsvoller Austausch – ehrlich, respektvoll und getragen von gegenseitigem Verständnis.
EMANUELA MANZARI
Information
Der nächste Blickwechsel zum Thema Suizid findet am 25. Juni von 19.30 bis 21 Uhr im müli-bistro statt.
Zum Abschluss des Blickwechsels hielt Pfarrerin Johanna Breidenbach eine kurze Predigt, die als Input diente.
Zwei Gedanken:
Der erste Gedanke: Gott kann sich in zwischenmenschlichen Beziehungen zeigen – sowohl in flüchtigen Begegnungen als auch in dauerhaften, belastbaren Partnerschaften. Gottes Entschiedenheit, Treue, Zärtlichkeit und Hilfe können darin sichtbar werden. Das ist ein Geschenk, ein Glück, das dem Leben Halt gibt – unabhängig von guter Laune. Im katholischen Raum ist die Ehe deshalb ein Sakrament – sie ist zeichenhaft.
Doch vor allem gilt: Beziehungen sind menschlich und sollten nicht vergöttlicht werden. Auch die Ehe ist, wie Luther sagte, „ein weltliches Ding“. Beziehungen werden oft überhöht; hier darf man getrost sagen: Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen – was auch bedeutet, sich selbst treu zu sein.
An dieser Stelle ist vielleicht auch Jesu Wort zum Thema Scheidung wichtig: Damals war es zugunsten der Frau gedacht – als Schutzregel. Heute könnte man sagen: Trennt euch fair, übervorteilt einander nicht und, wenn möglich, nicht im Zorn.
Der zweite Gedanke: Nicht über andere urteilen. Und die Kraft der Vergebung anstreben – sowohl in schwierigen Beziehungen als auch danach. Sich selbst und dem anderen vergeben. Das geht manchmal nur mit Abstand. Man muss sich nicht überfordern. Aber man kann innerlich sagen: «Ich würde gerne vergeben können.» Das ist der erste Schritt – den man vielleicht lange wiederholen muss. So kann man mit der Zeit freier werden und Heilung finden.


