Was Tänikon mit der Burg Beaufort im Libanon zu tun hat?
27.06.2026 HISTORIEDer Nahe Osten mit seiner Kreuzfahrerburg Beaufort im Libanon steht gegenwärtig im Brennpunkt der Weltereignisse. Der imposante, auf 700 Meter Höhe gelegene Bau verschafft einen aussergewöhnlich guten Überblick über die Umgebung und dem ihn beherrschenden strategische ...
Der Nahe Osten mit seiner Kreuzfahrerburg Beaufort im Libanon steht gegenwärtig im Brennpunkt der Weltereignisse. Der imposante, auf 700 Meter Höhe gelegene Bau verschafft einen aussergewöhnlich guten Überblick über die Umgebung und dem ihn beherrschenden strategische Vorteile. Auf den ersten Blick gibt es keine Zusammenhänge zwischen der umstrittenen Burg im Nahen Osten und Orten der heutigen Leserschaft. Aber bei genauerer Betrachtung zeigen sich frappante Zusammenhänge. Die Menschen unserer Gegend waren zur Zeit der rund zweihundert Jahre andauernden Kreuzzüge (zwischen 1095 und 1291), als die Burg Beaufort errichtet und umkämpft worden war, ideell, materiell und existenziell tief mitbetroffen.
Kreuzfahrer aus der Gegend der damaligen Schweiz
Die Eroberung des Heiligen Landes durch den Islam hatte der Christenheit Jerusalem mit dem Grabe des Herrn entrissen. Weltliche und kirchliche Anführer strebten daher, die Orte des Lebens Jesu und sein Grab auch physisch wieder in ihren Einflussbereich zu holen. Die Initiative zum ersten Kreuzzug ergriff Papst Urban II., der im Jahre 1095 auf den Synoden von Piacenza und Clermont-Ferrand zur Befreiung des Christusgrabes aufrief. Er fand starken Widerhall in Frankreich und damit auch in der burgundischen Schweiz. Dieser erste Kreuzzug – die Teilnehmer liessen sich als Kennzeichen ein Kreuz anheften – führte nach schweren Verlusten und Niederlagen schliesslich doch zur Eroberung Jerusalems im Juli 1099. An diesem Kreuzzug beteiligten sich aus der Schweiz Graf Rudolf I. von Neuenburg, dessen Gattin die Tochter des Gründers von Hauterive, Emma von Glâne, war. Als Kreuzfahrer wird ein Ritter von Ems genannt, der bei Nizäa fiel. Auch der Churer Bischof Wido (1096–1122) war unter den Kreuzfahrern anzutreffen. Als sich der Abt Gebhard von Allerheiligen in Schaffhausen in Rom aufhielt, nahm auch er das Kreuz und zog dem Hauptheer nach. In Jerusalem wurde er Prior des dortigen Benediktinerklosters, das mit der Grabeskirche verbunden war. Vom mit der Schweiz verbundenen Grafen Hartmann von Dillingen wird ebenfalls berichtet, er sei damals nach dem Heiligen Land gezogen; sein Sohn Ulrich erhielt als Ulrich I. den Bischofsstuhl von Konstanz. Aus unserer Gegend sind vor allem die Grafen von Kyburg zu den Kreuzrittern zu zählen. Graf Ulrich III. von Kyburg (+1227) nahm 1189/1190 am Dritten Kreuzzug, unter anderem von Kaiser Friedrich I. Barbarossa angeführt, teil.
Der Starteologe Bernhard von Clairvaux in Tänikon
Zu den engagiertesten und erfolgreichsten ideologischen Befürwortern der Kreuzzüge gehörte der bedeutende Theologe aus dem Burgund Bernhard von Clairvaux (1091–1153). Seine Mission führte ihn auch in die alamannische Schweiz, wo er zum zweiten, vor allem in Kleinasien (Türkei) fehlgeschlagenen Kreuzzug der Jahre 1147/48 aufrief. Auf Bernhards Betreiben nahm nicht nur Bischof Hermann I. von Konstanz das Kreuz, auch Bischof Ortlieb in Basel tat dasselbe. Auch König Konrad III. konnte sich der Persönlichkeit des geistesgewaltigen Mystikers nicht entziehen. Er erreichte um Ostern 1148 mit dem Basler Bischof Jerusalem. Nach dem aus den Werken Bernhards rekonstruierten Itinerar, seinem Reiseweg in die alemannische Schweiz, warb er in Begleitung von acht anderen geistlichen Personen in den Gegenden des Oberrheins für den von Papst Eugen III. verlangten Kreuzzug. Seine Reise führte ihn von Frankfurt über Basel, Schaffhausen und Diessenhofen nach Konstanz. In den Tagen vom 11. bis 14. Dezember 1146 kehrte er über Winterthur, Zürich, Rheinfelden und Basel nach Deutschland zurück, überall mit Wort und Tat, besonders auch durch wunderbare Krankenheilungen, deutliche Spuren hinterlassend. Die Täniker Chronik, auf mündlicher Tradition basierend, berichtet: «dass der heil. Vatter Bernardus im Jahr 1152(?) das Bistum Constanz durchreiset und aller Orten, wo er hinkam, den Samen göttlichen Wortes ausgesät habe, welches ohnzweifelhaft auch allhier zu Tänikon geschehen sei. S. Bernatsstein, dessen Zeugnis gibt der grosse Kieselstein, in der Weite rund, oben flach und glatt, der liegt in unserer Kirche hinter dem Chor, da man aus dem Kreuzgang in die Kirche geht. Auf diesem Stein soll der heil. Vatter Bernardus geprediget haben.» Nach diesen Angaben ist also im Itinerar Bernhards ein Abstecher nach Tänikon nicht ausgeschlossen, obwohl später auch eine Namensverwechslung behauptet wird.
Weitere Kreuzzüge mit Beteiligung aus der Schweiz
1187 gelang es Sultan Saladin, die Christen in Galiläa vernichtend zu schlagen und ihnen Jerusalem zu entreissen. Nun rüstete Friedrich I. Barbarossa zum dritten Kreuzzug. Die Blüte des Adels nahm daran teil. Die Begeisterung war gross, denn die Pilger hatten über die Zustände in Palästina erschreckende Berichte heimgebracht. Nachdem Barbarossa an der Südküste Kleinasiens ertrunken war, führten die Könige von Frankreich und England, Philipp II. August und Richard Löwenherz, die Kreuzfahrer und eroberten nach zweijähriger verlustreicher Belagerung am 12. Juli 1191 die strategisch wichtige Stadt Akkon, die für die folgenden 100 Jahre die Hauptstadt des Königreichs Jerusalem wurde. Wegen ihrer internen Zerwürfnisse blieben den europäischen Eroberern weitere Erfolge versagt. Auch am vierten Kreuzzug, den der mächtige Papst Innozenz III. veranlasst hatte, war der Bischof von Basel, diesmal Lüthold I. von Aarburg, mit dabei. Wieder fanden sich Adelige der burgundischen Schweiz im Kreuzheer, das König Andreas II. von Ungarn 1217 anführte. Zu ihnen stiessen Rudolf von Rapperswil und der Lausanner Bischof Berthold von Neuenburg (1212–1220). Für den fünften Kreuzzug (1217–1221), den Papst Honorius III. veranlasste und der bis vor Akkon und zur Eroberung von Damiette in Ägypten führte, machten sich die Zisterzienser von Hauterive auf den Weg. Freiherr Lütold IV. von Regensberg, Stifter des Prämonstratenserklosters Rüti, fand 1218 vor Akkon den Tod. Das Kreuzheer selbst wurde im Nildelta vernichtet. Der sechste, von Kaiser Friedrich II. 1228 unternommene Kreuzzug brachte durch Verträge mit dem ägyptischen Sultan die heiligen Stätten nochmals in christlichen Besitz. In der Ostschweiz trat Kardinal Rufina als Kreuzprediger auf. Dabei kam der Adelige Werner von Kyburg-Dillingen 1228 vor Akkon ums Leben und wurde ein Jahr später von den Johannitern in Jerusalem beigesetzt; auch Rudolf II. von Glattburg (bei Flawil) nahm an diesem Kreuzzug teil. Die Kreuzzüge waren zu einer europäischen Bewegung herangewachsen. Um am Kampfe gegen die Ungläubigen teilzunehmen und zugleich als Pilger die heiligen Stätten zu besuchen, zogen ständig Adelige, Ritter und Geistliche nach Palästina. Scharen von Reisenden strömten Richtung Osten, oft in Gesellschaften von Tausenden, Frauen und Männer jeglichen Alters und Standes.
Der interreligiöse Dialog: Franz von Assisi und die Kreuzzüge
Während die Kirche der Päpste zur Zeit der Kreuzzüge blutige Glaubenskriege führte, reiste der Ordensgründer Franz von Assisi im Jahre 1219 nach Ägypten, um dem muslimischen Sultan al-Kamil friedlich das Evangelium zu verkünden und den Dialog zu suchen. Franz schloss sich am fünften Kreuzzug den Truppen der Kreuzfahrer an, die damals die ägyptische Hafenstadt Damiette belagerten. Er wollte jedoch nicht kämpfen, sondern den Kreuzzug beenden und den Frieden bringen. Er und sein Mitbruder Illuminatus überquerten die Frontlinien und wurden vom Sultan empfangen. Trotz der Sprachbarriere und des Krieges kam es zu einem respektvollen Austausch über den Glauben. Die Begegnung gilt bis heute als historisches Beispiel des interreligiösen Dialogs. Der Sultan war vom tiefen Glauben und der Demut des italienischen Bettelmönchs beeindruckt und liess ihn unversehrt wieder abziehen. Geprägt von dieser Erfahrung verfasste Franziskus eine Richtlinie für seine Brüder, die sogenannte Regula Non Bullata (1221). Darin legte er fest, dass die Brüder unter Andersgläubigen nicht streiten sollten, sondern durch ihr demütiges Leben und durch Gottesliebe wirken mögen.
MARKUS SCHÄR



