Vor 873 Jahren: Die Pfarrer bezahlen und die Folgen der Kreuzzüge
25.07.2026 HISTORIEUnter der Ueberschrift «Was Tänikon mit der Burg Beaufort im Libanon zu tun hat?» richtete der erste Beitrag sein Augenmerk auf diesen einzelnen nahen Ort. Er bleibt indirekt – über den Besuch und die Predigt des Bernhard von Clairvaux (+ 1153) – mit den 200 Jahren ...
Unter der Ueberschrift «Was Tänikon mit der Burg Beaufort im Libanon zu tun hat?» richtete der erste Beitrag sein Augenmerk auf diesen einzelnen nahen Ort. Er bleibt indirekt – über den Besuch und die Predigt des Bernhard von Clairvaux (+ 1153) – mit den 200 Jahren andauernden Kreuzzügen verbunden.
Direkt hingegen mit den Kreuzzügen verbunden sind zahlreiche Orte, Gemeinden und Personen im Thurgau und im Züribiet aus der grossen Diözese Konstanz. Sie umfasste sowohl einen Teil Süddeutschlands als auch den deutschsprachigen Teil der spätern Ostschweiz bis zur Reuss.
Der «Liber decimationisdas» berühmte Zehntenregister
Auf einer Synode in Lyon war unter Papst Gregor X. im Jahre 1274 ein neuer Kreuzzug beschlossen worden. Zur Bestreitung der Kosten wurde angeordnet, dass alle Inhaber kirchlicher Pfründen sechs Jahre lang jährlich den zehnten Teil ihres Einkommens abgeliefert werden sollte.
Im Jahre 1275 wurde auch für die Diözese Konstanz ein Verzeichnis aller Pfründen erstellt, und das Einkommen durch eidliche Befragung der Inhaber ermittelt.
Dieses Verzeichnis ist in einer Handschrift von 97 Folio-Blättern von Pergament mit Schriftzügen des 13. Jahrhunderts im Archiv des Erzbistums Freiburg erhalten geblieben. Das Zehntenbuch (lateinisch: «Liber decimationis») vermittelt einen Überblick über die damals bestehenden Pfarreien und Klöster des Bistums Konstanz. Zahlreiche Südwestdeutsche und Schweizer Gemeinden werden im «Liber decimationis» überhaupt erstmals erwähnt.
10 Archidiakonate, 65 Dekanate, 1946 Pfarreien
Im Jahre der Zehntenerhebung für die Kreuzzüge 1275 teilte sich die Diözese Konstanz in 10 Archidiakonate, 65 Dekanate, 1946 Pfarreien. Diese Einteilungen blieben jedoch nicht erhalten, ihre Grenzen und Zugehörigkeiten veränderten sich und waren einem lebendigen Prozess unterworfen. Das Archidiakonat Thurgau umfasste um das Jahr 1275 die Dekanate Arbon, Leutmerken, Dinhard, Wiesendangen und Diessenhofen.Das Archidiakonat Zürichgau umfasste um 1275 die Dekanate Zürich, Kloten, Winterthur, Kyburg, Regensberg, Rapperswil, Wetzikon und Zug.
6 Jahre lang den Zehnten des Pfarrerlohnes zur Vertreibung der «Ungläubigen»
Der «liber decimationis» ist auch ein Verzeichnis aller Pfrunderträgnisse der Ortsgeistlichen (Plebani). Für die Pfründen, welche dem Kloster St. Gallen gehörten, hatte der Abt mit jährlich 90 Mark aufzukommen. Wer nicht zur rechten Zeit bezahlte, musste ein Pfand geben oder Bürgen stellen. Dass auch die Klöster nicht immer gut bei Kasse waren, können wir daraus ersehen, dass die Vorsteher von Fischingen und Münsterlingen silberne Becher versetzen mussten und der von Reichenau genötigt war, ein Pferd zu verpfänden, um die Kreuzsteuer aufzubringen.
Wiesendangen: «Decanus et plebanus in Wisendangen iurauit de eadem VI marc et est residens. (Der Dekan und Pfarrer in Wiesendangen zahlt 6 Mark und wohnt dort)
Gachnang: «Plebanus in Gachenanch iurauit de eadem eclesia XXXII lib. thur.» (Der Pfarrer in Gachnang zahlt 23 Pfund)
Elsau: Plebanus in Elnsowe iurauit de eadem XIII marc. (Der Pfarrer in Elsau zahlt 13 Mark)
Zell: «Plebanus in Celle iurauit de eadem eclesia.» (Der Pfarrer in Zell zahlt von seiner Kirche)
Kyburg: «Item de capella in Chiburch V marcas et est residens in Celle.» (Ebenso zahlt er von der Kapelle in Kyburg, er wohnt in Zell)
Wängi: «Plebanus in Wengen iurauit de eadem XVI marcas.» (Der Pfarrer in Wängi zahlt 16 Mark)
Aadorf: «Viceplebanus in Adorf iurauit pro plebano ibidem III marc.» (Der stellvertretende Pfarrer zahlt für den Pfarrer 3 Mark)
Elgg: «Prebendarius in Elgo iurauit IIII marc. et est in ea residens.»
(Der Pfründner in Elgg zahlt 3 Mark und wohnt dort)
Thundorf: «Plebanus in Tindorf iurauit de eadem VI marc. et dimid.»
(Der Pfarrer in Thundorf zahlt 6 Mark und eine halbe)
Bichelsee: «Plebanus in Bilchilnse iurauit de eadem eclesia XIIII lib. Constanc.» (Der Pfarrer in Bichelsee zahlt von seiner Kirche 14 Pfund)
Aawangen: «Plebanus in Onewanch iurauit III lib. minus duobus sol.» (Der Pfarrer von Aawangen zahlt 3 Pfund minus 2 sol.)
Schlatt: «Plebanus in Schlate iurauit XXXI lib. thur.» (Der Pfarrer in Schlatt zahlt 31.Pfund)
Lustorf: «Plebanus in Losdorf iurauit de eadem XII lib. thur. et X sol.» (Der Pfarrer in Lustorf 12 Pfund).
In decanata Diessenhouen: «Decanus in Diessenhouen iurauit de eadem ecclesia LX lib. Scafusen.» (Der Dekan in Diessenhofen zahlt von seiner Kirche 60 Pfund)
Neunforn: «Plebanus in Niunfron iurauit de eadem XLV lib. Scafusen.» (Der Pfarrer in Neunforn zahlt 45 Pfund)
Hüttwilen: «Plebanus in Hiutwile iurauit de eadem ecclesia XXIX lib. Constanc.» (Der Pfarrer in Hüttwilen zahlt 29.Pfund)
Burg oder Buch: «Plebanus in Burch iurauit de eadem XII mare.» (Der Pfarrer zahlt 12 Mark)
Hausen bei Ossingen: «Plebanus in Husen iurauit de eadem XXVII lib. scafusen.» (Der Pfarrer in Hausen zahlt 27 Pfund)
Weinfelden: «Plebanus in Winfelden iurauit de eadem XXXVI lib.» (Der Pfarrer in Weinfelden zahlt 36 Pfund)
Schlattingen: «Plebanus in Schlattingen iurauit de eadem X lib.» (Der Pfarrer in Schlattingen zahlt 10 Pfund)
Basadingen: «Perpetuus vicarius in Basindingen iurauit 1.» (Der ständige Vikar in Basadingen zahlt 1)
Herdern: «Plebanus in Herdern iurauit, 3» (Der Pfarrer in Herdern zahlt 3)
Steckborn: «Plebanus in Stekborren iurauit de eadem ecclesia XXX marc.»
(Der Pfarrer in Steckborn zahlt von seiner Kirche 30 Mark)
Laufen: «Plebanus in Löffen iurauit de eadem XIIII marc.» (Der Pfarrer in Laufen zahlt 14 Mark)
Schwarzach-Paradies: «Plebanus in Swarza soluit III fertones.» (Der Pfarrer in Paradies zahlt 3 Viertel einer Mark)
Gailingen, Stammheim, Wattwil, Ganterswil: «Dominus Andreas de Williberch plebanus in Gailingen et in Stamhain, in Watwile, Ganderswile, Rinhain, Briton et de prebenda sci.
Leonardi iurauit.» (Dominus Andreas de Williberch Pfarrer in Gailingen in Stamhain, in Wattwil, Ganterswil etc zahlt verschiedene Beträge)
Ein heftig kritisierter Zeitabschnitt
Die 200 Jahre lang andauernden Kreuzzüge erfuhren und erfahren immer noch viel Kritik und heftige Ablehnung. Das ist verständlich, da sich die europäischen Mächte zum Eroberungskrieg Palästinas und des Nahen Ostens aufgemacht hatten.
Schon zu Beginn des Christentums waren Gläubige nach Palästina an Jesu Grab und seiner Lebensorte gepilgert. Als Kaiser Konstantin (+337) über der Grabstätte eine Kirche errichtete, nahm die Zahl der Wallfahrer zu. Mit der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert geriet Palästina in die Hände der Araber. Doch durften die Christen mit der Entrichtung einer Abgabe weiterhin ins Heilige Land pilgern. In der Mitte des 10. Jahrhunderts strömten Scharen von Reisenden in Richtung Osten. Als Mitte des 11. Jahrhunderts die Seldschuken Syrien, Palästina und Anatolien eroberten und auch Byzanz bedrohten, tauchten in Europa Berichte auf, dass Pilger überfallen und ausgeraubt und heilige Stätten zerstört worden seien. Nun erhoben sich Stimmen, die forderten, Jerusalem den «Ungläubigen» zu entreissen.»
Die Kreuzfahrer eroberten Jerusalem und gründeten vier «Kreuzfahrerstaaten»: das «Königreich Jerusalem», das «Fürstentum Antiochia», die «Grafschaft Edessa» und die «Grafschaft Tripolis». Die umkämpften Gegenden waren einst Teil des christlichen Oströmischen Reichs gewesen – die Hauptstadt war Byzanz auch Konstantinopel später Istanbul genannt. In der Auseinandersetzung bat der oströmische Kaiser Alexios (+ 1118) den Papst um Hilfe, mit weitern Gefahren und Konflikten. Die Erfolge des Ersten Kreuzzuges können die Kreuzritter nicht sichern. Ende des 13. Jahrhunderts verlassen die letzten Christen ihre Stützpunkte in Palästina.
Auswirkungen der Kreuzzüge für Europa
Zur schwierigen Beurteilung von Auswirkungen der Kreuzzüge für Europa zitieren wir den Beitrag von Werner Steiger, Geschichte der Schweiz Bd II Kantonaler Lehrmittelverlag St. Gallen 1973.
Jahrhundertelang beherrschten die Mohammedaner das Heilige Land. Aber nun verkündete der Papst: «Wir Christen dürfen das nicht länger dulden. Wir müssen Palästina erobern und hier das christliche Kreuz aufrichten. – Brecht auf, Ihr Ritter, brecht auf, Ihr Fusstruppen, fahret über die Meere, marschiert durch die Länder und bringt Palästina in Eure Hand. Ich erlasse den gläubigen Christen, die gegen die Heiden die Waffen ergreifen, alle Strafen, welche die Kirche ihnen für ihre Sünden auferlegt hat.(…)» In den verschiedenen europäischen Ländern folgten Tausende und Tausende dem Rufe der Päpste. Jeder, der auszog, liess sich ein Kreuz aus rotem Tuch auf die rechte Schulter heften. Weil die Krieger das Christentum, die Religion des Kreuzes,ausbreiten wollten, nennt man ihre Züge ins Heilige Land «Kreuzzüge». Beinahe zweihundert Jahre lang (von 1100 bis gegen 1300) brachen von Zeit zu Zeit neue Heere auf. Es gelang ihnen, Palästina und auch einige andere Gebiete im Morgenland zu erobern.
Aber schliesslich verloren sie alles Gewonnene wieder. Trotzdem hatten diese Züge überaus wichtige Folgen: Süditalien, Spanien und die Inseln im westlichen Mittelmeer wurden von der mohammedanischen Vorherrschaft befreit. Als weitere Folge der Kreuzzüge entstand zwischen dem Morgen- und dem Abendland ein lebhafter, gewinnbringender Handel. Aus Bagdad brachten die Karawanen zu den Häfen farbenprächtige Teppiche, aus Damaskus kostbare Seidengewebe (Damast) und Damaszener Klingen, aus Mosul die feinen Musselin-Stoffe, aus Gaza die hauchdünnen Gewebe (Gaze genannt). Arabische Kaufleute lieferten Porzellan und Seide aus China, Moschus aus Tibet, Gewürznelken, Pfeffer, Safran und Muskatnuss aus Indien, Edelsteine und Perlen aus Ceylon und Elfenbein aus Afrika. Aber auch mit Zitronen, Orangen, Feigen, Mandeln, getrockneten Trauben, mit Wein, Öl und Zucker aus Zuckerrohr wurden die Schiffe beladen.
Zweimal im Jahr verliessen ganze Flotten die Häfen der italienischen Seestädte Pisa,Genua und Venedig und fuhren nach den Küsten Palästinas und Syriens. In diesen Mittelmeerhäfen erschienen auch Kaufleute aus den Niederlanden, aus Deutschland und aus unserm Lande. Sie brachten zu Schiff – durch die Meerenge von Gibraltar – oder mit dem Saumtier und auf Wagen, was sie nach dem Osten verkaufen wollten, Ähnliches wie in Genf und Lausanne. Basler und später auch St. Galler Leinwand und freiburgische Tücher wurden zum Beispiel von Marseille über das Mittelländische Meer bis nach Vorderasien geschifft. In Genua und Venedig nahmen die Kaufleute das entgegen, was aus Morgenland angelangt war. So kamen die Waren auch in die heutige Schweiz. Der Tauschhandel verschwand. An seine Stelle trat der Geldverkehr. Die adeligen Kreuzfahrer lernten die Lebensart des Orients kennen. Aber auch die Erkenntnisse der arabischen Gelehrten verbreiteten sich in Europa und ebenso neue Arzneimittel, Farbstoffe und Papier, dessen Herstellung die Chinesen schon um 100 n.Chr. erfunden hatten, und vieles andere. So verdrängten zum Beispiel die arabischen Zahlen allmählich das umständliche römische Ziffernsystem.»
Die Kreuzzüge hatten grosse Auswirkungen auf das gesamte Leben in Europa.
MARKUS SCHÄR


