VOR 285 JAHREN: Kutschenfahrt nach Kopenhagen – erste Sicht auf Elgg
06.06.2026 HISTORIENach dem Tagebuch von J.C.Lavater (1741–1801), Pfarrer am St.Peter in Zürich
Für die lange Reise nutzten der ausserordentliche Lavater und seine Tochter einen von Pferden gezogenen Wagen, der von Zürich über Schwamendingen, Wallisellen, Bassersdorf, Winterthur ...
Nach dem Tagebuch von J.C.Lavater (1741–1801), Pfarrer am St.Peter in Zürich
Für die lange Reise nutzten der ausserordentliche Lavater und seine Tochter einen von Pferden gezogenen Wagen, der von Zürich über Schwamendingen, Wallisellen, Bassersdorf, Winterthur erreichte. Hier hatten sie am Hause des weitherum bekannten Landschreibers, Literaten und Arztes Ulrich Hegner angeklopft. Das Haus Hegner beeindruckte mit seiner Sammlung zahlreicher Porträts, welche die persönlichen Leit- und Vorbilder des Hausherrn verrieten. Dann machten sie sich in Richtung St.Gallen ins Eulachtal auf.
Lavaters Lektüre im Reisewagen durchs Eulachtal
«Um halb sechs Uhr verliessen wir Winterthur. Ich las Klopstoks Abhandlung über die heilige Poesie, die ich schon so oft gelesen hatte, theils mit neuem Vergnügen, theils mit dem Wunsche, dass Er noch einmal über dieselbe Sache schreiben mögte.»
Lavater hatte offenbar aus der Privatbliothek Ulrich Hegners einen Band des Dichters mitlaufen lassen, «mit mir genommen». Der Band gehörte zu den neuesten gedruckten Werken des mächtig aufstrebenden jungen Schriftstellers im deutschen Sprachraum. Und der vielfach interessierte Theologe aus Zürich ergötzte sich auf der Fahrt durchs Eulachtal an der neuesten, wegweisenden Literatur. Allerdings nicht ohne kritische Bemerkungen beifügend!
Friedrich Gottlieb Klopstock (1724– 1803) aus Quedlinburg (Sachsen-Anhalt), ein deutscher Lyriker, galt als bedeutendster Vertreter der Empfindsamkeit, ein Befürworter der Französischen Revolution (1789) und der deutschen Nationalstaatsbewegung.
Mit der Publikation des Epos «Der Messias» hatte Klopstock literarisch grosse Berühmtheit erlangt.
König Friedrich V. von Dänemark (1723–1766) bewilligte Klopstock eine jährliche Pension von 400 Reichstalern, um seinen «Messias» vollenden zu können. Diese wurde nach seiner Heirat nochmals erhöht und auf Lebenszeit vergeben.
«Der Messias» umfasst zwanzig Gesänge in zwei Hälften geteilt: Das biblische Heldengedicht erzählt in den ersten zehn Gesängen (I–X) die Geschichte vom Leiden und Tod Jesu Christi. Die folgenden zehn Gesänge (XI–XX) handeln hingegen von der Verherrlichung Christi, seiner Auferstehung und Himmelfahrt.
Dabei ahmte Klopstock das klassische Versmaß, den griechisch-antiken Hexameter nach und entwickelte einen «deutschen Hexameter». Damit trat er in einen Wettstreit mit den antiken (Homer, Vergil) und neuzeitlichen (Dante, Tasso, Milton) Vorbildern, in der Absicht, diese zu überbieten. «Der Messias» Klopstocks wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Erbauungsbuch gebraucht und insbesondere während der Karwoche gelesen.
Die wegweisenden Zürcher Literaten Johann Jakob Breitinger (1701–76) und Johann Jakob Bodmer (1698– 1783) hatten Klopstock gefördert. Bodmer hatte ihn zu einem längern Aufenthalt nach Zürich eingeladen, wo Klopstock nach einer teilweise ausgelassenen, Bodmer verärgernden Schiffahrt, seine berühmt gewordene Ode «Der Zürchersee» verfasste.
«Der Zürchersee»
Nach einer teilweise ausgelassenen Schifffahrt verfasst Klopstock im Jahre 1750
«Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,
Das den grossen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt.
Von des schimmernden Sees Traubengestaden her,
Oder, flohest du schon wieder zum Himmel auf,
Komm in rötendem Strahle
Auf dem Flügel der Abendluft,
Komm, und lehre mein Lied jugendlich heiter sein,
Süsse Freude, wie du! gleich dem beseelteren
Schnellen Jauchzen des Jünglings,
Sanft, der fühlenden Fanny gleich.
Schon lag hinter uns weit Uto, an dessen Fuss
Zürich in ruhigem Tal freie Bewohner nährt;
Schon war manches Gebirge
Voll von Reben vorbeigeflohn.
Jetzt entwölkte sich fern silberner Alpen Höh,
Und der Jünglinge Herz schlug schon empfindender,
Schon verriet es beredter
Sich der schönen Begleiterin.
Hallers Doris, die sang, selber des Liedes wert,
Hirzels Daphne, den Kleist innig wie Gleimen liebt;
Und wir Jünglinge sangen
Und empfanden wie Hagedorn.
Jetzo nahm uns die Au in die beschattenden
Kühlen Arme des Walds, welcher die Insel krönt;
Da, da kamest du, Freude!
Volles Masses auf uns herab!
Göttin Freude, du selbst! dich, wir empfanden dich!
Ja, du warest es selbst, Schwester der Menschlichkeit,
Deiner Unschuld Gespielin,
Die sich über uns ganz ergoss!
Süss ist, fröhlicher Lenz, deiner Begestrung Hauch,
Wenn die Flur dich gebärt, wenn sich dein Odem sanft
In der Jünglinge Herzen,
Und die Herzen der Mädchen giesst.
Ach du machst das Gefühl siegend, es steigt durch dich
Jede blühende Brust schöner, und bebender,
Lauter redet der Liebe
Nun entzauberter Mund durch dich!
Lieblich winket der Wein, wenn er Empfindungen,
Bessre sanftere Lust, wenn er Gedanken winkt,
Im sokratischen Becher
Von der tauenden Ros′ umkränzt;
Wenn er dringt bis ins Herz, und zu Entschliessungen,
Die der Säufer verkennt, jeden Gedanken weckt,
Wenn er lehret verachten,
Was nicht würdig des Weisen ist.
Reizvoll klinget des Ruhms lockender Silberton
In das schlagende Herz, und die Unsterblichkeit
Ist ein grosser Gedanke,
Ist des Schweisses der Edlen wert!
Durch der Lieder Gewalt, bei der Urenkelin
Sohn und Tochter noch sein; mit der Entzückung Ton
Oft beim Namen genennet,
Oft gerufen vom Grabe her,
Dann ihr sanfteres Herz bilden, und; Liebe, dich,
Fromme Tugend, dich auch giessen ins sanfte Herz,
Ist, beim Himmel! nicht wenig!
Ist des Schweisses der Edlen wert!
Aber süsser ist noch, schöner und reizender,
In dem Arme des Freunds wissen ein Freund zu sein!
So das Leben geniessen,
Nicht unwürdig der Ewigkeit!
Treuer Zärtlichkeit voll, in den Umschattungen,
In den Lüften des Walds, und mit gesenktem Blick
Auf die silberne Welle,
Tat ich schweigend den frommen Wunsch:
Wäret ihr auch bei uns, die ihr mich ferne liebt,
In des Vaterlands Schoss einsam von mir verstreut,
Die in seligen Stunden
Meine suchende Seele fand;
O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns!
Ewig wohnten wir hier, ewig! Der Schattenwald
Wandelt, uns sich in Tempe,
Jenes Tal in Elysium! «
Auf dem Dickbucher «Chilewäg» Distanzierung von Klopstock?
Mit einem geöffneten Band «Messias» von Klopstock auf seinen Knien, hatte Lavater Winterthur verlassen und den Reiseabschnitt im Eulachtal begonnen. Wir wissen nicht, wie die Reisenden vorwärts kamen. Lavater äussert sich nicht zu den Wegverhältnissen. Sie waren damals vielfach prekär. Die Eulach und ihre Seitenbäche verwandelten die Karrenwege regelmässig in einen unpassierbaren Sumpf. Dann mussten die Kutscher höher gelegene Wege wählen. Es ist nicht auszuschliessen, dass Lavater und seine Tochter in der Pferdekutsche das Dorf Dickbuch durchfahren haben. In diesem Falle werden sie schliesslich, nach dem riskant steil abfallenden Waldweg, dem «Dickbucher Chilewäg» bald das Städtlein Elgg vor sich gesehen haben. Der steile Weg gehört heute noch zu den am meisten besprochenen Streckenabschnitten im «Gugenhard». Die Motorisierung hat inzwischen für ältere Semester den abfallenden Fussweg zum Gottesdienst in der Kirche Elgg wieder ermöglicht, gleichzeitig den «Chilewäg» als Fussweg seines meditativen Gehaltes und Sinnes beraubt.
Aber der beschaukelte Leser Lavater hegt in seinem Innern Einwände zu Klopstocks Aeusserungen. Ihm sind die Gedanken aus der neutestamentlichen Passionsgeschichte vertrauter. Diese steht ihm über den neuesten Werken des deutschen Literaten: Was die Grössten und Würdereichsten aller Sterblichen nicht unter ihrer Würde fanden, zu erzählen. Eben von einer solchen Meisterhand wünscht man das, was sich sonst schwer mit Geschmack und Würde darstellen lässt, mit Würde darstellt: Zum Beyspiel – Das von Petrus abgehaune Ohr und die Wiederansetzung desselben. Das Hahnengeschrey mit dem Blicke Jesu auf Petrus verbunden. Es lässt sich Alles sagen - Und wer soll es uns sagen, wenn nicht der Geschmackvollste und Würdereichste aller Dichter?
Der im Eulachtal angekommene Lavater vermerkt in sein Tagebuch: «Um halb sieben Uhr nachdem wir Retsten( Räterschen) zurückgelassen, fuhren wir durch die fruchtbare Gegend bey Unterschottikon ... und um sieben Uhr waren wir, bey Erscheinung eines schönen Regenbogens, in Elgg.»
MARKUS SCHÄR


