VOR 150 JAHREN: DER GROSSE BRAND VON ELGG
08.08.2026 HISTORIEIm Sommer 1876 verbrannte das halbe Städtli
Elgg wird bis in die Gegenwart von verheerenden Feuersbrünsten geplagt und erschüttert. Die grösste vom Jahre 1876 – vor 150 Jahren – legte den historischen Flecken gleich um die Hälfte in ...
Im Sommer 1876 verbrannte das halbe Städtli
Elgg wird bis in die Gegenwart von verheerenden Feuersbrünsten geplagt und erschüttert. Die grösste vom Jahre 1876 – vor 150 Jahren – legte den historischen Flecken gleich um die Hälfte in Schutt und Asche. Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» berichtete darüber am 9. Juli.
Die Tragödie, welche weitherum Entsetzen, Betroffenheit, Mitleid aber auch Solidarität auslöste, ist aufschlussreich dokumentiert. Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» lässt deshalb den im Jahre 1876 unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse vom damaligen Gemeinderatsschreiber Fritz Mantel verfassten Erlebnisbericht (in Grammatik und Rechtschreibung, zum besseren Verständnis, teilweise leicht angepasst, Red.) vollumfänglich erscheinen.
Erlebnisbericht von Fritz Mantel, damals Gemeinderatsschreiber
«Samstag, den 8. Juli 1876, abends 9 Uhr hatte die Vorsteherschaft Elgg Sitzung in der Wohnung des Gemeindekassiers J. Büchi. Nach Schluss der Verhandlungen, ca. um 11 Uhr wurde gegenseitig ‹Gute Nacht› gewünscht, nicht ahnend, dass drei Stunden später diese Stätte, wo die Vorsteherschaft so oft in traulichem Kreise gesessen, in Schutt und Asche liege.
Es war eine ruhige, sternenhelle Nacht, ein leichter Südwestwind spielte mit den Blättern der Linde auf dem Platz, sonst war alles still und ruhig, nur hie und da schimmerte noch ein schwaches Licht, wo vielleicht eine liebende Mutter ihren Säugling stillte, oder auf den morgenen Sonntag die Kleidchen rüstete. Ach! Du ordnest und sorgest umsonst, denn schon schreitet das Unglück heran.
Mitternacht war vorbei, nach der Controlluhr passierte Wächter Stadelmann ein Viertel nach zwölf Uhr die Controllstätten beim Spital und bei Witt. Kuppers Haus. Erst nach Markierung der Uhr vor dem Unterthor und nach Eintritt in den Flecken hörte er Lärm und bemerkte Rauch und Feuer in der Untergass.
Der Feuerlärm durchdrang den Ort bevor die Glocken ruften, aber so schnell man auch zur Hülfe bereit war, war auch das Feuer schon Meister geworden und spottete jeder Gegenwehr. Der leichte Südwest ging schnell in Sturm über, teilte das Feuer den nächstliegenden Häusern mit, ging auf den innern Ring, die Unter- und Strehlgass über, zerstörte die Häuser im ‹Hof› und Teil der Vordergasse; in weniger als fünf Stunden lagen 65 Häuser in Schutt und Asche. 73 Haushaltungen mit 275 Personen waren obdachlos. Viele der geflochtenen Fahrhabe verbrannte noch im Freien von den beständigen weit nach Nordost hinfallenden Gluten.
Den Anstrengungen von 24 Spritzen (Wasser im Überfluss) gelang es etwa um fünf Uhr morgens, dem Feuer Meister zu werden und konnten die ermüdeten Corps teilweise sich etwelcher Ruhe hingeben. Etwa um sieben Uhr wurden die entfernten Spritzenmannschaften entlassen und es rückten die hiesigen Pferdehalter an zur Wegschaffung des Brandholzes in der Vordergass, auf dem übrigen Brandplatz war alles radikal verbrannt, selbst die Miststöcke.
Unter den Brandgeschädigten befinden sich auch drei Mitglieder der Vorsteherschaft:
Hr. Gmdskassier Büchi, Schulgutsverwalter, Hr. E. Stadelmann, Bauverwalter und Hr. Ktsrth.J. Büchi, Gerber. Leider sind auch zwei Menschenleben zu beklagen: Jgfr. Verena Stadelmann, 64 Jahre alt und Frau Büchi, Lehrer, 49 Jahre alt.
Der Cadaver der Ersteren wurde am folgenden Tage, 10. Juli, aus dem Keller hervorgegraben. Von Letzterer fand man nur noch verkohlte und ausgebrannte Knochen und Schädelteile.
Am Brandtage schon erschienen Reg. Rath Hertenstein und Statthalter Würmli, auf deren Verfügung hin 18 Mann Sappeure aufgeboten wurden behufs Erstellung einer Baracke für Vieh, Futter und Getreide. Am 10.
Juli erschienen Kantonsbauinspector Weber, Lieut. Schlatter u. Kants.baumeister von Büehl in Uniform und planierten mit Hrn. Kreisingenieur Spiller, Forstverwalter, eine Baracke von 105’ (Fuss, Red.) Länge und 42’ (Fuss, Red.) Tiefe.
Hilfe aus den Nachbargemeinden
Den 11. Juli waren die Sappeure schon in voller Tätigkeit. Holz lieferte die Gmdewaldung. Über Ziegel, Schindel und Bretter wurde Konkurrenz eröffnet.
Die Kaserne Wtthr. lieferten die nötigen Metragen und Strohsäcke.
Elgg bildete seit dem Brandtag ein Wallfahrtsort, denn jeder Zug brachte neue Scharen von Neugierigen. Unterdessen ging es mit Wegräumen des Schuttes streng vorwärts. Das beständig schöne Wetter förderte die Arbeit wesentlich. In erfreulicher Weise wurde Hilfe aus den Nachbargemeinden anerboten und es erschienen nach vorher ergangenen Anzeigen Hilfskorps von Ettenhausen, Aadorf, Hagenbuch, Schneit, Zünikon, Gündlikon, Schottikon, Hofstetten, Schlatt, und selbst von Veltheim erschienen 16 Mann unter der speziellen Aufsicht und Leitung des Hrn. Gemeindepräsidenten. Selbst eine Anzahl Arbeiter des Hauses Rieter & Cie. In Töss hat sich anerboten, Sonntag, den 16. Juli behilflich zu sein, was aber mit Rücksicht auf die Sonntagsruhe, welche von den momentan so sehr geplagten Menschen und Tieren nicht entziehen zu dürfen glaubte, abgelehnt wurde.
Während diesen Tagen wurden die hiesige männliche Bevölkerung und die Feuerwehr nach der Kehrordnung zur Arbeit eingeladen, welche nach Säuberung der öffentlichen Strassen zur Räumung der Brandplätze übergingen.
Der grösste Teil Schutt wurde verwendet zur Anlegung und Auffüllung der Strassen nach der Tüllbrücke, das abgetretene Land wurde mit 12 C per m2 vergütet.
Behufs Erzielung eines rationellen Strassennetzes und richtigen Einteilung der Brandstätte zu Neubauten, wurde der gesamte Brandplatz samt Gärten von der Gemeinde abgekauft, per m2 25 C, und hernach wieder zu gleichem Preise verkauft.
Laut geometrischem Fächenverzeichnis der Brandstätte müssen an die neuen Strassen abgetreten werden 39 489 m2 Land à 25 C, bringt Fr. 9872.25.
Brandursache blieb unklar
Wie der Brand entstanden ist? Darüber liegt ein Schleier, den wohl niemand abdecken kann. Es sind zwei Fälle denkbar. 1. Fahrlässigkeit, 2. Böswillige Brandstiftung. Fahrlässigkeit vielleicht durch die betagte Jgfr. Stadelmann, die sich nicht mehr zu retten wusste, oder Brandstiftung durch Ulrich Mantel, Naglers, aus diabolischer Boshaftigkeit. Die stattgefundenen Verhöre blieben erfolglos. Erst einige Tage nachher, als ihm verdeutet worden sei, dass er im Verdacht stehe, ging er Sonntag morgens, den 23. Juli, nach Frauenfeld um Sicheln zu kaufen, kam aber nie mehr zurück und trotz sofortigen angehobenen Nachforschungen konnte seine Spur nicht entdeckt werden und er ist spurlos verschwunden.
Was trieb ihn wohl zum Fortgehen? Hausstreit? Nein! Ökonomische Bedrängnis? Nein! Denn das Inventar zeigte ein Vermögen von mehr als 23 000 fl. (Florin, Gulden, Red.) Krankheit od. körperliche Leiden? Auch nicht! Ungeratene Kinder? Auch dies nicht. Die Ehe blieb kinderlos und doch muss ein Grund vorhanden gewesen sein; mit dem wenigen Sackgeld, das er bei sich gehabt haben soll, konnte er nichts beginnen. Aber wohin ihn seine Füsse trugen? Bleibt Geheimnis. Gott sei seiner Seele gnädig. ‹Richtet nicht, auf dass ihr auch nicht gerichtet werdet.›»
MARKUS SCHÄR

