Von der Volatilität zum Jahr der Bewährung
17.01.2026 AadorfDer Anlagechef der Raiffeisen Schweiz hielt am Dienstagabend in Aadorf persönlich einen Anlageausblick fürs Jahr 2026. Am Kundenanlass der Raiffeisenbank Aadorf gab es spannende Einblicke in Anlagechancen und die erwarteten wirtschaftlichen Entwicklungen. Im Fokus stehen ...
Der Anlagechef der Raiffeisen Schweiz hielt am Dienstagabend in Aadorf persönlich einen Anlageausblick fürs Jahr 2026. Am Kundenanlass der Raiffeisenbank Aadorf gab es spannende Einblicke in Anlagechancen und die erwarteten wirtschaftlichen Entwicklungen. Im Fokus stehen Diversifikation, Qualität und Geduld.
Patrick Müller, Vorsitzender der Bankleitung, begrüsste die zahlreich erschienenen Gäste im voll besetzten grossen Saal des Kultur- und Gemeindezentrums Aadorf. «Vergangenes Jahr hat man als Anleger Nerven gebraucht», sagte er. Es habe einen grösseren Einbruch gegeben, man sei aber auch gut wieder herausgekommen. Für Matthias Geissbühler, Chief Investment Officer (CIO) der Raiffeisen Schweiz, sei heute der erste physische Auftritt in Aadorf. «Sie erhalten Informationen aus erster Hand», erklärte Patrick Müller.
«Das letzte Jahr war ein sehr spannendes Börsenjahr, und es wird voraussichtlich in diesem Takt weitergehen», begann Geissbühler seine Ausführungen. Im Rückblick verwies er auf den Anlageguide vom vergangenen Januar mit dem Titel «Volatilität voraus». Und genau so sei es auch gekommen, wie er anhand des Volatilitätsindex erläuterte. Im April habe es deutliche Korrekturen an den Börsen gegeben. Rückblickend auf das ganze Jahr zeige sich jedoch eine erfreuliche Entwicklung. «Insgesamt haben fast alle Anlageklassen eine sehr starke Performance gezeigt.» Besonders der Schweizer Aktienmarkt habe aufgeholt. Auch die alternativen Anlagen Immobilienfonds und Gold, welche Raiffeisen das ganze Jahr über übergewichtet habe, hätten sich als hervorragend erwiesen.
Durchzogener Konjunkturausblick
Im Ausblick auf die Konjunkturaussichten erklärte der Referent, das Zollthema werde auch 2026 beschäftigen. In den USA dürfte die Inflation nochmals anziehen, und für Schweizer Firmen, die stark in die USA exportieren, seien die Zölle sowie der gegenüber dem Dollar starke Franken eine Belastung. «Die teuren Schweizer Produkte sind ein Wettbewerbsnachteil», so Geissbühler. Die Vorlaufindikatoren wiesen auf ein schwieriges Jahr für die Industrie in Europa und der Schweiz hin.
Beim für das BIP wichtigeren Konsum zeige sich eine K-förmige Entwicklung. Ein Teil der Bevölkerung, dem es finanziell sehr gut gehe – zum Beispiel dank Gewinnen an den Aktienmärkten –, werde weiter konsumieren. Rund 80 Prozent, vor allem in den USA, müssten hingegen den Gürtel enger schnallen und litten stark unter der Inflation. Auch bei der Arbeitslosigkeit zeigten sich in den USA, aber auch in der Schweiz und in Europa steigende Tendenzen. «Die Frage ist, ob der Konsum weiterhin eine Stütze der Wirtschaft bleibt.»
In der Schweiz und in Europa sei die Inflation in den Zielbereich der Notenbanken von unter 2 Prozent zurückgekehrt. In der Schweiz sei dieses Ziel schon länger erreicht. In den USA hingegen bleibe sie über dem Ziel der US-Notenbank von rund 3 Prozent. «In der Schweiz werden die Zinsen wohl längere Zeit bei null bleiben», erklärte Geissbühler. Die Konjunkturprognosen lägen weltweit insgesamt unter dem Potenzial. Für die Schweiz werde das Wachstum des Bruttoinlandprodukts auf rund 1 Prozent geschätzt. «Das Glas ist halbvoll. Es gibt ein positives Wachstum und keine Rezession, aber wir sehen ein durchzogenes Bild», fasste er zusammen.
Hype-Zyklus bei KI erwartet
Wie sollen sich Anlegerinnen und Anleger in diesem makroökonomischen und geopolitischen Umfeld positionieren? Bei sicheren Staatsanleihen und bei Liquidität ergeben sich gemäss dem CIO inflationsbereinigt negative Renditen. Etwas attraktiver seien Unternehmensanleihen. Bei ausländischen Anleihen schmälere das Währungsrisiko die Rendite. «Obligationen gehören vor allem als Stabilisator ins Portfolio.» Bei den Währungen gehe man davon aus, dass sich der Dollar weiter abschwächen werde, ebenso der Euro.
«In den globalen Aktienmärkten sind die Bewertungen gestiegen, weshalb die Selektion an Bedeutung gewinnt», erklärte der Anlagechef. Der Grund für die hohen Bewertungen seien insbesondere die grossen Tech-Firmen, getrieben durch hohe Erwartungen an die künstliche Intelligenz. Die Entwicklung der KI verglich er mit jener des PCs in den 1980er-Jahren und des Internets in den 1990er-Jahren. «Die Frage ist, welchen Einfluss die Nutzung der KI auf das Wirtschaftswachstum haben wird.» Auch bei der KI gehe man vom sogenannten Hype-Zyklus aus: Innovationsauslöser, Gipfel der überzogenen Erwartungen, Tal der Enttäuschungen und schliesslich das Plateau der Produktivität.
Rekordausschüttungen bei Schweizer Aktien
Als Alternativen seien Dividendentitel interessant, insbesondere für langfristige Anleger. Für dieses Jahr erwarte man bei Schweizer Aktien erneut Rekordausschüttungen. Unabhängig von Börsenschwankungen könne man hier mit rund 3 Prozent Rendite rechnen. «Dividenden machen langfristig einen grossen Teil des Gesamtertrags von Aktieninvestitionen aus.» Betrachtet man nicht nur den SMI-Preisindex, sondern den SMIC-Index, der die Dividenden miteinbezieht, hätten Schweizer Aktien im vergangenen Jahr nicht 14, sondern fast 18 Prozent Ertrag erzielt. «Langfristig sind Aktien in der Performance unübertroffen.»
Zur Diversifikation empfehle die Raiffeisenbank zudem alternative Vermögenswerte wie Gold und Schweizer Immobilienfonds. Die Preise für Wohneigentum dürften weiterhin moderat steigen. Auch beim Gold erwarte man eine gewisse Preissteigerung. «Gold gehört aus Diversifikationsgründen ins Portfolio. «Für uns ist 2026 das Jahr der Bewährung», lautete das Fazit von Matthias Geissbühler. Diesen Titel trägt auch der neue Anlageguide. Ob sich die Erwartungen an die KI bewahrheiten, ob die Notenbanken standhaft bleiben, was man bei der Raiffeisenbank erwarte und ob fiskalpolitische Massnahmen – etwa die massiven Rüstungsausgaben – greifen, werde sich zeigen.
Diversifizieren und standhaft bleiben
«Im Portfolio lohnt es sich weiterhin zu diversifizieren, mit Sachwerten und Qualität, über verschiedene Anlageklassen, Sektoren und Länder hinweg.» Zur häufigen Frage, ob sich Investieren noch lohne, zeigte der Anlageexperte auf, dass Aktien trotz zahlreicher Allzeithochs langfristig stetig wachsen, wenn auch mit Durststrecken. Entscheidend sei eine zur eigenen Risikofähigkeit und Risikobereitschaft passende Anlagestrategie. Sein Tipp: standhaft bleiben. «Geduld zahlt sich immer aus. Auf ein Allzeithoch folgt irgendwann ein neues Allzeithoch.»
Im Anschluss eröffnete Donato Blasucci, Teamleiter Anlagekundenberatung bei der Raiffeisenbank Aadorf, die Fragerunde. Dabei kam auch die Frage nach Kryptowährungen auf. Matthias Geissbühler verwies auf deren enttäuschende Performance im vergangenen Jahr und die insgesamt starken Schwankungen. Der Grund, weshalb Kryptowährungen in den Vermögensverwaltungsmandaten der Bank nicht enthalten seien: «Sie sind vor allem spekulativ und nicht bewertbar.» Aber wer davon überzeugt sei und sich damit auskenne, könne gerne auf eigene Verantwortung investieren.
Nach den anschaulich und kompakt vorgetragenen breit gefächerten Informationen genossen die zahlreichen Gäste ein Apéro riche und tauschten sich aus.
BETTINA STICHER



