Vom italienischen Fussballverein zum Treffpunkt für alle
15.09.2026 AadorfWer in Aadorf früher von den «Azzurri» sprach, dachte an Fussball, italienische Familien und einen Ort der Begegnung. Für viele Italienerinnen und Italiener, die vor Jahrzehnten in die Schweiz kamen, war der Verein weit mehr als Freizeit: Er bot Gemeinschaft, Orientierung und ...
Wer in Aadorf früher von den «Azzurri» sprach, dachte an Fussball, italienische Familien und einen Ort der Begegnung. Für viele Italienerinnen und Italiener, die vor Jahrzehnten in die Schweiz kamen, war der Verein weit mehr als Freizeit: Er bot Gemeinschaft, Orientierung und ein Stück Heimat. Heute ist die Integration selbstverständlich, die zweite und dritte Generation hier aufgewachsen. Geblieben ist der Wunsch nach Gemeinschaft – etwa beim Centro Culturale Italiano Azzurri Aadorf.
Seit rund einem Jahr steht Franco Pizzulo an der Spitze des Vereins. Für ist das Centro vor allem eines: ein Treffpunkt. «Das Schlimmste für einen Menschen ist, alleine zu sein», sagt er. Genau deshalb sei es wichtig, den Treffpunkt zu erhalten – auch wenn sich der Verein im Laufe der Jahre stark verändert hat.
Die Geschichte der Azzurri ist eng mit der italienischen Einwanderung nach Aadorf verbunden. Bereits 1973 bestand eine italienische Fussballmannschaft. 1985 wurde der Verein in seiner heutigen Form gegründet. Die Idee dazu hatte Giovanni Armiento. Der Fussball stand damals im Zentrum. Die Mannschaft war nicht nur sportlich aktiv, sondern brachte Menschen zusammen und bot gerade jungen Italienern einen wichtigen Anlaufpunkt.
«Für viele Menschen war das ein guter Grund für die Integration», erinnert sich der Azzurri-Präsident. Der Verein habe jungen Menschen Halt gegeben und gleichzeitig die Verbindung zur italienischen Gemeinschaft gestärkt. Das Vereinsleben spielte sich zeitweise auch in den grösseren Räumlichkeiten im oberen Stock des Rotfarbkellers ab. Zwischenzeitlich trifft man sich in einem kleineren Raum im Erdgeschoss. Die sportlich erfolgreichste Zeit erlebten die Azzurri unter anderem mit Aufstiegen und Spielen vor zahlreichen Zuschauern.
2014 wurde die Fussballmannschaft schliesslich aufgelöst. Der Verein selbst blieb jedoch bestehen und entwickelte sich immer stärker zu einem kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt.
Früher suchten Italiener Italiener
Die Bedeutung eines italienischen Vereins hat sich laut den Vereinsmitglieder und stark verändert. «Vor 40 Jahren suchten die Italiener die Italiener», sagt der Präsident. Wer neu in die Schweiz kam, suchte Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, ähnliche Erfahrungen gemacht hatten und mit den Gepflogenheiten vertraut waren.
Heute sei das anders. Die jüngeren Generationen sind in der Schweiz aufgewachsen, gut integriert und bewegen sich selbstverständlich in verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen. Ein italienisches Centro sei deshalb nicht mehr zwingend notwendig, sondern vielmehr eine zusätzliche Möglichkeit: «Heute ist ein Centro eine zweite Option.»
Diese Entwicklung sieht der gebürtige Italiener grundsätzlich positiv. Gleichzeitig stellt sie den Verein vor eine Herausforderung. Viele junge Menschen verspürten heute weniger das Bedürfnis, sich einem italienischen Verein anzuschliessen. Hinzu komme, dass es schwieriger geworden sei, Menschen für freiwillige Vereinsarbeit zu gewinnen.
Trotzdem sollen die Azzurri ihre Wurzeln nicht verlieren. Traditionen wie das Kartenspielen gehören weiterhin zum Vereinsleben. Politik oder Religion sollen hingegen bewusst keine Rolle spielen. Während früher beispielsweise italienische Abstimmungen Gesprächsthema waren, wird heute auch über Schweizer Abstimmungen diskutiert.
Auch gemeinsame Anlässe haben ihren Platz. Früher gehörten beispielsweise regelmässige Veranstaltungen wie eine Castagnata (Marronifest) zum Jahresprogramm. Heute sind die Aktivitäten weniger umfangreich. Informationen werden unter anderem über WhatsApp verbreitet, gelegentlich gibt es einen Apéro oder ein gemeinsames Treffen, etwa vor den Weihnachtsferien.
Nach den Sommerferien organisierte das OK einen Apéro, zu dem alle vorbeikommen konnten. Beim Eintreffen auf dem Rotfarbekeller-Areal begrüssten und umarmten sich die Anwesenden herzlich. Man spürte die Freude darüber, wieder zusammenzukommen und bekannte Gesichter zu treffen. Auch Gemeindepräsident Matthias Küng war eingeladen und wurde herzlich empfangen. Dazu sagt er:
«Ich wurde sehr herzlich empfangen und es ergaben sich viele gute Gespräche und Begegnungen. Die Menschen waren mir gegenüber sehr offen und es war ein kurzweiliger Abend. Solche Vereine sind für die Gesellschaft sehr wichtig. Besonders imponiert hat mir, dass ältere Vereinsmitglieder, die nicht mehr mobil sind, sogar persönlich zu Hause abgeholt werden. Geblieben sind mir vor allem die Herzlichkeit der Menschen und der starke Zusammenhalt im Verein.»
Dass der Verein trotzdem eine wichtige Funktion erfüllt, erlebt der Vereinspräsident immer wieder. Einige ältere Mitglieder hätten im Laufe der Jahre kaum noch andere soziale Kontakte gehabt. «Wir haben zusammen zu Abend gegessen, und sie waren sehr zufrieden», erzählt er. Manche Menschen seien erst durch persönliche Veränderungen wieder stärker zum Verein gekommen. Ein Mitglied etwa sei früher kaum erschienen. Nachdem es eine Partnerin verloren habe, sei es wieder häufiger zu den Azzurri gekommen.
Der Vereinspräsident zeigt sich darin, was ein Centro leisten kann: Er schafft Begegnungen und gibt Menschen die Möglichkeit, dazuzugehören.
Wenn Italien und die Schweiz gemeinsam feiern
Besonders in Erinnerung geblieben ist Pizzulo die Fussball-Weltmeisterschaft 2006. Italien wurde Weltmeister – und gefeiert wurde gemeinsam. «Schweizer und Italiener zusammen, das war ein sehr schönes Fest», erinnert er sich. Auch die erfolgreichen Zeiten der eigenen Mannschaft sind ihm geblieben. Wenn die Azzurri aufstiegen, wurde gefeiert. Der Fussball war damals ein wichtiger Motor des Vereinslebens und ein verbindendes Element zwischen verschiedenen Generationen.
Heute ist der Fussball zwar nicht mehr das Zentrum des Vereins, die Erinnerungen daran gehören aber weiterhin zur Geschichte der Azzurri.
Heute zählen die Azzurri rund 30 Mitglieder. Etwa acht Personen gehören zum engeren Team. Zu den langjährigen Mitgliedern zählt auch Michele Pelosi. Mit 89 Jahren ist er das älteste Mitglied und seit den Anfängen dabei.
Die Zusammensetzung des Vereins ist inzwischen vielfältiger. Rund die Hälfte der Mitglieder sind Italiener, die andere Hälfte Schweizer oder Menschen mit einem anderen Hintergrund. Damit widerspiegelt das Centro auch die Entwicklung der italienischen Gemeinschaft in Aadorf: Aus einem Treffpunkt der italienischen Einwanderer ist ein Verein geworden, der grundsätzlich allen offensteht.
Auch deshalb möchte der langjährige Azzurri-Angehörige den Verein nicht als abgeschlossene italienische Gemeinschaft verstanden wissen. Die italienischen Wurzeln und Traditionen bleiben wichtig, gleichzeitig soll das Centro ein Treffpunkt für alle sein.
Ein Ort gegen die Einsamkeit
Gerade darin sieht der Präsident heute die wichtigste Aufgabe der Azzurri. Ein Verein müsse nicht zwingend ein grosses Veranstaltungsprogramm anbieten, um wertvoll zu sein. Manchmal reiche es, wenn Menschen wissen, dass sie irgendwo willkommen sind.
Das Vereinslokal soll deshalb erhalten bleiben. Auch Informationen können dort weitergegeben werden. Wer beispielsweise Fragen hat oder sich für bestimmte Themen interessiert, kann über das Centro Kontakte und Informationen erhalten.
«Mit mehr Menschen kann man mehr erreichen», ist Pizzulo überzeugt. Sein Wunsch ist deshalb klar: Die Azzurri sollen auch in Zukunft bestehen können.
Die nächste Generation entscheidet
Die grösste Herausforderung ist gleichzeitig die Zukunft des Vereins. Pizzulo hofft, dass wieder mehr junge Menschen dazukommen und sich engagieren. Denn ohne Nachwuchs und freiwillige Helfer ist es schwierig, einen Verein langfristig zu erhalten.
Dabei gehe es nicht nur darum, Mitgliedsbeiträge zu bezahlen oder an Veranstaltungen teilzunehmen. «Etwas geben und auch etwas zurückbekommen», beschreibt der Vereinsverantwortliche seine Vorstellung vom Vereinsleben. Wer sich engagiere, erhalte dafür Gemeinschaft, Begegnungen und Dankbarkeit zurück.
Seine persönliche Definition der Azzurri fasst er in drei Worten zusammen: Familie, Zusammenhalt, Tradition.
Diese drei Begriffe beschreiben auch den Wandel des Vereins. Aus einer Fussballmannschaft, die italienische Einwanderer zusammenbrachte, ist ein kleiner, generationenübergreifender Treffpunkt geworden. Die Zeiten haben sich verändert. Die Sprache, die Herkunft oder der Fussball sind längst nicht mehr die einzigen verbindenden Elemente. Geblieben ist aber die Idee, gemeinsam statt allein zu sein.
Und genau darin sieht Franco Pizzulo den Grund, weshalb die Azzurri auch heute noch gebraucht werden. Sein Rat an junge Menschen, die über einen Beitritt nachdenken, ist entsprechend unkompliziert: «Dabei sein, geniessen, mitmachen».
EMANUELA MANZARI
Impressionen des Centro Culturale Italiano Azzurri









