VOM ELGGER GESCHICHTENPFAD ZUM THEMA «ZUVERSICHT»: Vom Montag, der nicht mehr Montag sein wollte
15.10.2026 HISTORIE«Zuversicht» auf dem Elgger Geschichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer Zeitung» die ...
«Zuversicht» auf dem Elgger Geschichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer Zeitung» die fünf Geschichten zum Thema «Zuversicht» von zwei Autorinnen und drei Autoren. Mit der Kurzgeschichte von Jonas Najdzion geht es weiter.
Vom Montag, der nicht mehr Montag sein wollte
VON JONAS NAJDZION
Der Montag wohnte schon seit er denken konnte in der Wochenstrasse, und zwar genau im Haus zwischen Sonntag und Dienstag. Erst sehr viel später, nachdem er dort eingezogen war, wurde beschlossen, dass er der Start der Woche sein sollte. Ein Ehrenplatz, dachte er damals und nahm die Verantwortung an. Doch mit der Zeit merkte der Montag, dass das gar nicht so einfach war, wie er dachte. Immer wieder schimpften die Menschen über ihn, weil sie zur Arbeit gehen mussten, weil der Wecker klingelte oder weil das Wochenende vorbei war. Nie hörte er jemanden rufen «Juhu! Endlich Montag!» Der Montag schaute auf die Uhr. Die Woche neigte sich dem Ende und die 25. Stunde hatte fast begonnen, jetzt musste er sich beeilen.
Denn jede Woche trafen sich die Tage zur Wochenbesprechung. In der Stunde, die die Menschen nicht kennen. In der geheimen 25. Stunde zwischen dem Samstag und Sonntag. In dieser Stunde hielt die Welt der Menschen an und die Tage konnten sich beraten.
«Und wieder eine vorbei.» Der Mittwoch schnaufte erschöpft, doch der Dienstag ignorierte ihn und wandte sich an den Montag: «Ich weiss gar nicht wieso du wieder so Trübsal bläst. Du bist die Nummer eins. Verhalt dich doch auch mal so.»
Der Montag entgegnete: «Du hast gut reden. Über dich schimpfen die Leute nicht andauernd.»
«Dann frag dich doch mal, wieso das so ist», erwiderte der Dienstag scharf.
«Lass ihn doch in Ruhe», murmelte der Donnerstag, ohne aufzublicken.
«Ich sag doch nur die Wahrheit», der Dienstag wurde lauter. «Ich bin wenigstens der Tag, an dem die Leute wirklich anfangen zu arbeiten. Bei ihm trauern sie noch dem Wochenende nach und blicken hoffnungsvoll Richtung Freitag.»
Der Montag sagte nichts mehr. Er ballte die Fäuste und ging so schnell wie möglich nach Hause.
Immer noch wütend sass er in seiner Küche. Die können gut lachen, dachte er. Sie haben es auch viel einfacher als ich.
Der Dienstag zum Beispiel tatkräftig und entscheidungsfreudig. Oder der Mittwoch, der hat ein leichtes Leben. Die meisten Leute erinnern sich ja eh nicht an ihn. Oder der Donnerstag, der immer voll Selbstvertrauen und Zuversicht strotzte, nur weil er entfernt mit dem Donnergott Thor verwandt ist. Dann die schöne Freitag… obwohl ihr konnte der Montag nicht böse sein. Sie hatte immer ein liebes Wort für ihn übrig, und da sie so schön war, war es verständlich, dass alle Menschen sie bereits am Mittwochnachmittag herbeisehnten.
Den Samstag hatte der Montag schon nicht nur wegen seiner Nähe zu Freitag immer beneidet. Als erster Tag des Wochenendes war er so etwas wie sein Wochenendpendant. Morgens verantwortungsvoll und penibel, konnte er abends jedoch ziemlich aufdrehen.
Über seine Nachbarin Sonntag wollte der Montag gar nicht nachdenken, ihr sonniges Gemüt konnte den Montag manchmal ganz schön nerven.
Es reicht, dachte der Montag und schlug mit der Faust auf den Tisch. Ab morgen können sie sehen, wie sie ohne mich auskommen.
Als der Dienstag nach Hause kam, sah er, wie der Montag sein Haus zusammengefaltet hatte und es in seinen Kofferraum stopfte.
«Was wird das denn?», rief er entsetzt. «Der Sonntag ist gleich vorbei. Du kannst nicht weg. Du musst anfangen.» Der Montag knallte den Kofferraum zu und setzte sich ans Steuer. «Ab jetzt», sagte er, «bist du die Nummer eins.» Damit startete er den Motor und hob ab Richtung seines zweiten Zuhauses, zum Mond.
Der erste Tag des Dienstags war eine Katastrophe. Der Wochenmarkt in Winterthur startete nun direkt nach dem Sonntag. Die eintreffenden Lieferwagen, die eigentlich Läden für die Woche beliefern sollten, waren darauf nicht vorbereitet und verstopften zusammen mit den Bauern die Strassen. Im Orell Füssli schmiss man die Wochenplaner mit ihren sieben Tagen direkt in den Müll. Und auch die Coiffeure traf es hart. Schluss war es mit dem freien Montag. So standen sie ratlos vor ihren Salons und wussten nicht, ob sie offen hatten oder geschlossen. Der Dienstag versuchte zwar sein Bestes, doch er konnte dem Chaos und der Unzufriedenheit nicht beikommen. Am Ende von sich fiel er erschöpft ins Bett und schlief ein. Doch auch die anderen Tage hatten ihre Probleme.
Der Mittwoch schloss sich in seinem Haus ein und weigerte sich herauszukommen, was zu noch mehr Chaos führte. Der Donnerstag fing somit panisch schon am Mittwoch an und veränderte das Zeitgefühl Unzähliger. Freitag fand man schluchzend unterm Küchentisch, und der Samstag versuchte völlig verwirrt, morgens zur Party und abends zur Vernunft zu animieren.
Der Montag schaute sich das von ihm verursachte Chaos aus weiter Ferne an. Ihm ging es ebenfalls nicht gut. Zuerst hatte er den Mond gar nicht gefunden, da dieser noch in der Neumondphase war. Im Lauf der neuen Woche kam dieser jedoch langsam zurück. «Oh», sagte der Mond, «ich habe dich gar nicht bemerkt. Schön bist du da, aber solltest du nicht da unten sein?» Der Montag klagte ihm sein Leid – von den Beschimpfungen, von der Hänselei des Dienstags, von den vielen Jahren, in denen er der unbeliebteste Tag der Woche gewesen war.
Der Mond hörte geduldig zu und nickte verständnisvoll. «Das klingt wirklich nicht schön», sagte er.
«Sag mal», fragte der Montag nach einer Weile, «wo bist du eigentlich immer, während des Neumonds? Ich hab dich ja fast nicht gefunden.»
Der Mond hüstelte verlegen. «Das … darüber möchte ich lieber nicht sprechen», sagte er nur und wechselte schnell das Thema.
Nach der ersten neuen Woche mussten die Tage bereits die Stunde vor der 25. zur Besprechung nutzen und hofften, dass sie niemand vermisste – die geheime Stunde reichte längst nicht mehr aus, so viel gab es zu besprechen.
Dienstag schaute entsetzt in die Runde. Was hatte er angerichtet. Alle Tage zeigten schwere Spuren der neuen Woche. Alle bis auf Sonntag, ihr stand die neue Woche noch bevor. Am schlimmsten hatte es aber Mittwoch getroffen. Er lag auf dem Boden und weinte bitterlich. «Altes Trauma», sagte Freitag nur und tätschelte liebevoll seinen Rücken. «Er hatte etwas ähnliches bereits erlebt, als wir den Montag zum Start der Woche machten. Er verlor damit kurzzeitig seinen Mittelplatz in der Woche, wir mussten dann die Arbeitswoche einführen, damit er wieder in der Mitte stehen konnte. Doch das ist jetzt vorbei, unter sechs Tagen gibt es keine Mitte.» Der Dienstag schluckte trocken. «Das, das wollte ich alles nicht», stammelte er. «Ich war doch nur neidisch, weil er immer der erste sein durfte und nicht ich.» Er sah die anderen Wochentage an und dachte an die Last, die er nun selbst trug – die Blicke der Menschen, die Erschöpfung, die Beschimpfungen. Zum ersten Mal begriff er wirklich, was der Montag all die Jahre ertragen hatte.
«Du musst ihn zurückholen», sagte Sonntag. «Ich weiss aber nicht, ob ich das kann.» Die Tage beschlossen trotzdem, dass er nächste Woche zum Mond fliegen sollte und den Montag überreden sollte, denn nun neigte sich auch die 25. Stunde dem Ende entgegen, und der Sonntag machte sich bereit für die neue Ordnung. Nachdenklich schlich der Dienstag nach Hause. Auf der Hälfte des Weges verharrte er und schaute hinauf. Der Mond hatte bereits zugenommen, Zuversicht strahlte in sein Herz.
Dann kam die zweite Woche, und sie verlief nicht besser als die erste. Manche Menschen wollten so tun, als hätte es den Montag nie gegeben. Andere protestierten für die alte Ordnung, allen voran die Montagsmaler. Und einzelne starteten die Woche bereits am Sonntag, sehr zum Leidwesen derselbigen.
Schweigend schaute der Montag auf die Welt. «Wie geht es dir?», fragte ihn der Mond.
Der Montag antwortete nicht. «Schau nur», sagte der Mond sanft und deutete mit einem seiner blassen Strahlen auf das Chaos. «Wärst du wirklich so unbeliebt, würden die Menschen dann sogar für dich demonstrieren?»
Der Montag schwieg und sah zu, wie die anderen Wochentage versuchten, ihren Platz in der neuen Woche zu finden. Am Ende der Woche, in der 25. Stunde, landete der Dienstag plötzlich vor ihm.
Schlimm sah er aus. Zerzaust und abgemagert sank er vor ihm auf die Knie. «Bitte komm zurück», bettelte er. «Ich hatte ja keine Ahnung, welch Bürde es ist, der erste Tag zu sein. Bitte», jammerte er.
«Ich, ich weiss nicht», stotterte der Montag, sichtlich überrascht, wie es der Dienstag auf den Mond geschafft hatte.
Stundenlang versuchte ihn der Dienstag zu überreden, doch ohne Erfolg.
Erschöpft sank er in sich zusammen. Leise sagte er: «Wenn schon nicht für mich, dann für alle anderen, die Menschen, die Kinder, den Osterhasen und Prinz Karneval. Sie können sich ein Leben ohne dich nicht vorstellen.» Dies bewegte etwas im Montag. «Ostermontag und Rosenmontag», erinnerte er sich. Wieviel Spass die Menschen an diesen Montagen hatten. Es waren auch seine Lieblingstage, und er erinnerte sich an noch etwas. An all die kleinen Geschöpfe, die an ihm das Licht der Welt erblickt hatten.
Er konnte sie nicht im Stich lassen. Mit diesem Gedanken sprang er auf, griff sich den Dienstag und startete das Mondmobil. Es war keine Zeit zu verlieren, denn mittlerweile war es bereits Sonntagabend.
Als sie in der Wochenstrasse ankamen, zog er rasch sein Häuschen aus dem Kofferraum. Doch was war das? Es passte schon nicht mehr in die Lücke zwischen Sonntag und Dienstag. Panisch sah er sich um. Glücklicherweise war sein Ankommen nicht unbeachtet geblieben, eilig drängten die anderen Wochentage zur Hilfe, und gemeinsam quetschten sie das Haus zurück an seinen Platz.
Keine Minute zu früh, eilig begann der Montag mit seiner Arbeit, und die Welt kehrte wieder zur Normalität zurück. Jedenfalls fast, denn immer wieder hörte der Montag nun, kurz bevor er sich wieder an die Arbeit machte, ein «Schön bist du wieder da!» aus der Menschenwelt kommen.
Erst im Jahr 1988 hat die ISO Norm 8601 den Montag offiziell als ersten Tag der Kalenderwoche festgelegt. Dies übernahm daraufhin auch die Schweiz.
Zwischen 1929 und 1931 probierte die Sowjetunion zuerst die 5-Tage-Woche und anschliessend für 9 Jahre die Sechs-Tage-Woche aus, als Teil einer größeren Kalenderreform unter Josef Stalin. Am 26. Juni 1940 wurde aufgrund vieler Probleme jedoch wieder zurück auf die 7-Tage-Woche gewechselt.


