VOM ELGGER GESCHICHTENPFAD ZUM THEMA «ZUVERSICHT»
13.10.2026 Elgg«Zuversicht» auf dem Elgger Gechichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer ...
«Zuversicht» auf dem Elgger Gechichtenpfad
Am 20. September wurden auf dem Geschichtenpfad zum zwölften Mal Kurzgeschichten an verschiedenen Lokalitäten in Elgg vorgetragen. Wie in den vergangenen Jahren veröffentlicht die «Elgger/Aadorfer Zeitung» die fünf Geschichten zum Thema «Zuversicht» von zwei Autorinnen und drei Autoren. Mit der Kurzgeschichte von Margrit Wipf startet heute diese Serie.
Der Lindenbaum
VON MARGRIT WIPF
Emma und Johann sitzen unter dem Vordach ihres Hauses und geniessen den Feierabend. Das kleine Bauerngut hat längst ihr Sohn Walter übernommen. Der Betrieb ist moderner geworden: schneller, lauter und ihnen inzwischen ein wenig fremd.
Was Emma und Johann einst aufgebaut hatten, war mit eigener Hand entstanden: mit Pferd und Kühen, Geduld, Ausdauer und Liebe zum Hof. Oft denken sie an jene Jahre zurück, als Handpflug, Hacke, Rechen und Gabel den Tag bestimmten und sie morgens und abends ihre vier Kühe mit ruhigen, geübten Händen molken. Am Dorfbrunnen, wo die Kühe ihren Durst löschten, war oft buntes Treiben. Über den Platz zogen Stimmen, Kinderlachen, leises Plätschern und manchmal gesellte sich die Abendglocke mit ihrem hellen Klang vom nahen Kirchturm dazu.
An Tagen, an denen auf Feld und Acker besonders viel zu tun war, packte Emma für das Mittagessen einen Laib Brot, etwas Käse und eine Flasche Most ein.
«Ja, damals hatten wir noch Zeit für eine Pause irgendwo am Waldrand», sagt sie zu Johann. «Nach der Stärkung und einem Nickerchen nahmen wir die Hacke wieder in die Hand und machten weiter», erwidert er. Zufriedene Menschen sind Emma und Johann geblieben, auch wenn die Jahre ihre Spuren hinterlassen haben. Emma geht stark gebückt und sieht kaum noch etwas. Johann stützt sich auf seinen Haselstock, wenn er einen Schritt vor den anderen setzt. Jeder Tag, der ihnen geschenkt ist, leuchtet ihnen wie ein stilles Dankgebet.
Vor einigen Jahren lag ein heisser, trockener Sommer über dem Reiat. In ihrer Erinnerung steigt er immer wieder auf: Die Erde wurde hart, das Gras mager, und das Essen für Mensch und Vieh knapp. Die Bauern des Dorfes mussten über die Grenze, um Futter für ihre Tiere zu finden.
Noch vor dem Morgengrauen machten sich die Schnitter auf den Weg bis zum Hohstoffel auf der deutschen Seite. Mit der Sense auf der Schulter zogen sie entschlossenen Schrittes Richtung Bibertal. Ihr Weg führte sie über die Grenze zu den ungemähten Wiesen. «Dieses Gras wird hoffentlich unser Vieh durch den kommenden Winter bringen», dachte Johann.
Wer hielt den Hof am Leben, während die Männer fort waren? Es waren die Frauen – und meistens standen ihre ältesten Kinder an ihrer Seite. Daheim wartete die tägliche Arbeit. Die Tiere brauchten Futter und Pflege. Die Kühe und Schweine mussten versorgt, die Ställe ausgemistet und die Hühner ins Freie gelockt werden. Unruhig muhte das Vieh, denn die Kühe wollten gemolken werden. Die wenigen Liter Milch, die sie noch gaben, waren für die Familie ein kostbarer Segen; für den Verkauf blieb jedoch kaum etwas übrig.
Zwei Tage später, wenn das Wetter hielt, bereitete Johann nach dem Melken und Tränken alles für die Heimfahrt des Heus vor. Er spannte die Kühe vor den Wagen und machte sich mit dem Fuhrwerk auf den langen Weg, um das kostbare Futter nach Hause zu holen und unter Dach zu bringen. Alle Bauern des Dorfes kauften in jener Zeit Futter jenseits der Grenze. Auf den Wiesen halfen sie einander beim Zusammenrechen des Heus und beim Beladen der Wagen. So wurde die schwere Arbeit gemeinsam getragen.
Für die Daheimgebliebenen war die Rückkehr der Männer mit den Heufudern ein bewegender Augenblick. Emma erinnerte sich noch gut daran: «War das ein Fest, wenn ihr mit den voll beladenen Wagen zurückkamt! Wir Frauen und Kinder standen voller Erwartung auf der kleinen Anhöhe des Dorfes und sahen zu, wie sich die Karawane langsam aus dem Wald herausbewegte.
Pferde und Kühe waren der Erschöpfung nahe, doch auf den Wagen türmte sich das Heu. Manche Kinder rannten vor Freude dem Tross entgegen.» «Weisst du noch, Johann?», fragt Emma leise. Johann nickt und wendet den Blick zu ihr.
An diesen kargen Sommer erinnerten sich die beiden noch oft. Die Entbehrungen hatten sich tief in ihre Herzen gegraben, doch den Mut verloren sie nie – füreinander, für ihre Kinder, für den Hof.
Dann gleitet ihr Blick zur mächtigen Linde neben dem Haus. Wie ein alter Wächter steht sie da. Kinder und Kindeskinder haben unter ihrem Laubdach Schatten gefunden, dem Gesang der Amseln gelauscht, im Sommer den feinen Duft ihrer Blüten eingeatmet und im Winter den wärmenden Tee daraus getrunken.
Auch in der schwierigen Zeit des harten Sommers liessen sich Johann und Emma die stille Stunde des Ausruhens nicht nehmen. Eines Abends nach getaner Arbeit sassen sie zu dritt auf ihrem Bänkli. Ihr Sohn Walter, damals noch ein kleiner Junge, sass zwischen ihnen. Über allem lag nur ein Wunsch, eine Bitte: Lieber Gott, lass es regnen! «Heute Abend ist es sehr schwül», sagte Emma. Johann nickte. Am Horizont türmten sich schwarze Wolken auf, schwer und drohend. Zugleich weckten sie Hoffnung auf Regen. Die Luft hielt den Atem an. Selbst an der grossen, starken Linde regte sich kein einziges Blatt. Plötzlich zerriss ein Blitz den Himmel. Mit einem gewaltigen Knall fuhr er in den dicken Stamm und spaltete den Baum ächzend entzwei. Wie versteinert sassen Eltern und Kind auf ihrer Bank. Erst ein heftiger Windstoss riss sie aus der Starre und trieb die drei ins Haus. Walter klammerte sich zitternd an die Schürze seiner Mutter und weinte. In der Stube setzten sie sich nahe zueinander und hielten sich fest. Der Schreck sass tief. Regen fiel kaum; nur ein paar Hagelkörner lagen vor dem Stall und bei der Haustüre, als hätte der Himmel seinen Zorn nur kurz gezeigt. Nach und nach begriffen Johann und Emma, wie nahe sie dem Unglück gewesen waren: Der Blitz hätte auch sie treffen können, ihr Haus und ihre Tiere.
Nach dem Schrecken jener Gewitternacht führt die Erinnerung Emma und Johann wieder in die Gegenwart zurück. Sie sitzen unter dem Vordach ihres Hauses und blicken still zur jungen Linde hinüber. Sie ist kräftig gewachsen und streckt ihr frisches Grün dem Himmel entgegen.
Bis die junge Linde ihren Platz fand, blieb der alte Baum noch lange stehen. Der Blitz hatte ihn verwundet und gespalten und niemand fand den Mut, endlich Abschied von ihm zu nehmen. Erst Walter, inzwischen selbst ein junger Bauer, fasste den Entschluss, an seiner Stelle eine neue Linde zu pflanzen. Für Emma und Johann wurde sie zu einem stillen Zeichen des Weiterlebens.
Heute aber steht der junge Baum fest im Hof. «Schau, wie kräftig unsere Linde geworden ist», sagt Emma zu Johann und legt ihre Hand sanft auf seinen Arm. Emmas Augen können dabei den Baum kaum noch erkennen. «Schau, Johann», fährt sie fort, «ihr grünes Blätterwerk birgt die Vögel, schenkt uns Schatten und wächst mit unseren Kindern weiter.» Johann blickt zur jungen Linde hinüber. Im Abendlicht rauschen ihre Blätter wie ein stilles Versprechen. In diesem Baum ruht ein Stück ihres gemeinsamen Lebens – verwurzelt in der Erinnerung, offen zum Himmel.


