Viva Elgg besucht Neunkirch – Ein Erfahrungsbericht
12.09.2026 ElggLetztes Jahr feierte die Heimatschutz-Vereinigung Viva Elgg ihr fünfzigjähriges Bestehen. Den Auftakt zum Jubiläumsjahr bildete die Feier im Werkgebäude, bei der eine klare Botschaft im Zentrum stand: Historische Bauten sind kein Ballast, sondern das Herz eines Ortes. Einer ...
Letztes Jahr feierte die Heimatschutz-Vereinigung Viva Elgg ihr fünfzigjähriges Bestehen. Den Auftakt zum Jubiläumsjahr bildete die Feier im Werkgebäude, bei der eine klare Botschaft im Zentrum stand: Historische Bauten sind kein Ballast, sondern das Herz eines Ortes. Einer der damaligen Referenten, Paul Dominik Hasler, erwähnte in seinem Referat das mittelalterliche Städtchen Neunkirch. Das machte Sabine Stindt Rhiner gwundrig. Es lag deshalb nahe, den diesjährigen Vereinsausflug dorthin zu organisieren.
In Neunkirch werden die Ausflügler von Beckersfrau «Becke Bertha», alias Erika Bühlmann, und ihrem Bruder in Empfang genommen. Mit vielen Geschichten und kurzweiligen Anekdoten führte die Beckersfrau durch das mittelalterliche Städtli – und machte dabei deutlich, dass Baugeschichte immer auch die Geschichte der Menschen ist, die in diesen Häusern lebten.
Die Führung startete beim alten Wachtposten am westlichen Ende des Städtchens. Nachdem bei einem verheerenden Brand 1825 fünf Häuser und das Untertor schwer beschädigt worden waren, wurden 1826 Wachtposten und Feuerspritzenhaus unter einem Dach neu gebaut. Ende des 19. Jahrhunderts kam eine kleine Wächterwohnung dazu. Dort lebte während Jahrzehnten der Ortspolizist, Gemeindefähnrich und Ausrufer Paul Fahrni mit seiner Familie. Heute ist das ehemalige Feuerwehrmagazin umgenutzt, im Dachgeschoss befindet sich ein Veranstaltungsraum.
Von hier ging es hinein in ein Städtchen, das eine Besonderheit aufweist: Der mittelalterliche Kern Neunkirchs bildet ein weitgehend rechtwinkliges Rechteck mit vier parallelen Gassen. Viele der Parzellen folgen noch heute einem einheitlichen System. Anders als die meisten mittelalterlichen Städte ist Neunkirch also nicht einfach über Jahrhunderte gewachsen, sondern wurde geplant. Was auf dem Plan streng geometrisch aussieht, wirkt beim Gang durch die Gassen allerdings alles andere als steril. Häuser stehen dicht an dicht, dazwischen öffnen sich Höfe, Durchgänge und kleine Plätze. Immer wieder gibt es etwas zu entdecken: einen Garten, wo früher sicherlich der Miststock stand, ein altes Doppelfenster, das noch in seiner ursprünglichen Form erhalten ist, aber auch ein Haus, bei dem sich die Elgger Besucherinnen und Besucher einig sind: Das konnte wohl nur gebaut werden, weil der Besitzer gute Kontakte zur Gemeinde hatte.
Wie unterschiedlich mit historischer Bausubstanz umgegangen werden kann, zeigt sich auch beim Rietmannschen Doppelhaus an der Herrengasse. Der mächtige Barockbau entstand 1762/63 und ist streng symmetrisch aufgebaut: Zwei praktisch identische Wohnteile flankieren den mittleren Ökonomieteil mit Scheune, Ställen und Heustöcken. Über dem Scheunentor prangt eine Rokoko-Sonnenuhr mit dem Doppelwappen Pfeiffer-Rietmann, flankiert von Chronos mit Sichel und Stundenglas und Merkur mit seinem Heroldsstab.
Der westliche Hausteil hatte im 20. Jahrhundert stark gelitten, wurde von seiner neuen Besitzerin jedoch renoviert und stabilisiert. «Becke Bertha» erzählt, dass lange Zeit im Erdgeschoss Konzerte stattfanden, die weit über Neunkirch hinaus Beachtung fanden. «Da musstest du schnell reservieren, um dir einen Platz zu sichern», erinnert sie sich. Gerade an solchen Häusern zeigt sich, wie filigran der Spagat zwischen neu, renoviert und verlottert ist – und wie viel Fingerspitzengefühl und Vision es braucht, um ein historisches Städtli wirklich am Leben zu erhalten.
Eine Stadt, zwei Kirchen
Auch die Kirchengeschichte Neunkirchs hat ihre Besonderheiten. Die eigentliche Pfarrkirche liegt ausserhalb der Stadtmauern auf dem Kirchberg, während im Städtchen selbst die kleinere Stadtkirche St. Johann steht. Nach der Reformation etablierte sich eine praktische Arbeitsteilung: Die Stadtkirche wurde zur Winterkirche, die Bergkirche zur Sommerkirche. Bis heute finden die Gottesdienste im Winter in der Stadtkirche statt. Die nicht beheizte Bergkirche wird dafür mit ihrer besonderen Atmosphäre für Konzerte genutzt.
Wenn Geschichte lebendig wird
Der Zufall wollte es, dass gleichzeitig mit dem Besuch von Viva Elgg der kulturhistorische Anlass «Mir mönd go» über die Schaffhauser Auswanderung im 19. Jahrhundert stattfand. Dieser widmet sich insbesondere der Auswanderung um 1850 nach Brasilien. Damit bekommt die Gruppe unverhofft noch eine ganz andere Seite der Ortsgeschichte zu sehen. In einem Innenhof spielen Schauspielerinnen Szenen nach, wie sie sich damals ereignet haben könnten. Bleiben oder gehen? Den Versprechungen einer neuen Zukunft stehen Zweifel und die Angst vor dem Unbekannten gegenüber. Die Überfahrt wird bezahlt, für die ersten Jahre werden Zinsen erlassen – Argumente, die für Menschen in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen verlockend klingen. Die einen warnen vor falschen Hoffnungen, andere sind überzeugt, mit der Auswanderung das bessere Los zu ziehen.
Beim Weitergehen fällt das Gespräch auf Elgg und das historische Festspiel «Die sechs unsterblichen Elgger», das die Aschermittwochgesellschaft im Jahr 2000 auf die Beine stellte. Das Mundartstück wurde mit zahlreichen Mitwirkenden, aufwendig gestalteten Festwagen und Kostümen inszeniert. «Das war wunderbar», sind sich die Elggerinnen und Elgger einig. Umso mehr fällt auf, dass in Neunkirch trotz der professionellen Darbietung nur wenige Zuschauerinnen und Zuschauer anwesend sind. Auch hier wird deutlich: Um Geschichten lebendig zu machen, braucht es nicht nur Menschen, die sich mit grossem Engagement dafür einsetzen – sondern auch solche, die kommen und zuschauen.
Den Abschluss der Führung bildet das Obertor, das 35 Meter hohe Wahrzeichen Neunkirchs und der wichtigste erhaltene Zeuge der einstigen Stadtbefestigung. Über hundert Treppenstufen führen hinauf zur ehemaligen Turmwohnung. Und tatsächlich wurde dort oben nicht bloss Wache gehalten: Bis 1934 war die Wohnung bewohnt.
Ein Städtli muss leben
Beim gemeinsamen Zvieri im «Fritigskaffi», das am Ausflugssamstag extra für die Elgger und Elggerinnen öffnete, wird der Faden nochmals aufgenommen. Elgg wie auch Neunkirch besitzen einen historischen Kern, dessen Wert nicht in schönen Fassaden oder in einem möglichst unveränderten Ortsbild liegt. Der wahre Wert ist ein historisches Zentrum, in dem gelebt, gewohnt und gearbeitet wird.
Bereits im Jubiläumsjahr würdigte die Präsidentin der Heimatschutz-Vereinigung die Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer, die ihre Häuser und Gärten mit viel Liebe und Engagement pflegen, ebenso wie Gewerbe, Vereine und Institutionen, die dafür sorgen, dass der Flecken ein lebendiger Ort bleibt. Nach dem Besuch in Neunkirch erhält diese Würdigung nochmals Gewicht. Denn wie lebendig ein historischer Kern bleibt, hängt wesentlich von den Menschen ab, die darin wohnen, arbeiten, ihre Häuser pflegen, Angebote schaffen und sich für den Ort engagieren. Sonst ist ein Städtli irgendwann nur noch Kulisse, die langsam ihren Glanz verliert.
ANJA C. WOLFER BAKA,
IM AUFTRAG VON VIVA ELGG


