Im Text der SVP-Initiative versteckt sich ein besonders brutaler Punkt: von der geforderten Obergrenze der Bevölkerung werden Jahresaufenthalter und Jahresaufenthalterinnen ausgenommen, da die Wirtschaft Arbeitskräfte braucht – auf dem Bau, in der Pflege, im Gastgewerbe und ...
Im Text der SVP-Initiative versteckt sich ein besonders brutaler Punkt: von der geforderten Obergrenze der Bevölkerung werden Jahresaufenthalter und Jahresaufenthalterinnen ausgenommen, da die Wirtschaft Arbeitskräfte braucht – auf dem Bau, in der Pflege, im Gastgewerbe und Tourismus. So soll das Saisonnier Statut (kurze Arbeitsverträge unter einem Jahr, Verbot des Familiennachzugs) durch die Hintertüre wieder eingeführt werden. Arbeitnehmende werden die Familie heimlich mitnehmen, die Kinder müssen versteckt werden. Wir kennen die Geschichte: bis zu 50‘000 Kinder lebten von 1950 bis 1990 im Untergrund, ausgeschlossen von öffentlichen Dienstleistungen und Krankenversicherungen. Die versteckten Kinder wurden in ihrer Entwicklung massiv behindert und häufig traumatisiert.
Die damals durch rechtlose Bedingungen geschaffene neue Bevölkerungsgruppe ist bis heute nicht völlig integriert. Aber auch die in der Heimat bleibenden Kinder leiden unter der langen Abwesenheit ihrer Väter und oft unter der Zerrüttung der Ehe ihrer Eltern. Alte oder kranke Grosseltern sind oft überfordert mit der Erziehung der Enkel, wenn beide Eltern im Ausland arbeiten. Sie entbehren selbst die Sorge und Unterstützung durch die eigenen Kinder. Wenn dann die jugendlichen oder halberwachsenen Kinder nach Jahren in die Schweiz nachziehen dürfen, stellen sich weitere Probleme bei der schulischen und sozialen Integration.
Eine weitere Generation von Menschen entsteht, die ihre ursprüngliche Heimat verloren haben und zwischen zwei Welten leben. So dreht sich die Spirale unfreiwilliger Migration weiter. Vergessen wir nicht: auch die Schweiz gehörte einmal aus Armut zu einem Auswanderungsland. Viele der ausgewanderten Männer hatten damals ein hartes Schicksal, so wie die in der Armut zurückgebliebenen Frauen und Kinder. Die Reduzierung oder Streichung des Familiennachzugs verstösst gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und könnte zu deren Kündigung führen. Das wäre eine unglaubliche Schande für eines der reichsten Länder, für ein demokratisch regiertes und humanitär denkendes Land. Also stimmen wir ein beherztes NEIN zu dieser unmenschlichen Initiative!
BEATRICE RINDERKNECHT BÄR, KÜSNACHT