Vanessa Sacchet im Gespräch mit Stefan Fischer
07.02.2026 Leute aus der RegionStefan Fischer wurde am 23. Mai 1978 in Frauenfeld geboren und wuchs mit drei älteren Schwestern auf. Der gelernte Landmaschinenmechaniker ist heute Geschäftsführer der Veranstaltungstechnikfirma Audiofish AG. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Bereits mit 14 Jahren ...
Stefan Fischer wurde am 23. Mai 1978 in Frauenfeld geboren und wuchs mit drei älteren Schwestern auf. Der gelernte Landmaschinenmechaniker ist heute Geschäftsführer der Veranstaltungstechnikfirma Audiofish AG. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Bereits mit 14 Jahren begann er Schlagzeug zu spielen, eine Leidenschaft, die ihn bis heute begleitet.
«Als Kind begann ich früh mit Instrumenten und spielte jahrelang Kornett und Posaune. Doch mein grösster Wunsch war, Schlagzeug zu spielen. Das wollte ich unbedingt! Also habe ich mir selbst eins gebaut. Aus Waschmittelkartons. Mit Holzstöcken habe ich drauf getrommelt, was das Zeug hielt. Und einen Hi-Hat, diese zwei Becken, die aufeinanderliegen, habe ich mir selbst aus einer Feder und einer Schnur zusammengebastelt. Meine Eltern fanden das nicht cool. Einerseits waren sie streng gläubig und meinten, Schlagzeug sei irgendwie teuflisch. Andererseits war es laut. Und weil ich am liebsten nur Schlagzeug spielte, und mich nicht den Schulaufgaben widmete, waren sie nicht begeistert.
Einmal war ich in einem Kinderlager. Als ich nach Hause kam, war mein Schlagzeug weg. Meine Eltern teilten mir mit, dass sie es entsorgt haben, weil meine schulischen Leistungen darunter leiden würden und sie nicht möchten, dass ich Schlagzeug spiele. Interessanterweise haben sie sogar Leute aus der Kirche drauf angesetzt, zu schauen, dass ich nicht heimlich irgendwo Schlagzeug spiele. Einmal, beim Pfingstlager der Jungschar, tauchte der Schlagzeuger nicht auf. Ich sagte sofort: Ich kann das Übernehmen! und habe gespielt. Natürlich erzählte jemand meinen Eltern davon und ich bekam Ärger zu Hause.»
Der Tag, an dem mein Lehrer mich hörte
«Als ich in die Oberstufe kam, passierte etwas, das mein Schlagzeugspielen entscheidend verändern sollte. In der allerersten Stunde fragte der Singlehrer, ob jemand Schlagzeug spielt. Ich meldete mich sofort. Daraufhin durfte ich spielen und als wir danach zurück zum Hauptlehrer gingen, der das gehört hat, fragte dieser, wer gerade gespielt habe. Ich gab zur Antwort, dass ich das war. Dass er es aber auf keinen Fall meinen Eltern erzählen darf. Er wollte wissen, warum, und ich erzählte ihm die ganze Geschichte.
Er war sofort anderer Meinung: ‹So ein Talent muss gefördert werden!› und nahm von sich aus Kontakt zu meinen Eltern auf. Ich verdanke es ihm, dass er sie davon überzeugen konnte, mich Schlagzeugspielen zu lassen und zu erlauben, nach dem Unterricht in der Aula zu üben. Allerdings erst, nachdem ich alle Hausaufgaben erledigt hatte. Das war der Deal. Und es funktionierte überraschend gut. Ich war hochmotiviert, meine Aufgaben zu erledigen, weil ich danach Schlagzeug spielen durfte. Nach einigen Jahren gab es zwischen meinen Eltern und mir schliesslich eine Aussöhnung zu diesem Thema. Meine Eltern stammen beide aus dem klassischen Bereich. Mein Vater war Kirchenorgelbauer und spielt auch mit über 80 Jahren noch aktiv Orgel, meine Mutter spielt Flöte und klassische Stücke. Das Schlagzeug war immer noch nicht ihr Ding, aber sie akzeptierten es und sahen mit der Zeit, was aus mir geworden ist und dass ich auch nach all den Jahren, immer noch Schlagzeug spiele. Heute können wir alle über die damalige Situation lachen, auch wenn sie für mich damals alles andere als lustig war.»
Ein Bus, ein Traum und ein unvorhergesehenes Schicksal
«Wir gründeten eine Schüler Band in Felben-Wellhausen und machten uns sofort auf die Suche nach einem Proberaum. Schliesslich fanden wir einen Luftschutzkeller im Schulhaus, den wir einrichten und als Proberaum nutzen konnten. Wir waren zu viert, ein Bassist, ein Gitarrist, ein Pianist und ich als Schlagzeuger. Mit 16 Jahren, während der Lehrzeit, trennten wir uns und gründeten eine andere Konzertband. Der Bassist blieb dabei. Nach zweijährigem regelmässigem Proben organisierten wir unser erstes eigenes Konzert. Im Sommer 2000 merkten wir, dass wir einen Bus brauchen würden, um Schlagzeug und anderes Equipment zu transportieren und um zu viert oder fünft auf Tour gehen zu können.
Bei der Postgarage in Frauenfeld entdeckten wir einen alten Postbus von 1989 in original gelber Farbe für 1800 Franken. Nach ein wenig Verhandeln bekam der elfjährige Bus mit einigen Dellen und Kratzern für 1000 Franken seinen Platz bei uns. Mechanisch war er top. Ein echtes Bundesfahrzeug. Wir brachten den Bus in Schuss und liessen seine gelbe Farbe unverändert. Im Jahr 2002 haben wir die Band aufgelöst und uns das Material das vorhanden war, aufgeteilt. Die anderen Kollegen entschieden sich für die Audio-Ausrüstung, ich hingegen nicht. Ich übernahm den Bus und startete mit dem ersten Ausbau. Bananenkisten und stapelbare Kunststoffbehälter wurden zu Stauraum, ergänzt durch einen herausnehmbaren Tisch, eine Kochstelle und ein kleines Lavabo.
Im Jahr 2004 planten meine Frau und ich, gemeinsam mit meiner Schwägerin und dessen Mann eine einjährige Reise. Von der Ostküste Kanadas bis nach Panama und weiter über die Westküste bis nach Alaska. Wir bereiteten den Bus so vor, dass wir darin ein Jahr leben konnten. Kühlschrank, Dreiflammkocher und Schlafmöglichkeiten waren eingebaut, nur WC und Dusche fehlten, da kein Platz dafür vorhanden war. Geplant war, unseren Bus per Schiff nach Kanada zu transportieren, während die anderen beiden vorhatten, dort vor Ort einen Bus zu kaufen. Leider kam alles anders. Am Tag, an dem unser Bus in Bremerhaven nach Halifax auf die Reise ging, erhielt meine Schwägerin die Krebsdiagnose.»
Wenn Pläne zerbrechen. Abschied und Neubeginn
«Das war ein totaler Einschnitt für uns. Wir hatten unsere Wohnung gekündigt, unsere Arbeitsstellen aufgegeben und das Auto verkauft. Alles war bereit für die Reise. Plötzlich hiess es: Stopp! Es war, als würde einem der Boden unter den Füssen weggezogen. Es war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens, zu realisieren, dass man sich von jemandem verabschieden muss, mit dem man eigentlich ein Jahr lang reisen wollte.
Wir informierten den Hafen in Halifax über die Situation und ich flog gemeinsam mit meiner Frau Mitte Dezember hin, da es meiner Schwägerin zu diesem Zeitpunkt noch gut ging. Wir holten den Bus vom Hafen und fuhren ihn in fünf Tagen bis nach Florida, wo wir zwei Wochen verbrachten. Doch dann erreichte uns die Nachricht: Wenn wir sie noch einmal sehen wollten, müssten wir in die Schweiz zurückkehren. Sofort brachen wir die Reise ab, um uns von meiner Schwägerin zu verabschieden, die 6 Monate später verstarb. Die ursprünglich geplante einjährige Reise konnte so nie stattfinden. Ab 2007, als wir Zwillinge bekamen, nutzten wir den Bus als Familienfahrzeug für Ferien und Ausflüge. Er ist bis heute über 25 Jahre lang unser treuer Begleiter.»
Musik verbindet Freunde fürs Leben
«Heute spiele ich immer noch in einer Band, die ich als Zweckband bezeichne. Wir spielen ausschliesslich am Sonntagmorgen im Gottesdienst. Vom Stil her ist es Rock- und Popmusik, also keine klassischen Kirchenlieder, sondern moderne Worship-Songs. Wir proben regelmässig und treten einbis zweimal im Monat auf, im Wechsel mit vier bis fünf anderen Bands, sodass niemand jeden Sonntag spielen muss. Ich habe mit 14 Jahren angefangen, Schlagzeug zu spielen, und bin heute mit 47 immer noch dabei. Über 30 Jahre Leidenschaft, die bis heute anhält. Das Spielen bereitet mir nach wie vor grosse Freude und bedeutet mir sehr viel. Besonders schön ist, dass mein ehemaliger Schwager, dessen Frau verstorben ist, noch immer mit mir in der Band spielt. Diese Freundschaft ist geblieben. Er ist wie ein Bruder für mich. Solange wir gemeinsam spielen, merken wir beide: Es passt einfach. Wir sehen auch einen tieferen Sinn in dem, was wir tun. Wir dienen den Menschen im Gottesdienst durch unsere Musik. Solange ich die Kraft habe, werde ich Schlagzeug spielen. Zudem arbeite ich als Tontechniker, was es mir ermöglicht, Musik und Beruf zu verbinden, eine perfekte Kombination aus Arbeit und Leidenschaft.»
VANESSA SACCHET



