Vanessa Sacchet im Gespräch mit Michaela Hermann
11.04.2026 Leute aus der Region, HagenbuchMichaela Hermann wurde am 19. Februar 1986 in Chur geboren und wuchs in Fläsch mit ihren beiden Geschwistern auf. Die ausgebildete Pflegefachfrau HF lebt heute in einer Partnerschaft und ist Mutter von zwei Kindern. Seit dreizehn Jahren arbeitet sie mit Hunden. Wie es dazu kam, erzählt ...
Michaela Hermann wurde am 19. Februar 1986 in Chur geboren und wuchs in Fläsch mit ihren beiden Geschwistern auf. Die ausgebildete Pflegefachfrau HF lebt heute in einer Partnerschaft und ist Mutter von zwei Kindern. Seit dreizehn Jahren arbeitet sie mit Hunden. Wie es dazu kam, erzählt sie im Gespräch.
«Als Kinder hatten wir Hunde auf dem elterlichen Weinbetrieb, und ich bin viel mit ihnen spazieren gegangen. Im Dorf gab es zudem einen Schäferhund, mit dem ich regelmässig unterwegs war. Richtig in Kontakt mit Hunden gekommen bin ich aber erst in Südamerika, nach meiner Ausbildung als Pflegefachfrau, als ich für fünf Monate Bolivien und seine Menschen kennenlernen durfte. In Gegenden ohne Strom und fliessendes Wasser. Dort habe ich viele gebärende Frauen begleitet. Sie erzählten, ihr Bauch sei so rund, weil sich Luft darin befinde, die das Baby einatmet. Die Menschen dort haben eine völlig andere Weltanschauung als wir und besitzen kaum materielle Dinge. Gleichzeitig gab es viele streunende Hunde, und manchmal haben Jugendliche und auch Erwachsene auf sie eingeschlagen, aus Angst vor Tollwut.
In dieser Zeit habe ich begonnen, mich mehr für Hunde zu interessieren. Vor allem dafür, wie sie lernen und kommunizieren. Wieder zurück in der Schweiz, hat sich im Jahr 2009 die Gelegenheit ergeben, dass ich einen eigenen Hund übernehmen konnte. Die Hündin wog gerade einmal 1,5 Kilogramm und war erst ein paar Monate alt. Durch Sie lernte ich unglaublich viel über Hunde und über mich. Sie begleitete mich auf unzähligen Wanderungen, lernte viele Tricks und war eine grossartige Hündin. Ende 2025 durfte ich sie nach 16 gemeinsamen Jahren auf ihrem letzten Weg begleiten.»
Wie ich lernte, Hunde zu verstehen
«Als ich auf meinen heutigen Partner gestossen bin, der 2008 die Hundeschule gründete, habe ich sofort gemerkt, hier bekomme ich richtige Impulse. Da wurde mir klar, woran ich arbeiten kann, vor allem an mir selbst, und was wirklich zielführend ist. Er meinte, ich hätte Talent und solle dies nutzen und riet mir, die Ausbildung zur Hundetrainerin zu absolvieren. Diese hat damals rund 5000 bis 6000 Franken gekostet und dauerte eineinhalb Jahre. Mir war klar, wenn ich das mache, möchte ich nicht selbstständig arbeiten, sondern bei ihm angestellt sein. Als Ausgleich zu meiner Pflegearbeit. So bin ich damals eingestiegen.
Die Theorie war das eine, die Praxis habe ich dann erst während der Arbeit mit unzähligen Menschen und ihren Hunden wirklich verstanden. Immer mal wieder konnte ich das Vermenschlichen von Hunden und die häufige Inkonsequenz der Hundebesitzer beobachten. Viele sehen ihre Hunde nicht als Tiere, mit spezifischen Bedürfnissen und Lernweisen, sondern handhaben sie, sicherlich nicht bewusst, wie ein Kind oder ihren Partner. Ich habe selten erlebt, dass der Hund an sich ein Problem darstellt. Oft sind die Themen hausgemacht. Die Umstände in der Familie passen nicht, die Rasse des Hundes stimmt nicht mit den Vorstellungen des Menschen überein, oder die Lebenssituation ist einfach nicht geeignet.
Es gibt Menschen, die Hunde sehr lieben, aber sie können das Tier aus verschiedenen Gründen nicht adäquat führen und erziehen. Ich denke, es gibt zweierlei Arten von Menschen mit Hund. Die Hundehalter und die Hundeführer. Halter halten ein Tier, Führer führen ein Tier. Es geht jedoch nicht darum, dass der Hund ständig Kommandos ausführt. Vielmehr geht es darum, die Regeln und Grenzen zu kennen, was wiederum zu einem entspannten Zusammenleben führt.»
Selbstreflexion beim Menschen ist wichtig
«Ich wende keine starren Trainingsmethoden an. Für mich ist es viel wichtiger, dass ich als Hundetrainerin auf den Menschen eingehen und das Mensch-Hund-Team im einzeln dort abholen kann, wo sie Unterstützung benötigen. Jeder Mensch lernt anders, in unterschiedlichem Tempo und bringt unterschiedliche Fähigkeiten mit, genauso auch der Hund. Ich hatte zum Beispiel einmal einen Kursteilnehmer aus Zürich, der mit seinem Hund zu mir kam. Wir hatten eine Übung, bei der man zuerst das Kommando geben und erst dann mit der Leine arbeiten sollte. Er hat es nach mehrmaligen Wiederholungen nicht geschafft, sah mich an und sagte: ‹Ich fasse es nicht, dass ich das nicht kann›.
Viele unterschätzen, wie komplex das Training ist. Ein grosser Teil des Trainings findet beim Menschen statt, es braucht Selbstreflektion und manchmal trifft es eben auch das eigene Ego. Bei den Tieren lässt sich kein Knopf drücken, damit sie funktionieren. Nebst der ganzen Lerntheorie läuft Hundeerziehung auch über den gesunden Menschenverstand. Konsequent sein hat meiner Meinung nach viel mit Liebe zu tun. Es gibt Leute, die buchen Stunde um Stunde, zahlen und glauben, danach klappt alles automatisch. Aber das funktioniert so nicht. Eigeninitiative ist entscheidend. Man muss selbst trainieren und ausserhalb des Hundeplatzes dranbleiben. Je klarer und sicherer der Hundeführer ist, umso besser kann sich der Hund an ihm orientieren. Hunde brauchen ein unterschiedliches Mass an Führung, Auslastung, Struktur und klare Grenzen. Und selbst innerhalb einer Rasse gibt es Unterschiede. Jeder Hund hat sein eigenes Wesen.»
Die Herausforderung der Hundeerziehung
«Bei den Retrievern, die seit vielen Jahren als typische Familienhunde gelten, ist zunehmend zu beobachten, dass die Hunde eine grössere Herausforderung für Familien darstellen können.
Die Hunde werden nicht von selbst, einfach mal nebenbei erzogen. Natürlich gilt das nicht nur für Retriever, es ist jedoch irreführend, solche Rassen per se als idealen Familienhund zu betiteln und zu verkaufen. Was sicherlich auch ein wichtiger Punkt in der Erziehung ist, ist die Entwicklung eines Hundes. Ein grosser Schweizer Sennenhund oder ein Kangal ist erst mit vier Jahren geistig ausgereift. Ein Jack Russell Terrier oder Chihuahua hingegen ist mit fünf bis acht Monaten geschlechtsreif und durchläuft die Pubertät schneller. All das wird das Training beeinflussen. Gerade im Welpenalter ist es entscheidend, dass sie Sozialkontakt zu anderen Welpen einer anderen Rasse haben. Genauso ist es wichtig, dass die Hunde frühestmöglich eine sichere Bindung, die unbedingt auch Grenzen beinhaltet, zu ihrem Menschen aufbauen.
Hunde brauchen Orientierung, klare Strukturen und einen Job. Wer seinen Hund konsequent führt, kann ihm gleichzeitig viel Freiheit ermöglichen, weil dieser weiss, wo die Grenzen liegen. Meine Hunde hinterfragen diese Regeln nicht, weil sie sie von Anfang an kennen und sich darin sicher fühlen. Es braucht keine unnötigen Accessoires, kein ständiges Herumtragen oder Verhätscheln. Artgerechte Haltung bedeutet für mich, die natürlichen Bedürfnisse des Hundes und seiner spezifischen Rasse zu respektieren. Je mehr Gehorsam und Zusammenarbeit, desto mehr Sicherheit und Freiheit für das Tier. Dadurch wächst automatisch die Lebensqualität von Hund und Mensch. Wer dies versteht und umsetzt, legt meiner Meinung nach den Grundstein für eine vertrauensvolle, harmonische Beziehung zwischen sich und seinem Hund.»
VANESSA SACCHET


