Vanessa Sacchet im Gespräch mit Kurt Gerber
25.07.2026 Leute aus der RegionDie «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Kurt Gerber
Kurt Gerber, geboren am 26. September 1951 in Kollbrunn, ist mit Gaby Gerber verheiratet und Vater ...
Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Kurt Gerber
Kurt Gerber, geboren am 26. September 1951 in Kollbrunn, ist mit Gaby Gerber verheiratet und Vater dreier erwachsener Söhne. Im Jahr 2006 übernahmen sie das geschichtsträchtige 10’249 Kubikmeter grosse Spinnereigebäude, inklusive dem 9800 Quadratmeter grossen Grundstück. Das Gebäude wurde in den Jahren 1825 bis 1827 von den Herren J. Ziegler und J. Goldschmied als Spinnereigebäude gebaut. Mit diesem Bau zog im wahrsten Sinne des Wortes die Industrialisierung in Aadorf ein. Heute hat das Areal eine neue Bedeutung erhalten. Kurt und Gaby Gerber haben das historische Fabrikgebäude sorgfältig umgebaut. So verbindet das Areal heute moderne Nutzung mit lebendiger industrieller Geschichte.
«Die Spinnerei wurde im Jahr 1825 erbaut und war über ein Jahrhundert lang in Betrieb, bevor sie, wie viele andere Spinnereien, stillgelegt wurde. In der Folge stand das Fabrikareal lange leer und war zum Verkauf ausgeschrieben. Zu dieser Zeit führten wir in Winterthur die Firma Streiff Unterlagsboden AG und waren auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück. So wurden wir auf dieses Areal aufmerksam und konnten es im Januar 2006 erwerben. Unmittelbar danach begannen wir mit dem Umbau des Nebengebäudes, wo wir bald mit unserer Unterlagsboden Firma einzogen. Schon seit Längerem verfolgte ich ein klares persönliches Ziel. Mit 59 Jahren in die Frühpension zu gehen und mich ganz dem Umbau dieser Fabrik zu widmen. Dieses Vorhaben setzten wir konsequent um. Während zwei Jahren wurde intensiv geplant und gebaut. Ein zentrales Anliegen war es, die industrielle Vergangenheit des Areals zu bewahren. Da nur noch wenige Spinnereien dieser Art existieren, legten wir grossen Wert darauf, möglichst viele originale Elemente zu erhalten und bewusst in die neue Gestaltung zu integrieren. Gleichzeitig wurde das Innere modern und zeitgemäss ausgebaut, sodass heute ein spannender Kontrast zwischen historischer Substanz und neuer Architektur entsteht. Entstanden sind insgesamt dreizehn Mietwohnungen, fünf Praxisräume sowie Gewerbeflächen. Ziel war es, nicht nur attraktiven Wohnraum zu schaffen, sondern auch Raum für Gewerbe und kulturelle Aktivitäten zu bieten.»
Ein Ort für Musik, Begegnung und Natur
«Schon früher waren wir in Aadorf kulturell engagiert. Wir haben unter anderem das Jugendkaffee Graffiti geleitet und haben einige Kunstausstellungen sowie Konzerte organisiert. Während des Umbaus des Gebäudes entdeckten wir einen rustikalen, vermoderten Keller. Als ich das alte Holz an den Wänden entfernte, kamen wunderschöne Bollensteine zum Vorschein. In diesem Moment war für mich klar, als alter Musiker möchte ich hier meinen eigenen Musikkeller einrichten. Auf diese Weise zog die Kultur in das Gebäude ein mit dem heutigen ROTFARBkeller. Dort veranstalten wir verschiedene kulturelle Anlässe und Ausstellungen. Die Räumlichkeiten können für Geburtstage, Hochzeitsfeiern, Abdankungen, Firmenveranstaltungen und gelegentlich auch musikalische Events gemietet werden. Aufgrund der Wohnungen im Gebäude halten wir die Anzahl der Konzerte bewusst etwas geringer. Seit 14 Jahren organisiert das Team von «montag blues aadorf» jeweils vom Oktober bis März erfolgreiche Blues und artverwandte Konzerte durch. Da uns auch die Natur sehr am Herzen liegt, haben wir das Grundstück weiterentwickelt. Auf dem Gelände befand sich bereits ein kleiner Fischweiher, den wir ausgebaut haben. Rund um diesen entstand ein etwa 800 Quadratmeter grosser Rosengarten, den Gaby und ich selbst angelegt haben. Dieser Garten ist öffentlich zugänglich und lädt Besucher zum Verweilen ein.»
Ein Areal wird zur Freiluftgalerie
«Ebenfalls auf dem Areal findet auch unser Skulpturenweg statt. Insgesamt haben wir bereits drei solcher Ausstellungen durchgeführt und gemeinsam mit dem ROTFARBkeller über 20’000 Besucherinnen und Besucher empfangen. Da das gesamte Areal uns gehört, gemeinsam mit unserem Sohn, der die Firma Streiff führt, können wir solche Projekte eigenständig realisieren. Für den Skulpturenweg laden wir jeweils rund 30 Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Schweiz ein, die insgesamt 50 bis 70 Werke präsentieren. Die Organisation erfolgt vollständig durch Gaby und mich, ohne Verein im Hintergrund. Inzwischen sind wir jedoch in einem Alter, in dem wir etwas kürzertreten möchten. Dennoch war der letzte Skulpturenweg ein grosser Erfolg, und die Nachfrage ist weiterhin sehr hoch. Deshalb planen wir, im Jahr 2027 voraussichtlich von Juni bis Oktober erneut eine solche Ausstellung durchzuführen.»
Namensgebung und Identität
«Als wir das Areal gekauft hatten, brauchten wir einen passenden Namen. Uns war wichtig, weder unseren privaten Namen noch den Firmennamen zu verwenden. Also setzten sich mein Sohn und ich zusammen und stiessen auf den Namen Rotfarb. Die Idee entstand unter anderem, weil ich früher im Tennisclub war, der ebenfalls Rotfarb heisst. Zudem befand sich früher hinter der Fabrik ein Tennisplatz. Das passte für uns gut zusammen. Wir haben den Namen anschliessend überprüft und festgestellt, dass arealROTFARB noch nicht vergeben war. Also haben wir ihn kurzerhand übernommen und für unser Projekt festgelegt. Zwar gab es früher einmal ein Areal mit einem ähnlichen Namen Rootfarb in der Nähe des neuen Tennisplatzes. Doch unser Name ist unabhängig davon entstanden. Anfangs führte das bei der Gemeinde zu Verwirrung. Wir haben jedoch immer betont, dass es sich um eine reine Neuschöpfung handelt, die wir unserem Areal gegeben haben. Heute hat sich der Name etabliert und ist fest mit dem Areal verbunden.»
Zwischen Herausforderung und Vision
«Zu Beginn arbeiteten wir mit einem sehr renommierten Architekten aus Winterthur zusammen, der sich auf den Umbau historischer Gebäude spezialisiert hat und zudem ein guter Freund von uns ist. Gemeinsam planten wir das Projekt fast zwei Jahre lang. Im Verlauf stellte sich jedoch heraus, dass seine Entwürfe aus statischen Gründen nicht umsetzbar waren. Schweren Herzens haben wir die Zusammenarbeit beendet und ihn für seine Arbeit entschädigt. Anschliessend entschieden wir uns für den ortskundigen Architekten Hans Rudolf Reusser aus Aadorf. Er kennt die Geschichte des Ortes sehr gut und legte grossen Wert darauf, diese auch im Gebäude weiterleben zu lassen. Die Zusammenarbeit war hervorragend. So kam es, dass wir rund zwei Jahre in der eigentlichen Bauphase standen und bald erkannten, dass wir etwa im Jahr 2011 fertig sein würden. Da ich mir Daten nicht besonders gut merken kann, haben wir uns bewusst den «11.11.2011» als Eröffnungsdatum ausgesucht. Dieses Datum ist heute in einer Wand verewigt, zusammen mit meinem Handabdruck, damit ich es auch garantiert nie vergesse.
Nach all den Jahren bedeutet uns das arealROTFARB enorm viel. Für uns ist es ein rundum gelungenes Projekt, auf das wir sehr stolz sind. Anfangs wurden wir allerdings auch kritisiert. Manche meinten, wir hätten einen Flick ab und es wäre besser gewesen, das Gebäude abzureissen. Für uns war jedoch immer klar, dass wir die Geschichte dieses Ortes bewahren wollen. Heute, rund 14 Jahre später, zeigt sich, dass sich dieser Weg gelohnt hat. Das Gebäude ist einwandfrei, wir haben weder bauliche Probleme noch Konflikte mit Nachbarn, Mietern oder Behörden. Das ist keineswegs selbstverständlich und dafür sind wir sehr dankbar.»
Das «arealROTFARB» im Wandel der Generationen.
«Die Übernahme dieses grossen Projekts durch die nächste Generation ist bereits in Planung. Jedoch ohne den kulturellen Teil. Das ist uns wichtig, denn die Kultur ist etwas sehr Persönliches, das wir, Gaby und ich, selbst aufgebaut haben und auch nur von uns getragen wird. Wir möchten sie deshalb noch so lange wie möglich weiterführen. Dabei liegt uns besonders am Herzen, dass das Areal in seiner heutigen Form erhalten bleibt und nicht eines Tages abgerissen wird, um beispielsweise Wohnblöcken Platz zu machen. Ursprünglich haben wir dieses Projekt vor allem für uns selbst realisiert. Umso mehr Freude bereiten uns die positiven Rückmeldungen, die wir erhalten. Viele Menschen, die das Areal besuchen, kennen uns nicht persönlich. Ich selbst bin oft vor Ort und werde nicht selten für den Hauswart oder Gärtner gehalten. Das stört mich nicht. Im Gegenteil. Im Vordergrund steht für mich nicht, erkannt zu werden. Entscheidender ist, die ehrliche Rückmeldung direkt zu erhalten und zu erleben, dass das, was wir geschaffen haben, bei den Leuten gut ankommt. Uns ist es ein Anliegen, bewusst im Hintergrund zu bleiben und den Fokus auf die Künstlerinnen, Künstler und Kunstschaffenden zu richten. Sie sollen im Mittelpunkt stehen, nicht wir.»
VANESSA SACCHET


