Vanessa Sacchet im Gespräch mit Cornelia Gerber
25.04.2026 Leute aus der RegionDie «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Cornelia Gerber, geboren am 16. Juli 1978 in Frauenfeld, wuchs mit zwei jüngeren Brüdern auf. Die gelernte Coiffeuse ist verheiratet und Mutter. Ein Glück, ...
Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Cornelia Gerber, geboren am 16. Juli 1978 in Frauenfeld, wuchs mit zwei jüngeren Brüdern auf. Die gelernte Coiffeuse ist verheiratet und Mutter. Ein Glück, das für sie nicht selbstverständlich ist. Nach der Geburt ihres ersten Kindes verlor sie drei weitere Kinder während der Schwangerschaft. Sie erzählt, wie es dazu kam und welche Erfahrungen sie geprägt haben.
«Ich hatte schon sehr früh einen Kinderwunsch. Bei meinem Mann war das anders, da er bereits eine Tochter aus einer früheren Beziehung hatte. Als er sich schliesslich entschied, noch ein Kind zu wollen und ich schwanger wurde, war das das schönste Gefühl der Welt. Ein grosser Traum ging in Erfüllung. Die Schwangerschaft verlief sehr gut, und wir wurden glückliche Eltern von Quin. Mein Wunsch war es schon immer, zwei Kinder zu haben, und es war klar, dass wir ein weiteres möchten. Zwei Jahre später wurde ich erneut schwanger. Diese Schwangerschaft verlief jedoch von Anfang an schwierig. Als ich im fünften Monat den grossen Untersuch hatte, war alles in Ordnung. Doch eine Woche später bekam ich Wehen. Alles zog sich zusammen, und wir mussten notfallmässig ins Spital fahren. Die Ärzte erklärten uns, dass die Möglichkeit besteht, dass unser Sohn nach der Geburt noch einen kurzen Moment leben könnte. Doch ich hatte keine Wehen mehr, und er lag relativ lange im Geburtskanal. Ich brachte Mailo auf natürlichem Weg zur Welt. Für den Prozess, als Mutter alles verarbeiten zu können, ist es ein wichtiger Schritt. Mailo hatte nicht mehr gelebt, als er geboren wurde. Die Ursache war eine frühzeitige Plazentaablösung, die nicht mehr gestoppt werden konnte. Und die Lungenreife war noch nicht erreicht. Im Krankenhaus hat uns das Personal sehr einfühlsam begleitet. Auch für sie ist das keine leichte Aufgabe. Freude und Leid liegen so nah beieinander. So mussten wir am 22. März 2017 unseren geliebten Mailo gehen lassen. Er bleibt für immer ein Teil unserer Familie».
Wenn das Kind keine Überlebenschance hat
«Zwei Jahre später war ich erneut schwanger. Doch leider starb dieses Kind Ende des dritten Monats, als plötzlich kein Herzschlag mehr zu erkennen war. In dieser Situation erhielt ich eine Abtreibungspille, und es kam zu einem natürlichen Abgang. Ebenfalls zwei Jahre später, wurde ich wieder schwanger und die Schwangerschaft verlief zunächst normal. Während einer Untersuchung wurde mir zunächst gesagt, dass alles in Ordnung sei. Später jedoch rief mich der Arzt an. Ich spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie hatten festgestellt, dass das Kind an Trisomie 23 litt. Nicht an Trisomie 21, sondern einer schwereren Form. Die meisten Kinder mit dieser Diagnose überleben die Schwangerschaft nicht. Nur ein kleiner Teil kommt zur Welt, lebt dann wenige Wochen bis Monate, sehr selten ein bis zwei Jahre, bevor sie sterben. Der Arzt erklärte, dass er die Entscheidung über das weitere Vorgehen uns überlassen würde, meldete mich jedoch vorsorglich im Krankenhaus in St. Gallen an, da er befürchtete, dass ich eine solche Situation zum dritten Mal bei vollem Bewusstsein emotional nicht verkraften könnte. Drei Tage später wurde der Abbruch in Vollnarkose operativ durchgeführt.»
Manchmal ist eine Umarmung tröstlicher als Worte
«Ich hatte eine unglaubliche Unterstützung von meinem Mann und meiner Familie. Dennoch kommt irgendwann der Moment, in dem man akzeptieren muss, den Kinderwunsch loszulassen. Die Frage, warum ich drei Kinder verloren habe, stellte ich mir immer wieder. Man sucht nach Erklärungen, denkt vielleicht an Karma oder überlegt, was man dieser Welt möglicherweise angetan haben könnte, um so etwas erleben zu müssen. Etwas, das man niemandem wünscht. Schwierig war für mich zu merken, dass der Verlust eines Kindes immer noch ein Tabuthema ist. In meinem Beruf waren die Gespräche mit meinen Kunden eine grosse Hilfe. Allein die Frage, wie es mir geht beantworten zu können und über das Erlebte zu sprechen, hat mir Kraft gegeben. Es gab aber auch Sätze wie: ‹Man weiss ja, dass man bis zum dritten Monat ein Kind verlieren kann›. Diese waren wenig hilfreich. Seien wir ehrlich. Kein Paar, das eine Familie gründet, denkt, freu dich nicht zu früh, du könntest das Kind verlieren. Schon beim Bekanntwerden der Schwangerschaft richtet man gedanklich das Kinderzimmer ein, plant das Leben und freut sich auf das Baby. Man denkt nicht, ich warte jetzt mal drei Monate ab und freue mich erst ab dann.»
Wege, mit Kinderverlust umzugehen
«Wir sind glückliche Eltern und Quin wird dieses Jahr zwölf Jahre alt. Ich möchte anderen Eltern, die ähnliche Erfahrungen machen, mit auf den Weg geben, sich unbedingt Unterstützung zu holen. Herauszufinden, was einem gut tut. Sei es Reden in der Familie, oder sich professionelle Hilfe zu holen. Ich selbst habe zusätzlich eine Therapie in Anspruch genommen. Auch im Krankenhaus erhält man verschiedene Anlaufstellen und Adressen. Man sollte nicht zu lange warten, denn so viele Emotionen stauen sich an. Ich habe mich oft nach meiner alten Conny gesehnt, nach meiner Fröhlichkeit und Unbeschwertheit. Solche Erlebnisse hinterlassen Spuren, und es fällt schwer, zur Leichtigkeit zurückzufinden, die man früher hatte. Zu akzeptieren, dass man traurig sein darf, dass man Tage hat, an denen es einem schlecht geht. Das war für mich wichtig. Es ist entscheidend, sich selbst diese Gefühle zu erlauben und nicht zu denken, man dürfe nicht trauern. Ich habe ein Kind im fünften Monat und zwei Kinder im dritten Monat verloren. Ganz ehrlich, es macht keinen Unterschied, in welchem Monat man das Kind verliert. Es zerreisst einem jedes Mal das Herz.»
VANESSA SACCHET


