Vanessa Sacchet im Gespräch mit Christian Roffler
22.08.2026 Leute aus der RegionDie «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Christian Roffler
Christian Roffler, geboren am 7. Dezember 1975 in Winterthur, wuchs zusammen mit seinen ...
Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Christian Roffler
Christian Roffler, geboren am 7. Dezember 1975 in Winterthur, wuchs zusammen mit seinen beiden Geschwistern auf. Der gelernte Schreiner hat drei erwachsene Kinder. Er studierte Musik und unterrichtete fast 20 Jahre in Elgg die Schülerinnen und Schüler des Schulhauses Ritschberg. Schon früh war es sein grosser Traum, Musiker zu werden. Ein Ziel, das er mit Engagement und Ausdauer erfolgreich verwirklichte. Heute ist er als freischaffender Musiker tätig.
«Als ich 16 Jahre alt war, besuchte ich Verwandte in England, die ganz in der Nähe des berühmten Musikers Steve Winwood wohnten. Kurz entschlossen fuhr ich auf einem Fahrrad an die angegebene Adresse, um Winwood einen Besuch abzustatten und stand wohl sechs Mal vor seiner Tür, bis endlich jemand zu Hause war. Es öffnete Winwood höchstpersönlich. Ich stellte mich vor und sagte ich bin Christian Roffler aus der Schweiz und spiele auch Klavier. So kam es, dass er mich in seine Stube hereinbat und wir uns fast zwei Stunden über Musik unterhalten haben. Wir sassen dann noch gemeinsam am Klavier und musizierten zusammen. Als Winwood später beruflich in der Schweiz weilte, besuchte ich einige seiner Konzerte und träumte davon, einmal mit ihm auf der Bühne zu stehen.»
Wenn Musik verbindet und Wege sich trennen
«Später, als ich als Gesangslehrer tätig war und Schülerinnen und Schüler in Elgg unterrichtete, lud ich Marc Sway ein, um gemeinsam mit meinen Schülern zu singen, während ich sie am Klavier begleitete. Marc ist ein guter Freund von mir. Früher standen wir sehr häufig zusammen auf der Bühne. Etwa 100 bis 120 Konzerte pro Jahr, also praktisch jeden dritten Tag. In dieser intensiven Phase habe ich wohl niemanden so oft gesehen wie Marc. Irgendwann merkt man, dass man sich gegenseitig im Weg steht. Deshalb entschied ich mich, auszusteigen. Etwa im Jahr 2016 trennten sich unsere Wege. Ich finde, eine Zusammenarbeit beendet man am besten, solange man noch Freunde ist. Heute haben wir weniger Kontakt, aber wenn wir uns begegnen, ist es immer lässig. Darüber hinaus durfte ich auch mit Künstlern wie Florian Ast, Sina und Polo Hofer zusammenarbeiten. Sei es bei einzelnen Konzerten oder auf Albumproduktionen. Sina habe ich kürzlich zufällig an einer Tankstelle im Aargau getroffen, was ein lustiger Moment war. In der Schweizer Musikszene läuft man sich immer wieder über den Weg. Bis vor etwa zehn Jahren habe ich mit vielen Musikerinnen und Musikern meiner Generation zusammengearbeitet. Auch mit Büne Huber von Patent Ochsner gab es ein gemeinsames Projekt im Rigiblick, bei dem wir ein Bob Dylan Tribute realisierten.»
Die Kunst, Musik als Beruf und als Spiel zu leben
«Damals hatte ich für mich ein klares System. Ich habe unterrichtet, um meinen Lebensunterhalt zu sichern. Das war für mich die eigentliche Arbeit, ein fixes Einkommen, auf das ich zählen konnte. Das Musizieren hingegen wollte ich mir bewusst als etwas Spielerisches bewahren. Es heisst ja nicht umsonst, man spielt ein Instrument. Genau dieses Gefühl wollte ich nicht verlieren. Wenn ich zu einem Konzert ging, wollte ich sagen können, ich gehe spielen, nicht ich gehe arbeiten. Diese Haltung hat sich für mich bewährt. Ich blicke grundsätzlich sehr positiv auf diese Zeit zurück. Natürlich gibt es, wie überall, gute und weniger gute Erfahrungen, aber insgesamt war es immer stimmig. Auch heute mache ich nur noch das, was ich wirklich gerne tu und habe den Luxus, auch einmal Nein sagen zu können. Mein Hauptinstrument ist das Klavier. Ich sage oft, wenn man ein Instrument wirklich beherrscht, fällt es leichter, weitere zu lernen, ähnlich wie bei einer Sprache. Hat man einmal eine gelernt, geht die nächste einfacher. Beruflich konzentriere ich mich jedoch auf Tasteninstrumente, während ich Gitarre und Schlagzeug vor allem für mich privat spiele. »
Ein Musikerleben im Dienst der Musik, nicht der Bekanntheit
«Ich schreibe Musik, nehme sie auf, arrangiere Stücke und setze mich auch mit Noten für verschiedene Projekte auseinander. Zudem arbeite ich viel im eigenen Studio zu Hause. Dort nehme ich mich selbst auf und schicke die Spuren danach an externe Studios weiter. Wenn zum Beispiel eine Platte entsteht und Tasteninstrumente gebraucht werden, gibt es heute zwei Möglichkeiten. Entweder man geht ins Studio und spielt dort, was ich auch oft mache, oder man nimmt die Parts zu Hause auf und sendet sie als Spuren ein. Ich spiele dann etwa Klavier, Orgel oder andere Tasteninstrumente und diese Aufnahmen werden in die Produktion integriert. Ich habe auf vielen Produktionen mitgewirkt, unter anderem für Florian Ast und Vera Kaa. Eine eigene Band habe ich nie geführt, da ich mich nicht besonders gerne im Vordergrund sehe. Auch mein Studio ist kein Ort für komplette Bands, sondern vor allem für meine eigene Arbeit. Ich kann heute vollständig von meiner Musik leben. Dabei war es mir nie wichtig, mit bekannten Namen zusammenzuarbeiten. Wenn ich zurückblicke, sehe ich viele Stationen. Auftritte im Hallenstadion, im Volkshaus, Zusammenarbeit mit einigen der bekanntesten Schweizer Musikerinnen und Musiker. Doch im Zentrum stand für mich immer die Musik selbst.»
Von der Kleinkunst bis zum Kinofilm
«Zurzeit arbeite ich viel im kleineren Rahmen. Vor allem im Bereich Kleinkunst, unter anderem mit dem Geschichtenerzähler Philipp Galizia. Diese Form gefällt mir im Moment besonders gut. Vor 80 oder 100 Menschen zu spielen, fühlt sich für mich genauso intensiv an wie ein grosses Konzert im Hallenstadion. Es ist direkter, intimer, und man kann davon gut leben, ohne auf grosse Namen angewiesen zu sein. Mir ist nicht so wichtig, mit wem ich überall gespielt habe, und vieles gerät auch wieder in Vergessenheit. Was ich aber sagen kann, ich hatte grosses Glück. Ich durfte sehr viel erleben und habe in der Schweiz fast alles gemacht, was man als Musiker machen kann. Ich habe mich sogar einmal selbst im Kino gesehen. Im Film Heidi von Markus Imboden, einer modernen Interpretation der Geschichte, habe ich in einer Boyband gespielt. Und die Figur Klara war ein grosser Fan dieser Boyband. Im Film sieht man überall Plakate von uns, und am Schluss kommen alle zum Konzert. Das ist schon eine besondere Erfahrung. Da sitzt du im Kino auf dem Stuhl und siehst dich selbst auf der Leinwand. Das war ein sehr lustiger und surrealer Moment.»
Wenn die Musik wichtiger ist als der Ruhm
«Ich habe vor grossen Künstlern wie Joe Cocker, Gary Moore und Deep Purple an verschiedenen Open Airs gespielt. Bei Deep Purple war die Situation besonders speziell. Die Band ist bekannt für ihre strengen Abläufe. Ich habe dort zusammen mit Adrian Stern gespielt, und der Deal war klar geregelt. Wir hatten exakt zehn Minuten Zeit, um unsere Instrumente abzubauen. Wenn wir es nicht geschafft hätten, hätten wir erst abbauen dürfen, nachdem Deep Purple ihr Konzert beendet und ihre gesamte Produktion abgebaut hätten, was Stunden dauern kann. Wir haben deshalb immer Vollgas gegeben und es jedes Mal rechtzeitig geschafft. Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Musiker sehr unkompliziert und angenehm sind. Starallüren sind eher die Ausnahme. Es gab viele schöne Begegnungen, zum Beispiel der Moment, als wir im Hallenstadion vor Whitney Houston spielen durften. Insgesamt habe ich vor wenigen hundert bis zu 60’000 Menschen gespielt. Ich war dabei ausschliesslich in der Schweiz aktiv, im Ausland nie. Das hatte vor allem finanzielle Gründe. Mit Familie ist das kaum zu stemmen, nicht wegen der Abwesenheit, sondern wegen der hohen Lebensunterhaltskosten im Vergleich zu oft tiefen Gagen im Ausland. Viele Kollegen sind international unterwegs, aber meist ohne Kinder oder erst, wenn die Kinder erwachsen sind. Heute kommt ein Leben im Tourbus durch ganz Europa für mich nicht mehr in Frage, dafür bin ich definitiv zu alt. Ich bin sehr zufrieden, es entwickelt sich alles stetig weiter und es kommen immer wieder neue Dinge dazu. Ich habe grosses Glück, diesen Weg gehen zu dürfen. Viele interessieren sich vor allem für die grossen Geschichten mit bekannten Namen und Stars. Für mich ist Musik jedoch etwas sehr Ursprüngliches und auch etwas Kleines. Es kann genauso schön sein, einfach gute Musik zu machen, ohne viel Aufhebens darum.»
VANESSA SACCHET


