Vanessa Sacchet im Gespräch mit Bruno Künzli
13.06.2026 Leute aus der RegionDie «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Bruno Künzli
Bruno Künzli wurde am 3. Februar 1958 in Aadorf geboren. Der gelernte ...
Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Bruno Künzli
Bruno Künzli wurde am 3. Februar 1958 in Aadorf geboren. Der gelernte Lastwagenmechaniker ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Bei Bedarf führt er im Auftrag des Verein Inbahn, Verein für Industrieund Bahnkultur, Besucherinnen und Besucher durch die einzige, noch bestehende Nagelfabrik der Schweiz und macht Industriegeschichte erlebbar.
«Zur Nagelfabrik beziehungsweise zum Verein Inbahn bin ich vor zwei Jahren über Herrn Schiess gekommen. Er führt ebenfalls durch die Nagelfabrik und hat mich angefragt, ob ich mir vorstellen könnte, Führungen zu machen. Daraufhin habe ich mir das Ganze angeschaut. An mehreren Abenden erhielten wir eine Einführung, um den Ablauf der Führungen kennenzulernen. Die sogenannte Nagli wurde 1895 gegründet. Früher gab es in der Schweiz sieben Nagelfabriken, die bis ins Jahr 2000 alle geschlossen wurden. Heute ist die Nagelfabrik Winterthur die einzige ihrer Art. Neben dem Museumsbetrieb produziert die Nagelfabrik weiterhin Nägel. Rund 200 Tonnen pro Jahr in etwa 300 verschiedenen Varianten. Die Stärke liegt vor allem in Sonderanfertigungen, Expressbestellungen und Kleinmengen, die qualitativ hochstehend sind. Also keine Massenproduktion. Die Nagelfabrik Winterthur produziert vor allem Nägel für die Holzverarbeitung. Auf Wunsch können sogar welche mit einem Schweizer Kreuz oder einem Herz hergestellt werden. Es gibt einen speziellen Nagel, der eigens für die Modelleisenbahnproduktion hergestellt wird. Ein Modellbauer wandte sich an Nagli mit der Frage, ob dieser besonders feine Nagel gefertigt werden könne. Heute kauft er rund 40 kg pro Jahr und verkauft die Nägel an andere Modelleisenbahner weiter.»
Nägel für Bahnschwellen und Fensterstreicher
«Zu Beginn einer Führung erzählen wir die Geschichte der Nagelfabrik. Der Standort wurde bewusst in der Nähe des Bahnhofs Winterthur-Grüze gewählt, da das Material früher per Bahn geliefert und abtransportiert wurde. Anschliessend zeigen wir den Besucherinnen und Besuchern die verschiedenen Produkte. Vom kleinsten Nagel, bis hin zum grössten. Danach wechseln wir in den Museumsteil mit den fünf historischen Maschinen, die alle noch funktionsfähig sind. Zwei davon produzieren weiterhin Nägel, während zwei weitere Maschinen zur Bearbeitung der Nagelköpfe dienen. Dies ist ersichtlich im Bahnbereich bei den Holzbahnschwellen. Die Nägel tragen jeweils Kennzeichnungen mit Buchstaben für den Lieferanten sowie die Jahreszahl der Produktion. Sie werden bei Bedarf bis heute hergestellt. Da Holzbahnschwellen jedoch zunehmend verschwinden, wird diese Nachfrage seltener. Eine weitere Maschine stellt sogenannte Fensterstreicher her, ein historisches Produkt, das früher bei Vorfenstern oder auch an alten Schränken verwendet wurde. In der Nagli gibt es noch einen alten Garderobenschrank, an dem wir diese Fensterstreicher anschaulich zeigen können.»
Maschinen aus dem Jahr 1895, die Geschichte schreiben
«Während der Führung zeigen wir vor allem zwei Maschinen im Einsatz: eine, die Nägel produziert, und eine weitere, die spezielle Nägel für Bahnschwellen herstellt. Gerade diese laufenden Maschinen sind für viele Besucherinnen und Besucher das Highlight. Zu sehen, wie die Produktion wie vor über einem Jahrhundert funktioniert, ist eindrücklich. Eine besondere Herausforderung ist die Wartung der über 130 Jahre alten Maschinen. Diese wird von einem dreiköpfigen Team des Vereins Inbahn übernommen. Sie bringen viel technisches Know-how mit, auch wenn sie früher nicht in der Nagelfabrik gearbeitet haben. Wenn ein Problem auftritt, melden wir das als Führer, und das Team kümmert sich um die Reparatur. So ist es ihnen beispielsweise gelungen, die Maschine für die Fensterstreicher wieder zum Laufen zu bringen. Obwohl es keinerlei Unterlagen oder Baupläne mehr gibt. Sie mussten sich vollständig auf ihre Erfahrung und ihr Fachwissen verlassen, um die Technik zu verstehen und instand zu setzen.»
Historie, Handwerk und spannende Einblicke
«Jeden Monat findet am ersten Samstag eine öffentliche Führung statt, bei der man auch ohne Anmeldung teilnehmen kann. In der Regel gibt es ein bis zwei Gruppen pro Termin, meist mit rund 15 Personen. Auch private Touren sind möglich. Ich hatte schon Mitarbeiter der Stadt Zürich, die einen Betriebsausflug in die Nagli organisierten. Das Publikum ist sehr breit gefächert. Interessant ist, wenn Fachleute wie Zimmermänner dabei sind, die Erfahrung mit Nägeln haben. Ihre Fragen zeigen mir, dass sie vom Fach sind. Während der Führung erklären wir, was damals vor 130 Jahren in Winterthur bereits auf diesen fünf historischen Anlagen produziert wurde. Die Besucherinnen und Besucher können den Herstellungsprozess live miterleben. Der Betrieb ist laut, deshalb erhalten alle einen Gehörschutz. Wer keine Brille trägt, bekommt zusätzlich eine Schutzbrille. Aus Sicherheitsgründen ist es wichtig, genügend Abstand zur Maschine zu halten. Geschaut wird nur mit den Augen, nicht mit den Händen.»
Vom Draht zum Swiss Made Nagel
«Wir besuchen auch den historischen Bereich, in dem früher die Nägel gereinigt wurden. Die sogenannten Trowalisiermaschinen. Sie funktionieren ähnlich wie Betonmischer. Die Trommel dreht sich, die Nägel schlagen aneinander und werden so gesäubert. Anschliessend zeigen wir die heutige Putzerei. Grundsätzlich läuft die Reinigung noch genauso ab wie damals, allerdings in deutlich grösseren Mengen. Besonders interessant ist auch der Abfall, der bei der Produktion der Nagelspitzen entsteht. Dieser wird eingeschmolzen, zu Draht verarbeitet und erneut verwendet. Am Ende des Rundgangs besuchen wir die Abpackerei, wo die Nägel verpackt werden. Ich frage dann häufig, wer die Verpackungen schon einmal gesehen hat. Alle Verpackungen, auf denen Swiss Made steht, stammen aus der Nagelfabrik Winterthur. Einer der grössten Abnehmer ist die LANDI.»
Ein Stück Winterthurer Industriegeschichte bewahren
«Für mich ist es wichtig, dass dieses Stück Industriegeschichte erhalten bleibt. Dafür braucht es einiges. Geeignete Räumlichkeiten und engagierte Menschen, die die Maschinen warten und in Standhalten. Früher bin ich täglich an der Nagelfabrik vorbeigefahren und dachte, der Betrieb sei längst eingestellt worden. Heute sehe ich, dass hier tatsächlich noch in beachtlichem Umfang produziert wird. Im Jahr 2019 wurde die Firma in eine Genossenschaft umgewandelt, bei der die Mitarbeitenden Eigentümer sind. Ein wichtiger Schritt, um das Fortbestehen der Nagli zu sichern. Der Schaubetrieb wird vom Verein Inbahn organisiert. Am Ende jeder Führung möchte ich den Besucherinnen und Besuchern vor allem eines mitgeben. Empfehlen Sie die Führungen weiter! Die Nagelfabrik ist ein einzigartiges, historisches Zeugnis und ein prägendes Stück Winterthurer Industriegeschichte. Die Dankbarkeit und Begeisterung der Teilnehmenden zeigen, wie wertvoll dieses Erlebnis ist.»
VANESSA SACCHET



