Tschätttschipiti
29.11.2025Vor 57 Jahren kam ein Klassiker ins Kino und wurde in den Siebzigern häufig am Fernsehen gezeigt. Tschitti Tschitti Bäng Bäng faszinierte nicht nur uns in der Schweiz, sondern auch die Massen. 1969 war er einer der erfolgreichsten Filme der USA.
In diesem ...
Vor 57 Jahren kam ein Klassiker ins Kino und wurde in den Siebzigern häufig am Fernsehen gezeigt. Tschitti Tschitti Bäng Bäng faszinierte nicht nur uns in der Schweiz, sondern auch die Massen. 1969 war er einer der erfolgreichsten Filme der USA.
In diesem zweieinhalbstündigen Streifen versucht der mittellose und alleinerziehende Caractacus Potts etwas mit durchschlagendem Erfolg zu erfinden. Seine automatische Haarschneidmaschine wird zum Fiasko und seine pfeifenden Schleckstengel mit der Bezeichnung Toot Sweets zunächst nicht ein Hit.
Mit viel Glück kann er den Herzenswunsch seiner beiden Kinder erfüllen, indem er von einem Händler ein schrottreifes Auto kauft, das er in mehrtägiger Aktion wieder in Stand stellt und auf Hochglanz poliert. Aufgrund der seltsamen Motorgeräusche erhält das Auto den Namen Tschitti Tschitti Bäng Bäng.
Aber eigentlich ist es gar kein Wunderauto, das schwimmen und fliegen kann. Denn diese Eigenschaften entstehen erst, als Potts seinen Kindern und der Industriellentochter Truly, die beim ersten Picknick mit Tschitti Tschitti Bäng Bäng dabei ist, eine Geschichte zu erzählen beginnt über dieses revidierte Vehikel. Der Wunsch des Baron Bomburst, dieses fliegende Auto sein Eigen zu nennen, die Entführung des Vaters von Potts, der langnasige Kinderfänger und selbst die ehrenwerte Befreiung der Kinder von Vulgaria – alles erfunden.
Als gegen Ende des Films die Picknickenden aus der phantasievollen Welt von Potts wieder in die Realität zurückkommen, kann Tschitti Tschitti Bäng Bäng immer noch nicht fliegen, obwohl alle diesen Eindruck gehabt hatten. Das Happy End fehlt auch nicht. Potts Toots Sweet werden doch noch ein Renner, die Kinder kriegen in Truly wieder eine Mutter, weil er sie zur Frau nimmt. Schmelz!
Dieser Streifen wäre heute kein Blockbuster, aber in den Siebzigern, als es weder Internet, noch 24-Stunden-TV gab, eine Dauerberieselung von News und Nonsens unvorstellbar gewesen ist, war diese übertrieben farbenfrohe und schrullige Komödie eine willkommene Abwechslung zum grauen, meist noch rein analogen Alltag.
Was aber hat diese Geschichte mit ChatGPT (ausgesprochen Tschätttschipiti) beziehungsweise künstlicher Intelligenz (kurz KI) zu tun?
Was ist noch echt?
Das Wunderauto entsteht erst, als es Potts zu einem macht. So funktioniert ChatGPT erst, wenn wir es mit unserer Phantasie beauftragen: «Mache mir ein Bild von einem realen US-Präsidenten, der seinen Zollhammer über der Schweizerflagge schwingt als Karikatur.» Et voilà! ChatGPT klaut alles zusammen, was das Internet hergibt und erbricht uns dann das Resultat. Dass die Handstellung irgendwie schrullig ist oder der Hammer falsch gehalten wird, verzeiht man KI, weil es unterhaltend wirkt.
Während Tschitti Tschitti Bäng Bäng reine Fiktion ist, muss man bei KI von einer neuen Realität sprechen, mit der wir lernen müssen umzugehen.
Einen schlechten Film kann ich abschalten und muss ihn nie mehr schauen. Künstliche Intelligenz lässt sich kaum mehr aufhalten, schon gar nicht abschalten, zu sehr hat sie schon Eingang in unsere Welt gefunden.
Viele Unternehmen setzen darauf, lassen Chatbots programmieren und versuchen dadurch Menschen zu ersetzen. In jedem Fitnesstracker, bei allen Handys oder bei den Mährobotern ist sie am Werk, im Autonavi, sowie bei Whatsapp & Co. Die Liste liesse sich unendlich erweitern. Viele Fakenews werden damit glaubwürdig generiert, dass wir damit überfordert sind. Was ist noch echt?
KI nur schlechtzureden wäre auch falsch, denn es gibt berechtigte Hoffnung, dass damit auch Bahnbrechendes bewirkt werden kann. Nur – was bricht sie da gerade Bahn? Lernt KI gerade das Fliegen?
Ein Satz im Ohrwurm von Tschitti Tschitti Bäng Bäng heisst: «Bäng bäng, Tschiti Tschiti Bäng Bäng – du hast uns Glück gebracht!»
Können wir in zehn Jahren auch singen: «Bäng bäng, Tschätttschipitii Bäng Bäng – du hast uns Glück gebracht!»?
Ach ja – was ich noch erwähnen wollte: In Ihrem und meinem menschlichen Gegenüber steckt höchstens im Herzschrittmacher oder im Hörgerät ein bisschen KI. Der Rest ist echt.
STEFAN WANZENRIED
federdirigent.ch


