In der Bibliothek Elgg wird Teetrinken zur bewussten Erfahrung. Evi Kienast zeigt den japanischen Teeweg und sorgt für eine Stille, die selbst erfahrene Bibliothekarinnen überrascht.
Kurz nach 19 Uhr ist es in der Bibliothek in Elgg muxmäuschenstill. Keine raschelnden ...
In der Bibliothek Elgg wird Teetrinken zur bewussten Erfahrung. Evi Kienast zeigt den japanischen Teeweg und sorgt für eine Stille, die selbst erfahrene Bibliothekarinnen überrascht.
Kurz nach 19 Uhr ist es in der Bibliothek in Elgg muxmäuschenstill. Keine raschelnden Seiten, kein Flüstern – nur das leise Köcheln von Wasser. «Eine Stille wie ich sie hier noch selten erlebt habe», sagt die langjährige Bibliothekarin Astrid Kägi.
Verantwortlich für die Stille ist Evi Kienast. Nach einem kurzen Referat über die japanische Teekultur bereitet sie Tee zu – langsam, präzise, mit jeder Bewegung bedacht. Rund zwanzig Minuten nimmt sie sich Zeit für zwei Tassen.
Ein starker Kontrast zum Alltag: Teetrinken ist hierzulande Routine. Wasser aufkochen, Beutel in die Tasse, fertig. Viel bleibt nicht – ausser vielleicht eine verbrannte Zunge. Tee wird konsumiert, aber selten bewusst erlebt.
In Elgg ist das anders. Kienast zelebriert jeden Schritt. «Der Teeraum ist ein eigener Kosmos», sagt die Raku-Keramikerin. «Man ist präsent mit allen Sinnen, man riecht und hört das Wasser köcheln.» Für die Dauer der Zeremonie hätten Themen wie Politik oder Familie keinen Platz. Auch Schmuck oder Uhren würden fernbleiben.
Mehr als eine Tradition
Die Wirkung ist bei den Teilnehmenden spürbar. «Die Ruhe floss in mich rein», sagt Kägi nach dem genüsslichen Schlürfen des Heissgetränks.
Was simpel wirkt, ist hochkomplex. «Der Tee ist sehr aufwändig», sagt Kienast. Jede Bewegung folgt einer klaren Ordnung, jeder Handgriff hat Bedeutung. Gerade das macht den Unterschied: Teetrinken wird vom Nebenschauplatz zum zentralen Moment.
Für Kienast ist der Teeweg mehr als eine Tradition. «Die Schönheit und die Harmonie des Ganzen haben mich total begeistert», sagt sie. Über die Jahre ist daraus mehr geworden: «Tee ist eine Lebenshilfe für mich.» In Verbindung mit der Zeremonie gebe er ihr Ruhe.
Ein Satz, der hängen bleibt – gerade weil er in starkem Kontrast zur hiesigen Teekultur steht. Zwischen Zmorge, Zvieri und Feierabend verschwindet der Tee oft in der Routine. In Elgg zeigt sich: Es geht auch anders.
LINUS HÄMMERLI