Tanzen, Lachen und Anstossen in der «Guhwilmühle»
01.10.2026 ElggNach 63 Jahren ist Schluss: Ruedi Schaufelberger ist im Alter von sieben Jahren zusammen mit seiner Familie in die Guhwilmühle gezogen, mit 70 Jahren sagt er endgültig «Tschüss». Nun geht eine Ära zu Ende.
Zusammen mit seiner Frau Hildegard, seiner Schwester ...
Nach 63 Jahren ist Schluss: Ruedi Schaufelberger ist im Alter von sieben Jahren zusammen mit seiner Familie in die Guhwilmühle gezogen, mit 70 Jahren sagt er endgültig «Tschüss». Nun geht eine Ära zu Ende.
Zusammen mit seiner Frau Hildegard, seiner Schwester Elisabeth, dem Servicepersonal, der Elgger Genossenschaft für Wohnen, Arbeit und Kultur (WAK), Gästen, Freunden und Musikerkollegen feiern Sie Ihren Abschied von der «Gumele». Zwölf Jahre haben Ruedi und Hildegard Schaufelberger hier gewirtet.
Um 9 Uhr öffnet die Guhwilmühle und füllt sich schnell. Mit tatkräftiger Unterstützung von Helferinnen und Helfern der WAK werden die Autos eingewiesen und die Gäste betreut. Das Willkommensgetränk wird vom Wirtepaar offeriert, die Musik stammt von Elisabeth Schaufelberger und die Crèmeschnitten von der Elgger Genossenschaft WAK. Renato Allenspach sorgt mit Tanzmusik für Stimmung und schon bald drehen die ersten Paare ihre Runden. Blauer Himmel, Sonnenschein und sommerliche Temperaturen trotz September lassen die Festlaune weiter steigen. Der Tag hätte kaum besser gewählt sein können.
Auch am Tag des Abschieds steht Ruedi am Grill und schaut zum Rechten. Von Wehmut und Abschied ist wenig zu spüren, umso mehr vom Wirteherz, das schuftet und schwitzt, damit die Gäste auf ihre Kosten kommen. «Dieser Gast hat Vorrang», sagt Ruedi und meint den Wirt des Restaurants Frohsinn in Elgg, der extra vor seinen Öffnungszeiten zusammen mit seiner Frau in der «Gumele» vorbeischaut. Auch andere Elgger Wirte sind in der frohen Gesellschaft zu erspähen, ebenso Stammgäste, Freunde, Musikerkollegen und viele langjährige Wegbegleiter. Alle sind da, um ein letztes Mal anzustossen, Braten mit hausgemachtem Kartoffelsalat zu geniessen und das Wirtepaar zu feiern. Erinnerungen haben alle viele: «Als Kind war ich oft da», «früher gab es noch Kühe», «die beste Metzgete überhaupt», «legendäre Tanzabende», «der Wirt, der selbst an der Handorgel sitzt» und immer wieder: «Ruedi wird uns als Wirt fehlen.»
Eine Wirtschaft mit langer Geschichte
Wie lange die Guhwilmühle schon ein besonderer Ort ist, zeigt Gemeinderätin Ruth Büchi-Vögeli im offiziellen Teil des Abschiedsfestes auf. Bereits 1545 sorgte die Nutzung des Wassers durch die Guhwilmühle für Streit unter den Elgger Müllern. Eine historische Darstellung beschreibt die Wirtschaft als Mühle, Bauernhof, Gaststätte, Raststation und Pferdewechselstation. Das heutige Wohn- und Mühlengebäude mit seinem Fachwerkgiebel stammt aus dem Jahr 1730. 1910 wurde der Mühlenbetrieb eingestellt. Im ehemaligen Mühleraum entstand ein Tanzsaal, die Säge wurde zur Kegelbahn umfunktioniert. Damit wurde aus dem Ort der Arbeit immer stärker auch ein Ort der Begegnung – etwas, das die Guhwilmühle bis heute prägt. Die Gaststube wiederum wurde 1823 neu getäfert und ist seither unverändert geblieben.
63 Jahre Familie Schaufelberger
1963 zog der damals siebenjährige Ruedi Schaufelberger mit seinen Eltern und Geschwistern in die Guhwilmühle. Seine Eltern pachteten die Liegenschaft zunächst von Bruno Stefanini und konnten sie 1974 kaufen. Landwirtschaft und Wirtschaft gehörten damals noch eng zusammen. 1995 übernahm Ruedis Schwester Elisabeth Schellenberg-Schaufelberger die Gaststätte, während Ruedi und seine Frau Hildegard den landwirtschaftlichen Teil übernahmen. 2006 wurde der Stall zum Partyraum «Zum Pflug» umgebaut. 2014 übernahmen Ruedi und Hildegard schliesslich auch die Wirtschaft von Elisabeth. Die Küche blieb bewusst traditionell. Steaks und Bratwürste vom Grill gehören ebenso dazu wie der Braten am Spiess, der mit einem Wasserrad angetrieben wird.
Die Gaststätte war stets mehr als ein Restaurant. Sie war Treffpunkt und Veranstaltungsort, Schauplatz unzähliger Hochzeiten, Tanzabende und Begegnungen. Ihre Bekanntheit reichte weit über Elgg hinaus. Gleichzeitig war das Wirten an diesem besonderen Ort nicht immer einfach: Wie viele Spaziergänger und Gäste den Weg in die «Gumele» fanden, hing stark vom Wetter ab. Im Namen der Gemeinde dankt die Gemeindepräsidentin der ganzen Familie Schaufelberger und insbesondere Ruedi und Hildegard für ihren jahrelangen Einsatz. Für die beiden hat sie ein «Elgger Engelströpfli» mitgebracht – für die hoffentlich etwas ruhigeren Zeiten, die nun vor ihnen liegen.
Nun nimmt Ruedi das Mikrofon selber in die Hand und dankt insbesondere seiner Frau für das Beieinanderstehen und Zusammenhalten. Ein grosser Dank geht auch an das Servicepersonal, vor allem an die ukrainischen Frauen, die sich mit wenigen Deutschkenntnissen eingearbeitet und den Betrieb mit viel Engagement unterstützt haben. Dass die Dankbarkeit gegenseitig ist, ist offenkundig. Weiter geht der Dank an die langjährigen Lieferanten und natürlich an seine Schwester Elisabeth. Auch Musikerkollege Renato Allenspach wird verdankt – viele tolle Tanzabende haben die beiden gemeinsam bestritten.
Die Reise von Ruedi und Hildegard geht weiter. Zumindest haben sie vor, künftig auch einmal mit der Bahn Richtung Jura zu reisen. Dafür bekommen sie von der WAK einen Gutschein. Und noch etwas soll bleiben: Die WAK hat ein Plakat mit Erinnerungsbildern aus den vergangenen Jahrzehnten zusammengestellt. Bilder von Ruedi und Hildegard, von Festen, Begegnungen und gemeinsamen Momenten erzählen ein Stück Geschichte der Guhwilmühle. Präsident Erich Wegmann verspricht: «Das Plakat wird einen Ehrenplatz in der Guhwilmühle erhalten.»
Das Trio «AHA» überrascht mit einem Auftritt und sorgt mit einem eigens für den Abschied umgeschriebenen Text von «Arrivederci Hans» für viel Schmunzeln – und auch für ein paar Abschiedstränen. Dann wird endlich die Katze aus dem Sack gelassen. Denn so sehr an diesem Tag zurückgeblickt wird, interessiert die Gäste auch eine andere Frage: Wie geht es mit der Guhwilmühle weiter?
Aus Tradition soll Neues entstehen
Dass die WAK die Guhwilmühle kauft und sie in ihrer traditionellen Form bewahren will, ist bereits bekannt. Innerhalb der Familie Schaufelberger hatte sich keine Nachfolge für die Wirtschaft gefunden. Für die Zukunft soll nun ein eigenständiger Betrieb mit einem langfristigen Betriebs- und Nutzungskonzept entstehen. Bis zuletzt geheim gehalten wurde dagegen, wer künftig in der Gaststätte wirten soll. Nun ist klar: Sara Walser wird zusammen mit Avery Sophie Bellefeuille und Janik Engler voraussichtlich ab April 2027 übernehmen.
Die Begeisterung für das Projekt ist den neuen Verantwortlichen anzumerken. Für Sara ist die «Gumele» mit eigenen Erinnerungen verbunden, Janiks Mutter wohnt in Elgg und sein Vater ist im Huggenberg aufgewachsen. Avery wollte Sara eigentlich nur beim Businessplan unterstützen; als sie das Potenzial der Wirtschaft das erste Mal mit eigenen Augen sah, war sie schlichtweg überwältigt. Die Jungen betonen: Das Neue soll nicht mit der Vergangenheit brechen. Im Gegenteil: Die Werte, für die der Familienbetrieb während Jahrzehnten stand, sollen weitergelebt und mit neuen Ideen verbunden werden. Dazu gehört weiterhin eine gutbürgerliche Küche. Regional und saisonal soll sie sein, mit Lebensmitteln von Bäuerinnen und Bauern aus der Umgebung. Auch ein bewusster Umgang mit Lebensmitteln gehört zu den Vorstellungen. Nachhaltigkeit soll dabei nicht nur die Küche, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander prägen. Auch künftig soll das Haus nicht einfach nur ein Restaurant sein. Sara erinnert an das, was diesen Ort schon früher ausgezeichnet hat: Feste, Tanz und Musik. Das soll weiterleben. Gleichzeitig soll der Betrieb ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkommen, voneinander lernen, etwas erschaffen und ausprobieren können. Gemeinschaftlich bedeutet für die künftigen Betreiberinnen und Betreiber dabei ausdrücklich mehr als Zusammenarbeit innerhalb eines Teams. Die «Gumele» soll von vielen mitgetragen werden.
Wie viel Veränderung sich die bisherigen Gäste wünschen, versuchen die Neuen noch am Abschiedsfest herauszufinden. Auf zwei Plakaten können die Besucherinnen und Besucher festhalten, was unbedingt bleiben und was sich verändern soll. Viel steht am Ende nicht darauf. Ein Wunsch allerdings schon: ein Restaurant mit Bedienung.
Später am Abend stehen Sara, Avery und Janik nicht mehr vor den Gästen, sondern mitten im Betrieb. Sie räumen Tische ab und helfen in der Küche beim Abwasch. Ihr erster Arbeitseinsatz in der Wirtschaft beginnt. Ab Montag bleibt die Wirtschaft auf unbestimmte Zeit geschlossen. Wenn alles nach Plan läuft, gehen spätestens im Juni 2027 die Türen wieder auf. Dann mit neuen Gesichtern – aber weiterhin mit dem Anspruch, ein Ort zu sein, an dem gegessen, getanzt, ausgetauscht, palavert und gefeiert wird.
ANJA C. WOLFER BAKA







