Schulen Aadorf setzen auf Verantwortung statt auf Verbote
08.01.2026 AadorfEin Handyverbot ist sinnlos. Handys zu verbannen, darf nicht das Ziel sein. Bei konstruktivem Einsatz bringen die Geräte durchaus einen Nutzen. Ziel muss ein gesunder Umgang mit digitalen Devices sein, ist der Leiter Bildung der Schulen Aadorf überzeugt.
Ein generelles ...
Ein Handyverbot ist sinnlos. Handys zu verbannen, darf nicht das Ziel sein. Bei konstruktivem Einsatz bringen die Geräte durchaus einen Nutzen. Ziel muss ein gesunder Umgang mit digitalen Devices sein, ist der Leiter Bildung der Schulen Aadorf überzeugt.
Ein generelles Handyverbot auf dem Schulhof und im Schulzimmer ist nicht zielführend: Diese Haltung vertreten sowohl der Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) als auch Dominik Bayer, Leiter Bildung der Schulen Aadorf. Die geltende Regelung besagt, dass Smartphones im Schulalltag weder hör- noch sichtbar sein dürfen; andernfalls können sie temporär eingezogen werden. Dieses Vorgehen decke sich mit einer grundlegenden Anforderung des Zusammenlebens: Verantwortung für die eigenen Angelegenheiten zu übernehmen, statt alles über Anordnungen zu regeln. «Verbote müssen kontrolliert und Sanktionen durchgesetzt werden. Aus pädagogischer Sicht ist es sinnvoller, die Kids zu befähigen, ihre Geräte richtig einzusetzen. Das erachten wir als den besseren Weg», so Bayer. Dies schaffe einen grossen gemeinschaftlichen Übungsraum für ein gesellschaftlich relevantes Thema. An Schulen, die ein Verbot erlassen haben, zeigt sich zwar, dass die Kinder wieder mehr zusammen reden, spielen und die Pause aktiver gestalten aber auch, dass die Vorschriften umgangen werden: Im Versteckten auf der Toilette, im Treppenhaus oder hinter einer Ecke; der Erfolg ist eher zwiespältig.
Die Erwachsenen müssen gesunden Umgang vorleben
Die Frage, an wessen digitalem Verhalten sich Kinder orientieren, darf gestellt werden. Nicht selten sind es die Erwachsenen selbst, die ständig auf ein Display schauen – von ihrem Nachwuchs weniger Bildschirmzeit zu verlangen, wirkt da wenig glaubwürdig. Selbst Eltern, die ein gutes Vorbild sind, bleibt viel Arbeit, dem Nachwuchs ein verträgliches Mass und Verantwortungsbewusstsein zu vermitteln. Am Familientisch solle thematisiert werden, für welche Zwecke man ein Handy oder Tablet einsetze. Kinder seien dazu nicht in der Lage, diese Verantwortung liege allein bei den Eltern.
Seitens Erziehungsberechtigter seien die Reaktionen auf die aktuellen Regeln unterschiedlich. Der Leiter Bildung erzählt: «Die einen finden es gut. Einige haben sogar schon ein Verbot gefordert, weil wir ihnen damit mühsame Erziehungsarbeit abnehmen könnten. Andere wären froh, es gäbe keine Digitalisierung, aber das löst das Problem nicht – denn diese ist nun mal da und gehört zu unserem Alltag. Andere verstehen die Vorschriften weniger.»
Grundsätzlich stellen Smartphones ab der Sekundarschule ein Problem dar, in der Primarschule eher selten. Dort sind stattdessen Smartwatches eine zusätzliche Herausforderung für Lehrpersonen geworden: Sie machen die Kinder einerseits für Eltern ständig erreichbar und kontrollierbar, andererseits bieten sie Ablenkung durch Spiele. Dominik Bayer relativiert, dass es auch in der Sekundarschule kein eigentliches Problem gebe: «Ich sehe die Schüler nicht dauernd mit dem ‹Knochen› vor dem Gesicht. Und wenn doch, rufen wir die Bedingungen ins Gedächtnis – das funktioniert gut. Mehr Schwierigkeiten haben wir zurzeit, den Einsatz der digitalen Uhren einzuschränken, da stossen wir auf mehr Widerstand – auch bei den Eltern.»
Wenn sich mit dem Smartphone die Welt öffnet
Seine eigene Tochter habe seit einem halben Jahr ein eigenes Smartphone. Bisher setze sie es aus eigenem Antrieb eher moderat und reflektiert ein. Trotzdem, mit dem eigenen Gerät öffne sich den Jugendlichen plötzlich eine ganz andere Welt, die ihn als Vater mit Sorge erfülle: Social-Media-Apps. «Trends, die überschwappen und zum Mitmachen auffordern, sind das eine. Aber was Kinder auf den verschiedenen Plattformen alles zu sehen bekommen, etwas ganz anderes.»
Eltern und Schule müssten die Medienbildung vorantreiben. (Schädliche) Challenges, beispielsweise solche auf Tiktok, müssten aufgegriffen und besprochen werden – vielleicht müsse die Schule auch mal eingreifen, aber: «Die Schule kann nicht ein Problem lösen, mit dem sich die gesamte Gesellschaft auseinandersetzen muss. Wir haben zwar einen Aufklärungsauftrag, aber der fängt zuhause an, sobald die Kinder ein eigenes Smartphone erhalten.»
Ein weitere – sehr traurige Begleiterscheinung – von Social Media und digitalen Kommunikationskanälen ist Cybermobbing. Eine Problematik, mit der sich auch die Schulleitungen in Aadorf konfrontiert sehen. Gemobbt wird hierbei oft in privaten Chatgruppen. Entdecken Eltern die Wortwechsel, wird nicht selten die Lehrerschaft miteinbezogen in der Hoffnung, dass geholfen werden kann. «Wir sind froh, wenn wir von solchen Vorfällen Kenntnis haben. Wir gehen mit den Lehrpersonen, der Schulsozialarbeit, allenfalls der Schulleitung und den Kindern die Themen an und versuchen zu vermitteln und zu lösen.»
Medienbildung vorantreiben
Um die Kinder für die digitale Welt besser zu rüsten, sieht der Lehrplan das Modul «Medien und Informatik» vor. Medienbildung an sich, zieht sich durch die gesamte Schulzeit hindurch. Dort werden klassische und neue Medien gelehrt und welchen Zweck sie verfolgen und welchen Nutzen sie bringen. Ab der 5. Klasse ist «Medien und Informatik» ein eigenes Fach, davor ist der Themenbereich in den anderen Fächern integriert. Vermittelt werden Kompetenzen im Umgang mit Medien, aber auch simple Programmieraufgaben.
Potenzial sieht Dominik Bayer in der Medienbildung. Er sagt: «Hier müssen wir noch gezielter in der Dreiecksbeziehung zwischen der Schule, den Schülerinnen und Schülern und den Eltern arbeiten: Wer muss was wissen und wer welche Verantwortung übernehmen. Dazu müssen wir das Angebot für Eltern noch ausbauen.» Er verweist auf die verschiedenen Kurse, die das Elternforum Aadorf heute schon anbietet. Als nächstes steht ein Workshop zum Thema «Gaming» auf dem Programm.
Dialog, gemeinsames Spiel statt Deckel drauf
Die Schule habe den Auftrag, eine Antwort auf gesellschaftliche Entwicklungen zu haben. Und aller Digitalisierung zum Trotz dürfe auch immer die «Gegenseite» nicht vernachlässigt werden: Wieder einmal etwas von Hand schreiben, mal zwei Stunden in den Wald gehen oder eine Diskussion führen. Vor allem die Gesprächskompetenz müsse verstärkt werden: «Wir haben immer mehr Kinder, die mit erheblichen Sprachmankos in die Schule eintreten, die sie kaum mehr aufholen bis zur Sekundarschule.»
Ein weiterer Aspekt, der immer mehr in unseren Alltag eindringt, ist die künstliche Intelligenz (KI oder AI), die sich auch Schülerinnen und Schüler zunutze machen. Bayer geht davon aus, dass kaum mehr eine schriftliche Arbeit, die als Hausaufgabe gegeben wird, von den Jugendlichen selbst geschrieben wird. Die KI-Tools hätten das Potenzial, uns fauler zu machen – aber wir könnten auch lernen, sie sinnvoll einzusetzen und die Antworten zu hinterfragen.
Auch hier: Ein Verbot bringe nichts, es sei schliesslich ein Fakt, der nicht mehr wegzudenken sei. «Verbieten ist kein Umgang. Wir wollen nicht einfach einen Deckel drauflegen und unsere Macht ausspielen. Wir wollen uns dialogorientiert mit der Herausforderung auseinandersetzen und eine Lösung finden – das ist mein Wunsch», schliesst Dominik Bayer das Gespräch.
MARIANNE BURGENER


