Leute aus der Region: Vanessa Sacchet im Gespräch mit Silvio Tortelli
03.10.2026 Leute aus der RegionDie «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Silvio Tortelli
Silvio Tortelli, geboren 1970 in Winterthur, wuchs mit seiner älteren Schwester auf. Nach ...
Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Silvio Tortelli
Silvio Tortelli, geboren 1970 in Winterthur, wuchs mit seiner älteren Schwester auf. Nach seiner Ausbildung zum Tiefbauzeichner absolvierte er eine weitere Lehre als Maurer. Heute ist er als Polizist tätig, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Der leidenschaftliche Weltenbummler hat bereits zahlreiche Länder bereist. Besonders begeistert ihn Namibia. Das Land hat er inzwischen rund 15-mal besucht, in manchen Jahren sogar bis zu drei Mal.
«Mich fasziniert das Reisen, das Entdecken neuer Länder, die Freiheit und die Möglichkeit andere Kulturen kennenzulernen. Es ist dieses Gefühl, nicht eingeengt zu sein, wie ich es manchmal in der Schweiz empfinde. Meine erste grosse Afrika Reise führte mich im Jahr 2002 nach Namibia. Damals reiste ich gemeinsam mit Doris, meiner Partnerin, wir waren zu dieser Zeit noch nicht verheiratet. Namibia hat mich von Anfang an in den Bann gezogen. Besonders beeindruckt haben mich die aussergewöhnliche Weite, die riesigen Distanzen und die Freundlichkeit der Menschen. Das Land ist etwa doppelt so gross wie Deutschland, und man kann stundenlang fahren, ohne einem einzigen Auto zu begegnen. Die Landschaft verändert sich ständig. Man biegt um eine Kurve und findet plötzlich völlig andere Felsformationen und Farben vor als noch wenige Kilometer zuvor. Diese Vielfalt macht Namibia einzigartig. Wir waren mit einem Pickup und Dach Zelt unterwegs. Das Besondere an dieser Reise war, dass wir praktisch nichts im Voraus gebucht hatten. Wir fuhren einfach los und entschieden spontan, wo wir den Abend verbringen wollten. Manchmal übernachteten wir auf Campingplätzen, mal irgendwo in der freien Natur. Diese Art des Reisens liebe ich. Spontan zu sein und morgens noch nicht zu wissen, wo man am Abend schlafen wird.»
Mitten im Nirgendwo und doch bestens aufgehoben
«Während der Reise hatten wir eine unvergessliche Panne. Irgendwo im Nirgendwo riss es unserem Fahrzeug die Hinterachse weg und flog regelrecht davon. Zum Glück kam wenig später ein Farmer vorbei. Er brachte uns Wasser, war unglaublich freundlich und bot sogar an, uns mit auf seine Farm zu nehmen. Dieses Angebot konnten wir jedoch nicht annehmen, weil das Auto nicht unbeaufsichtigt zurückbleiben durfte. In dieser Gegend bestand ein hohes Risiko, dass ein verlassenes Fahrzeug ausgeraubt worden wäre. Wir organisierten einen Abschleppdienst, was erstaunlich gut funktionierte. Da die Hinterachse fehlte, hob der Fahrer das Fahrzeug hinten mit dem Abschleppwagen etwas an, sodass wir die Nacht trotzdem im Dach Zelt verbringen konnten. Bereits am nächsten Tag brachte die Vermietungsfirma ein Ersatzfahrzeug, und wir konnten unsere Reise ohne grössere Verzögerung fortsetzen. Insgesamt waren wir sieben Wochen unterwegs. Diese Reise hat mich nachhaltig geprägt. Die unendliche Weite Namibias, die Herzlichkeit der Menschen und das Gefühl grenzenloser Freiheit haben mich bis heute nicht mehr losgelassen.»
Familienabenteuer unter Afrikas Himmel
«Etwa zehn Jahre später entschieden wir uns, erneut nach Namibia zu reisen. Diesmal waren wir als ganze Familie unterwegs. Doris und ich waren inzwischen verheiratet und hatten drei Kinder im Alter von fünf, sieben und neun Jahren. Unsere Kinder waren unkompliziert und passten sich dieser Art des Reisens gut an. Sie genossen es, im Zelt zu übernachten. Wir sassen auf engem Raum zusammen. Natürlich wurde es auf dem Rücksitz mit drei Kindern während fünf- bis sechsstündiger Fahrten auch einmal lauter. Das Besondere war die intensive gemeinsame Zeit als Familie. Wir spielten zusammen, und erlebten jeden Tag neue Abenteuer. Unvergesslich war ein Camp unter einem Felsvorsprung, wo man in einer Höhle übernachten konnte. Insgesamt waren wir vier Wochen unterwegs. Namibia erwies sich als ausgesprochen kinderfreundliches Land. Überall wurden wir herzlich aufgenommen, und die Begegnungen mit den Einheimischen waren stets freundlich, offen und von viel Herzlichkeit geprägt. »
Die Herausforderungen des Reisens meistern
«Ein besonderes Erlebnis hatte ich vor circa drei Jahren, als uns das Dach Zelt gestohlen wurde. Die Polizei behauptete zunächst, wir hätten es verloren. Wir konnten jedoch beweisen, dass es ein Diebstahl war. Erst als ich erwähnte, wo ich arbeite, wurde das Zelt plötzlich am Strassenrand gefunden und wir bekamen es zurück. Solche Momente zeigen einem, wie ausgeliefert man manchmal sein kann. Trotzdem hält mich das nicht vom Reisen ab. Im Gegenteil. Reisen bedeutet Abenteuer, neue Impulse und Herausforderungen, bei denen man kreativ und erfinderisch sein muss. Wichtig ist, dass niemandem etwas passiert und wir gesund in die Schweiz zurückkehren. Grundsätzlich habe ich durch all diese Reisen viel über mich selbst gelernt. Vor allem, mir selbst zu vertrauen. Auch wenn man manchmal das Gefühl hat, es geht nicht mehr weiter, öffnet sich immer wieder eine Tür. Solange es mir möglich ist, möchte ich weiterhin die Welt entdecken. Namibia wird nicht umsonst das Land des Lächelns genannt und genau diese Begegnungen und Erfahrungen machen das Reisen so wertvoll.»
Allein in der Wildnis, reich an Erfahrungen
«In den letzten zwei Wochen im März dieses Jahres war ich allein in Namibia unterwegs und habe rund 3500 Kilometer zurückgelegt. Was mich immer wieder anzieht, ist vor allem die Einsamkeit. Man steht an einem Ort, sieht 40 oder 50 Kilometer weit und begegnet keiner Menschenseele. Man ist allein, fühlt sich frei und geniesst diesen Moment. Am Abend mache ich ein Feuer, trinke ein Bier und lasse den Tag auf mich wirken. Kontakt zur Familie habe ich nur sporadisch, da ich nicht überall Empfang habe. Ich konsumiere bewusst keine Medien, höre keine Nachrichten und bekomme keine negativen Einflüsse. Man wird automatisch positiv geprägt. Durch all meine Reisen und die verschiedenen Kulturen, die ich kennenlernen durfte, habe ich eine wichtige Einstellung mit in die Schweiz genommen. Wenn es heute nicht klappt, klappt es morgen. Man muss nicht alles erzwingen. Wenn ich in Namibia am ersten Tag bereits einen Platten habe, ist es einfach so. Dann komme ich eben später an. Man betrachtet Zeit mit anderen Augen, denn die Uhren ticken in Namibia anders. Bin ich unterwegs, fahre ich fast täglich durch ein Dorf, doch in den kleinen Dorfläden gibt es kaum Einkaufsmöglichkeiten. Deshalb habe ich immer eine Reserve dabei. Reis, Couscous, Teigwaren, Sauce und vor allem viel Wasser. Das ist das Wichtigste. In diesem Frühling wurde im südafrikanischen Teil Namibias wegen des Krieges der Diesel rationiert, und man konnte jeweils nur 20 Liter tanken. Das hat mich etwas auf Nadeln gehalten. Grundsätzlich habe ich unterwegs keine Angst. Einmal jedoch hatte ich keine Karte und keine Orientierung, und wusste nicht mehr genau, wo ich war. Ich gab einfach Gas und hoffte, dass der Treibstoff reicht. Aber selbst wenn man irgendwo in der Pampas steht, taucht plötzlich ein Einheimischer aus dem Busch auf. »
Namibia, eine Faszination die bleibt
«Wenn ich jemandem Tipps für eine erste Namibia-Reise geben würde, hängt vieles davon ab, welcher Reise Typ man ist und wie man reisen möchte. Ob man eine organisierte Reise über ein Reisebüro macht, von Lodge zu Lodge reist oder wie ich allein mit dem Zelt unterwegs ist. Wichtig ist vor allem, sich genügend Zeit zu nehmen, denn man wird überrascht sein, wie riesig das Land ist und wie schwierig es ist, die grossen Distanzen einzuschätzen. Auch die Reisezeit spielt eine Rolle und ob man Tiere auf Safari sehen möchte. Mich zieht es jedoch nicht wegen der Tiere dorthin, ich habe bereits viele gesehen. Ich gehe nach Namibia, um einfach zu sein. Wer so reist wie ich, muss die Einsamkeit mögen und mit sich selbst gut zurechtkommen. Viele sagen mir, dass sie eine solche Reise allein nicht machen könnten. Manchmal führe ich automatisch Selbstgespräche und rede mit mir selbst. Beim Autofahren habe ich eine riesige Breitband-Kinoleinwand vor mir. Die Landschaft ist gewaltig, und selbst Fotos können diese Eindrücke kaum wiedergeben. Die nächste Namibia Reise ist bereits geplant. Wenn alles klappt, werde ich im Dezember wieder aufbrechen. Vielleicht sogar gemeinsam mit meinem Sohn, der dann seine Rekrutenschule abgeschlossen hat. Neue Wege, neue Abenteuer und unvergessliche Momente warten bereits.»
VANESSA SACCHET


