LEUTE AUS DER REGION: Vanessa Sacchet im Gespräch mit Marko Gasparevic
31.10.2026 Leute aus der RegionDie «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Marko Gasparevic
Marko Gasparevic, geboren 1984 in Lachen Kanton Schwyz, wuchs gemeinsam mit seiner ...
Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» porträtiert in regelmässigen Abständen Leute aus der Region.
Vanessa Sacchet im Gespräch mit Marko Gasparevic
Marko Gasparevic, geboren 1984 in Lachen Kanton Schwyz, wuchs gemeinsam mit seiner älteren Schwester auf. Nach seiner Ausbildung zum Elektroinstallateur wechselte er in die Versicherungsbranche und ist heute als Verkaufsleiter tätig. Der Vater von zwei Kindern ist verheiratet und erzählt, wie es ist, in der zweiten Generation in zwei Kulturen zu Hause zu sein.
«Meine Mutter kam bereits als junge Frau aus dem damaligen Jugoslawien in die Schweiz. Mein Vater kam über Deutschland hierher. Ich bin in der Schweiz geboren und in Elgg aufgewachsen. Zu Hause haben wir beide Sprachen gesprochen. Als ich klein war, haben wir vor allem Jugoslawisch gesprochen, später, als ich in den Kindergarten und in die Schule kam, wurde mehr Deutsch geredet. Meiner Mutter war es sehr wichtig, dass ich die Sprache meiner Herkunft verstehe. Wir besuchten regelmässig unsere Verwandten und sie wollte, dass ich mich mit ihnen unterhalten kann. Ich habe oft das Gefühl, zwei Herzen in meiner Brust zu tragen. Vor dem Krieg fuhren wir in jeder Ferienzeit nach Jugoslawien. Dort war ich der Jüngste der ganzen Familie. Es wurde auf mich aufgepasst, überall hatte ich Menschen, die mit mir spielten und Zeit verbrachten. Ich hatte viele Cousinen, die sich liebevoll um mich kümmerten und mein Onkel hatte einen Bauernhof mit vielen Tieren. Wenn ich heute zurückblicke, waren das wunderschöne Ferien voller Wärme, Geborgenheit und lieber Menschen.»
Zwischen Krieg, Abschied und Dankbarkeit
«Der ursprüngliche Plan meines Vaters war, irgendwann mit der ganzen Familie nach Jugoslawien zurückzukehren. Doch der Krieg, der von 1991 bis 1995 dauerte, machte diesen Traum zunichte. Das war eine belastende Zeit für meine Eltern, da sie oft nicht wussten, wie es den Verwandten in Bosnien ging. Die Geschwister meiner Mutter hatten selbst grosse Angst gehabt, und wussten nicht, ob sie während des Krieges vertrieben werden. Es war damals für alle eine schwierige Zeit. Nach dem Krieg konnten wir unsere Familie endlich wieder besuchen. Wir hatten grosses Glück, denn dort, wo wir immer Ferien gemacht hatten, waren keine Häuser zerstört worden. Weil aber jahrelang niemand zu den Liegenschaften schauen konnte, wurde eingebrochen und es musste viel aufgeräumt werden. Fünf Jahre hatten wir uns nicht gesehen. Als wir ankamen, wurden wir von unseren Verwandten unglaublich herzlich empfangen.»
Elgg gibt viel und ich gebe gerne etwas zurück
«Ich musste mich nie bewusst integrieren. Schon als Kind war ich im Fussballverein, der Jugendriege, im Faustball und ging hier zur Schule. Ich sprach Schweizerdeutsch und hatte viele Schweizer Freunde. Draussen waren immer Kinder, mit denen wir spielen konnten. Natürlich gab es auch Streit, das gehört zum Kindsein dazu. Aber ich hatte nie das Gefühl, nicht dazuzugehören oder ausgeschlossen zu werden. Auch wegen meines Nachnamens habe ich nie bewusst Benachteiligung erlebt. Es gab vielleicht zwei oder drei Situationen, in denen Menschen mich auf meinen Namen reduziert haben. Aber wenn jemand mich nur danach beurteilt und nicht wissen will, wer ich wirklich bin, dann ist das für mich in Ordnung. Ich bin mehr als mein Name. Die Leute, die mich kennen, wissen, wofür ich stehe und dass sie sich jederzeit auf mich verlassen können. Bis heute engagiere ich mich sehr stark im Dorfleben. Elgg hat über sechzig Vereine. Das ist etwas Besonderes. Viele Bekannte erzählen mir, dass sie so etwas in ihrem Wohnort nicht kennen. Darauf dürfen wir stolz sein. Ich bin in der Feuerwehr, im Äschli und in der Männerriege. Vereinsleben bedeutet für mich Gemeinschaft. Ich mag Menschen und bin gerne mit ihnen zusammen. Meine Mutter war selbst in Vereinen aktiv und engagierte sich stark im Dorf. Das hat sie meiner Schwester und mir vorgelebt. Wir haben in unserem Leben viele Chancen erhalten. Deshalb finde ich es schön, der Gemeinschaft etwas zurückzugeben. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Dankbarkeit.»
Familie bedeutet für mich Nähe und Verbundenheit
«Ich war 30 Jahre alt, als meine Mutter vor zwölf Jahren gestorben ist. Sie hatte einen Hirntumor. Ihr Tod war für mich ein langer Prozess, weil wir wussten, dass die Krankheit kein gutes Ende nehmen würde. Es war nicht die Frage ob, sondern nur wann sie sterben würde. Dadurch konnten wir uns auf eine gewisse Weise darauf vorbereiten. Mein Vater verstarb im Jahr 2022. Es ist schade, dass meine Kinder meine Eltern kaum kennenlernen konnten, besonders meine Mutter. Sie war ein unglaublich herzlicher Mensch. Heute merke ich, wenn Freunde ihre Grosseltern noch haben oder meine Frau, die ihre Mutter noch hat, dass mir meine Eltern fehlen. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar für meine Familie. Für meine Schwester, meine Frau, unsere Kinder und meine engsten Freunde. Sie sind für mich Familie.»
Identität, Werte und was sie bedeuten
«Wenn ich heute über meine Identität nachdenke, fühle ich mich in erster Linie als Elgger. Gleichzeitig tragen meine Wurzeln einen ebenso wichtigen Teil zu meiner Identität bei. Sie sind mein zweites Herz. Geprägt von Erinnerungen, Gefühlen und Menschen, die mich begleitet haben und für immer ein Teil von mir bleiben werden. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich für Elgg und damit für die Schweiz entscheiden. Ich bin in vieler Hinsicht typisch schweizerisch. Unter anderem ist mir Pünktlichkeit sehr wichtig. Ich bin lieber drei Minuten zu früh als zu spät. In einer Partnerschaft treffen verschiedene Vorstellungen aufeinander und entwickeln sich weiter. Ehrlichkeit, Loyalität, Respekt und ein Umgang auf Augenhöhe sind für mich die Grundpfeiler eines guten Zusammenlebens. Wir wurden katholisch erzogen. Es war Tradition, am Karfreitag kein Fleisch zu essen und Weihnachten oder Ostern gemeinsam als Familie zu feiern. Diese gemeinsamen Momente sind mir bis heute wichtig. Zeit mit den Menschen zu verbringen, die man liebt, ist eines der grössten Geschenke überhaupt. Meinen Kindern möchte ich mitgeben, mit Freude und Stolz durchs Leben zu gehen. Sie sollen auch in schwierigen Zeiten das Positive sehen, Rückschläge akzeptieren können und nie aufgeben. Mut, Ehrgeiz, Ehrlichkeit und Mitgefühl sind Werte, die ich ihnen weitergeben möchte.»
Heimat ist, wo mein Herz zuhause ist
«Wenn es darum geht, sich in der Schweiz daheim zu fühlen, würde ich jungen Menschen mit Migrationsgeschichte sagen, bleibt euch selbst treu, vergesst nie, woher ihr kommt, und seid dankbar für die Chancen, die ihr hier bekommen habt. Migration hat es schon immer gegeben. Wer bereit ist, seinen Beitrag zu leisten und Teil der Gesellschaft zu werden, dem steht die Tür offen. Jeder Mensch verdient eine Chance und darf daran glauben, etwas erreichen zu können. Ich bin überzeugt, jeder Mensch ist seines eigenen Glückes Schmied. Heimat kennt keine Grenzen. Heimat ist dort, wo Menschen sind, die man liebt und wo man sich angenommen fühlt. Wir dürfen dankbar und stolz sein, die Möglichkeit zu haben, in der Schweiz zu leben. Unsere Zeit auf dieser Welt ist begrenzt, deshalb sollten wir sie bewusst nutzen, das Beste daraus machen und anderen Menschen mit Respekt und Offenheit begegnen. Nicht das Trennende sollte uns bestimmen, sondern das, was uns verbindet.»
VANESSA SACCHET


