Jährlich am 6. Januar erwacht der Familientisch dank der einstigen Weisen aus dem Morgenland zum Leben – und mittendrin: der «Königliche Kuchen». Eine Königin oder ein König: kunstvoll versteckt zwischen Mandelsplittern, Hagelzucker und herzhaft duftendem Teig, ...
Jährlich am 6. Januar erwacht der Familientisch dank der einstigen Weisen aus dem Morgenland zum Leben – und mittendrin: der «Königliche Kuchen». Eine Königin oder ein König: kunstvoll versteckt zwischen Mandelsplittern, Hagelzucker und herzhaft duftendem Teig, wartet darauf, ehrenhaft entdeckt zu werden. Wer das heiss begehrte Figürchen findet, darf für einen Tag über das eigene kleine Königreich herrschen.
Eine langsam altmodische, gähnend wiederkehrende Tradition? Ganz im Gegenteil!
Plötzlich wird jedes Familienmitglied zum Spion: Grosi lehnt sich geheimnisvoll zurück, als wüsste sie mehr, als sie zugibt. Die Kinder starren verschmitzt auf das Objekt ihrer Begierde, rechnen und kombinieren wie kleine Detektive. Papa flüstert Theorien, die niemand hören soll. Und Tante Erna? Sie tut, als interessiere sie sich nur für den Kaffee – beobachtet aber jede Bewegung. Alle fiebern, tüfteln und hoffen inbrünstig, das «königlich auserwählte Gebäck» zu ergattern.
Und sind wir ehrlich: Wann und wo dürfen Gross und Klein jeglichen Knigge vergessen und voller Euphorie mit blossen Fingern im schön hergerichteten Teigbrötchen «herumgrübeln»?
Die Spannung steigt: Wer schnappt sich den Triumph des Tages? Wer wird die gold glänzende Krone aufsetzen dürfen, während die Familie zwar applaudiert, aber der innere Seifenblasen-Traum vom eintägigen Adelstitel zerplatzt?
Dann, endlich: der Moment der Entdeckung! Ein Freudenschrei, ein stolzes Lächeln, ein leuchtender Blick. Es folgt die legendäre Krönung – und das «Glückskind» herrscht nun über Zucker, Teig und das Familien-Castle. Was für ein Spektakel!
Enttäuschung im restlichen Hofstaat? Ja wer sagt denn, dass sich für die übrigen Kuchenstücke nicht ebenso Ritter, Schlossdamen, Minnesänger, Hofnarren und Königswächter ernennen liessen? Jeder regiert für einen süssen Moment, bis auch der letzte Krümel weggeschmaust ist.
Von wegen Langeweile oder reine Nostalgie! Der 6. Januar ist jedes Jahr ein königliches Abenteuer. Ein einfacher Kuchen verwandelt sich in ein Theaterstück, in ein wahres Happening für Jung und Alt, in ein kleines Hofspektakel voller Lachen, Spannung und süsser Magie. Genuss pur – egal, ob mit oder ohne Thron.
SARAH UTZINGER