Kartoffelsalat mit Frikadellen
24.07.2025Jeden Sonntag fuhren wir, wenn das Wetter einigermassen schön war, mit Decken, Badezeugs und Kartoffelsalat bepackt, mit dem Auto an unseren heimischen Stausee – kurz Bigge genannt. Wir, das waren meine Eltern, die Tante und der Onkel sowie meine Wenigkeit. Meistens war ich ein Fisch ...
Jeden Sonntag fuhren wir, wenn das Wetter einigermassen schön war, mit Decken, Badezeugs und Kartoffelsalat bepackt, mit dem Auto an unseren heimischen Stausee – kurz Bigge genannt. Wir, das waren meine Eltern, die Tante und der Onkel sowie meine Wenigkeit. Meistens war ich ein Fisch im Wasser oder ich schaukelte auf dem nahegelegenen Spielplatz so hoch, dass ich fast in den Himmel flog, doch dann flog ich doch nie – ausser vielleicht auf die Nase.
Später lag ich auf meiner Decke, schaute mir die Wolken an, die plötzlich Burgen wurden. Ich war dann das Burgfräulein und wartete auf meinen Ritter, der eigentlich vorbei kommen sollte. Doch dann überlegte ich, was danach passieren würde, wenn der Ritter, der offensichtlich an Orientierungslosigkeit litt, mich endlich gefunden hätte? Was wenn er nun hässlich war oder dumm oder gar beides? Das fand ich nicht so gut. Nein, dann wollte ich nicht auf einer Burg leben.
Mit geschlossenen Augen lag ich da und hörte die kleinen Boote tuckern und stellte mir vor, wie ich auf einem solch alten Kahn wohnen würde. Tag für Tag hoffentlich ruhig schaukelnd unterwegs, immer woanders. Ich würde fremde Städte sehen und fremde Menschen und vielleicht auch mal eine Giraffe oder einen Elefanten. Und dann würde ich vor lauter neuen Wundern vergessen, dass das Schiff ablegt und alleine irgendwo zurück bleiben. Das gefiel mir nicht. Ich beschloss, nicht auf so einem Dampfer zu leben und nochmal ein bisschen schwimmen zu gehen.
Vielleicht würde ich ja irgendwann so schnell kraulen, dass ich Olympiasiegerin würde oder zumindest Weltmeisterin. Und alle würden mir zujubeln und «Das hast du gut gemacht» rufen. Und ich würde ganz lässig in die Menge und in die vielen Kameras winken. Doch während ich in Gedanken noch mein bestes Lächeln übte, bekam ich plötzlich einen Krampf in der rechten Wade und humpelte mühsam zurück auf meine Decke. Das war also auch nichts.
Ich schloss die Augen und hörte das Wasser plätschern und die Kinder um mich herum kreischen und die Alten quatschen und alles schien so weit weg zu sein. Und wenn ich blinzelte, sah ich die Fichten über mir in den unwahrscheinlich blauen Himmel ragen. Irgendwann grummelte mein Magen und ich klopfte drauf und sagte, er solle jetzt mal still sein. Aber das nützte nichts. Dann kitzelte der Duft nach Kartoffelsalat meine Nase und ich war hellwach.
Nie wieder hat mir etwas so gut geschmeckt wie der Kartoffelsalat meiner Mutter. Mit Mayo und Zwiebeln, statt mit Öl und Essig angemacht. Gewärmt von der nordrheinwestfälischen Sonne, gegessen unter nordrheinwestfälischen Fichten. Dazu gabs eine kalte Frikadelle mit Senf. Für einen Augenblick war ich seelig. Kein Gedanke störte den Moment. Nichts von aussen drang an mein Ohr. Da waren nur ich und der Kartoffelsalat.
Wenn die Sonne tiefer sank und das Wasser sich blutrot verfärbte, wurde ich von meinen Eltern aus meinem Frieden gerissen. Wir packten die leere Salatschüssel ein, schüttelten die Decken aus und ich hopste barfuss zurück zum gefühlt kilometerweit entfernten Auto, weil die kleinen Steinchen auf dem Weg ganz fürchterlich pieksten.
Zurück in meinem Zimmer blickte ich aus dem Fenster wieder direkt auf das gegenüberliegende Beerdigungsinstitut mit Namen Reuter. Was wohl aus mir werden würde, wenn aus dem Ritter, der Weltumrundung mit dem Hausboot und der Schwimmkarriere nichts wurde? Finde ich etwas, dass zu mir passt, bevor ich bei Reuters in der Holzkiste lande? Sollte ich gar dort arbeiten, weil das ein krisensicherer Job zu sein scheint? Weg mit den Zukunftsgedanken. Bis dahin bleibt mir noch ganz viel Kartoffelsalat mit Frikadellen, der Duft nach Sonntag und Zeit. So viel Zeit, die ich hatte. Unglaublich viel.
SARAH STUTTE
Die Autorin …
… verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Nordrhein-Westfalen, bevor sie mit ihren Eltern ins Wallis auswanderte. Heute lebt sie in Elgg und hat einen Beruf, der sie viel reisen lässt. Sie hat versucht, sich das «im Hier und Jetzt leben» zu bewahren. Und auch die Einstellung, dass einem immer alle Möglichkeiten offen stehen und man an jedem Punkt im Leben, diesem wieder eine neue Richtung geben kann. Doch ab und zu hätte sie gerne noch diese unumstössliche Gewissheit, die sie als Kind hatte. Dass die Zeit viel langsamer vergeht und kein Ende davon in Sicht ist.