Ist das Ende der Einsamkeit nur eine Illusion?
20.06.2026 ElggFünf Mal im Jahr treffen sich Frauen in Elgg am ökumenischen Frauenliteratur-Treff zum Austausch. Am letzten Samstag wurde das Buch «Vom Ende der Einsamkeit» von Benedict Wells kontrovers und tiefgründig diskutiert.
15 Frauen unterschiedlichen Alters ...
Fünf Mal im Jahr treffen sich Frauen in Elgg am ökumenischen Frauenliteratur-Treff zum Austausch. Am letzten Samstag wurde das Buch «Vom Ende der Einsamkeit» von Benedict Wells kontrovers und tiefgründig diskutiert.
15 Frauen unterschiedlichen Alters begrüsste Pia Bagutti am vergangenen Samstagmorgen zum dritten Frauenliteratur-Treff in diesem Jahr. So unterschiedlich sie auch sind, gemeinsam ist den Frauen die Liebe zur Literatur. Dieses Mal haben sie sich mit der Lektüre des Buches «Vom Ende der Einsamkeit» von Benedict Wells auseinandergesetzt.
Der Kreis im reformierten Kirchgemeindehaus in Elgg steht bekannten Literaturzirkeln in der Intensität, mit der über die Eindrücke gesprochen wiird und Urteile abgegeben werden, in nichts nach. Die Teilnehmerinnen in der Runde hatten den Roman des jungen Schriftstellers sehr aufmerksam, zum Teil mehrfach, gelesen und besprachen ihn entsprechend engagiert.
Sprache und Aufbau
Der unkomplizierte, flüssige, «schöne» Schreibstil gefiel allen sehr gut. Erste Differenzen gab es beim nicht chronologischen Aufbau der Handlung. Einzelne bekundeten Mühe mit den Zeitund Ortswechseln, die sie als sprunghaft bezeichneten. Andere wiederum liebten genau das, weil es der Dramaturgie Lebendigkeit verleihe und zusätzlich zum Nachdenken anrege.
Es ist aber auch der Inhalt der Geschichte, ein Hier und Jetzt, das stark von tragischen Ereignissen der Vergangenheit und ebenso der Gegenwart bestimmt ist, der dazu führt, dass sich diese Erzählweise anbietet. Die Diskussion drehte sich zum einen um allgemeine Eindrücke, Befindlichkeiten und eigene Erlebnisse zu den Themen Einsamkeit, Traumata, Verlorensein, Verbundenheit, Verlässlichkeit, Liebe, Hoffnung, Verlust und Tod.
Einsamkeit und Freundschaft
Andererseits sprachen die Frauen immer wieder einzelne Szenen und ihre Wirkung auf die Figuren im Buch und auf sie selbst als Leserinnen an. «Die Haltlosigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben dieser Kinder. Ich fand es erschreckend, was das mit ihnen macht.» Sie seien planlos durchs Leben gegangen, fand eine Teilnehmerin. Genau das habe sie so nicht empfunden, entgegnete eine andere: «Sie haben ohne grosse Worte einen engen Zusammenhalt untereinander.» Eine weitere Frau sagte, dass das mit dem Ende der Einsamkeit und der Gemeinsamkeit am Ende für sie nicht stimme. «Sie sind das ganze Buch hindurch einsam, wir sind ja alle irgendwo allein.» Als Beispiel wurde das Mädchen genannt, das als junge Frau mit Suchtproblemen und Bindungsangst zu kämpfen hat und von den anderen in dieser Zeit allein gelassen worden sei, oder einer der Jungs, der als junger Mann eine Zwangsstörung entwickelt.
Eine Leserin empfand, dass die einsamen Kinder zum Schluss innerhalb der Familie Freunde gefunden hätten und eben nicht mehr einsam gewesen seien. Wahre Freundschaft in der Kindheit und im Erwachsenenalter sowie die Liebe zu einer Kindheitsfreundin, die sich bei einem der Protagonisten im späteren Leben entwickelt und die er ebenfalls schmerzlich verlieren wird, waren konkretere Themen. Ebenso die Beziehung zu den Eltern, ein Suizidversuch und einige Todesfälle.
Eine Frau in der Runde, die dem Roman nicht so viel abgewinnen konnte, fand, er habe für ihren Geschmack zu viel Negatives enthalten, sei ein ständiger Friedhof und habe ihr keine neuen Erkenntnisse gebracht. «Ich will etwas lernen bei der Lektüre und nicht das beschrieben bekommen, was ich selbst schon kenne.» Eine andere wiederum, die sich für das Buch begeisterte und es mehrfach gelesen hat, konnte darin viele positive Entwicklungen und spannende Themen entdecken, viele Details abrufen und sie in Bezug zueinander setzen, ja sie bezeichnete es sogar als «eines ihrer Lieblingsbücher».
Eigene Erinnerungen
Bei einigen Teilnehmerinnen kamen beim Lesen und Diskutieren Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend hoch. Besonders aufgefallen ist einzelnen der Unterschied zwischen früheren und heutigen Erziehungsmethoden. Im Internat, das die Kinder nach dem Tod der Eltern besuchten, gab es keine menschliche Nähe und wenig Verständnis, und schon gar keine psychologische Betreuung.
Allein aufgrund des eineinhalbstündigen Austausches der Frauen im Elgger Frauenliteratur-Treff entstand der Eindruck, dass es sich auf jeden Fall um eine lesenswerte Geschichte handelt, die einen nicht kalt lässt, sprachlich überzeugt und philosophisch wie auch persönlich schwierige, aber auch bereichernde Herausforderungen des Lebens thematisiert, und diese im eigenen Innern zum Klingen bringt.
Eine neue Teilnehmerin hatte den Roman noch nicht fertiggelesen und stellte zum Schluss fest: «Nach diesen vielen spannenden Inputs werde ich ihn mit ganz anderen Perspektiven zu Ende lesen.» Man darf gespannt sein auf das nächste Buch und die nächste Runde.
Zum Buch
Jules und seine Geschwister Marty und Liz sind grundverschieden, doch ein tragisches Ereignis prägt alle drei: Behütet aufgewachsen, haben sie als Kinder ihre Eltern durch einen Unfall verloren. Obwohl ins gleiche Internat kommen, geht jeder seinen eigenen Weg, sie werden sich fremd und verlieren einander aus den Augen. Vor allem der einst so selbstbewusste Jules zieht sich immer mehr in seine Traumwelten zurück. Nur mit der geheimnisvollen Alva schliesst er Freundschaft, doch erst Jahre später wird er begreifen, was sie ihm bedeutet und was sie ihm immer verschwiegen hat. Als Erwachsener begegnet er Alva wieder. Es sieht so aus, als könnten sie die verlorene Zeit zurückgewinnen, doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein.
«Vom Ende der Einsamkeit» ist der vierte Roman (erschienen 2016) von Benedict Wells, einem deutschschweizerischen Schriftsteller (geboren 1984).
BETTINA STICHER
Frauenliteratur-Treff
Für alle an Literatur interessierten Frauen findet fünfmal jährlich an einem Samstagvormittag von 9 bis 11 Uhr im Saal des reformierten Kirchgemeindehauses Elgg der ökumenische Frauenliteratur-Treff statt. Den Treff gibt es seit rund 20 Jahren, etwa 25 Frauen nehmen zurzeit regelmässig daran teil. Geleitet wird er zur Zeit von Pia Bagutti.
Weitere Termine 29. August, 14. November
Mehr Informationen:
www.kathelgg.ch,
www.kirche-eulachtal.ch


