Internationaler «Tag des Weissen Stockes»
17.09.2026 SchweizAm 15. Oktober wird der Tag des Weissen Stockes begangen. Erfahrungen von blinden und sehbehinderten Menschen zeigen: Die versprochene Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr lässt weiterhin auf sich warten. Eine Befragung des Schweizerischen Blindenbundes (SBb) macht deutlich, wie ...
Am 15. Oktober wird der Tag des Weissen Stockes begangen. Erfahrungen von blinden und sehbehinderten Menschen zeigen: Die versprochene Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr lässt weiterhin auf sich warten. Eine Befragung des Schweizerischen Blindenbundes (SBb) macht deutlich, wie viel Zusatzaufwand selbständige Mobilität für Betroffene bedeutet.
Jede Reise beginnt für blinde und sehbehinderte Menschen lange vor dem Einsteigen. Routen planen, Gleisänderungen prüfen, Orientierungshilfen suchen und im Zweifelsfall fremde Personen um Unterstützung bitten: Was für andere selbstverständlich ist, bedeutet für viele Betroffene täglichen Mehraufwand. Zum Tag des Weissen Stockes macht der Schweizerische Blindenbund darauf aufmerksam, dass die gesetzlich vorgesehene Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr auch Jahre nach Ablauf der Umsetzungsfrist im Jahr 2023 noch nicht überall erreicht ist.
Für blinde und sehbehinderte Menschen bedeutet der öffentliche Verkehr Freiheit, Selbständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb fordert der SBb konkrete Verbesserungen bei Infrastruktur, Information und Sensibilisierung.
Jede Reise muss akribisch geplant sein
Viele sehbehinderte und blinde Menschen sind alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Der stark sehbehinderte Beat aus Utzenstorf (BE) beschreibt seinen Reisealltag so: «Ich bereite mich schon zu Hause auf die Reise vor, speichere die Reise auf dem iPhone, orientiere mich am Bahnhof an den digitalen Anzeigen und frage vor Ort oder im Fahrzeug Passanten.» Für betroffene Menschen gehört dieser zusätzliche Planungsaufwand zum Alltag. Spontane Reisen sind oft nur eingeschränkt möglich.
Stadt-Land-Graben
Die Befragung von Mitgliedern des Schweizerischen Blindenbundes zeigt, dass zwischen Stadt und Land grosse Unterschiede bestehen. Viele erleben die Situation je nach Region unterschiedlich. Reto aus Zürich sagt dazu: «Beim städtischen ÖV läuft bereits vieles sehr gut, ländlich ist bei Weitem noch nicht alles barrierefrei. Vor allem die Leitlinien fehlen in ländlichen Gebieten oft.»
Orientierung und Information bleiben die grössten Herausforderungen
Auch Janka aus Winterthur (ZH) orientiert sich an Leitlinien und ihrem Führhund. Sie findet die Markierungsfelder bei den Bushaltestellen hilfreich. Auch für Urs aus Gwatt (BE) sind die Leitlinien an Bahnhöfen oder Haltestellen eine grosse Hilfe bei der Orientierung. Bruno aus Neuenhof (AG) wiederum berichtet, dass er an Bushaltestellen oft Passanten um Hilfe bitten muss.
Dass vor allem auch Baustellen bei Tram- und Bushaltestellen oder an Bahnhöfen schnell zu Hindernisparcours werden, beschreibt die Orientierungs- und Mobilitätsfachfrau (O+M) Chantal Moor treffend: «Grossbaustellen in Bahnhöfen sind geprägt von Lärm und ständig wechselnden Wegführungen. Das ist für blinde und sehbehinderte Menschen besonders herausfordernd.» Reto erlebt dies täglich, wenn ihn grössere Baustellen bei Bahnhöfen zwingen, immer wieder anders zu laufen, ohne dass ihm jemand zeigt, wie er laufen soll.
Pia Weber ist ebenfalls spezialisierte Rehabilitationskraft für Orientierung und Mobilität.des SBb und kritisiert die oft fehlenden akustischen Informationen. Auch die betroffene Janka vermisst Ansagen darüber, welcher Bus oder welches Tram gerade einfährt, und Therese aus Erlinsbach (AG) weist darauf hin, dass Durchsagen bei hohem Lärmpegel oft schwer verständlich sind.
Mit Blick auf die Digitalisierung warnt Pia: «Der Zugang zu Fahrkarten wird für Personen ohne Smartphone immer komplizierter oder gar unmöglich.» Nicht nur sehbehinderte, sondern viele ältere Menschen überhaupt können dadurch von der Nutzung des öffentlichen Verkehrs ausgeschlossen werden. Barrierefreiheit dürfe deshalb nicht ausschliesslich digital gedacht werden.
Selbstständiges Reisen bedeutet Lebensqualität
In einer Sache sind sich die befragten blinden und sehbehinderten Mitglieder des SBb einig: Mobilität bedeutet Lebensqualität. Reto nutzt den öffentlichen Verkehr fast täglich, und oft mehrmals am Tag. Urs bedeutet er die Möglichkeit, zur Arbeit zu fahren oder Wanderungen zu unternehmen. Für Therese steht der ÖV zudem für Freizeit, Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Bruno bringt seine Bedeutung auf den Punkt: «Für meine Selbständigkeit ist der ÖV sehr wichtig. Ich bin darauf angewiesen.»
Schaffhausen pioniert bei digitaler Barrierefreiheit
Die Verkehrsbetriebe Schaffhausen haben ab August 2026 als erstes Schweizer Transportunternehmen alle Busse mit digitaler Orientierungshilfe für Fahrgäste mit Beeinträchtigungen ausgestattet. Die sehbehinderte Janka hat diese neue App getestet, ist begeistert davon und erhofft sich, dass sich schnellstmöglich auch andere Städte ein Beispiel daran nehmen werden.
Mobilität darf nicht vom Zufall abhängen
Für blinde und sehbehinderte Menschen sind Bahn, Bus, Tram und Postauto weit mehr als ein Transportmittel. Sie ermöglichen Arbeit, Bildung, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten. Solange Hindernisse bei Orientierung, Information und Sicherheit bestehen, bleibt die selbständige Mobilität vieler Betroffener eingeschränkt. Aus diesen Erfahrungen von Betroffenen und Fachpersonen ergibt sich für den Schweizerischen Blindenbund klarer Handlungsbedarf.
Der Schweizerische Blindenbund fordert:
• Konsequente Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes
• Ausbau von Leitlinien und Orientierungshilfen
• Konsequente Anwendung des Zwei-Sinne-Prinzips
• Bessere Lösungen bei Baustellen und Gleisänderungen
• Regelmässige Sensibilisierung des Fahrpersonals
• Barrierefreie digitale und analoge Informationsangebote
• Frühzeitige Einbindung von Betroffenen
Wer den öffentlichen Verkehr nicht selbständig nutzen kann, wird im Alltag und in seiner gesellschaftlichen Teilhabe eingeschränkt. «Barrierefreie Mobilität ist kein Privileg, sondern ein Recht», sagt Dominik Gertschen, Präsident des SBb.
Die Schweiz hat in den letzten Jahren wichtige Fortschritte erzielt, ihr Ziel jedoch noch nicht ganz erreicht. Jetzt sind Bund, Kantone und Verkehrsunternehmen gefordert, die bestehenden Barrieren weiterhin konsequent abzubauen.
Zwei Interviews demnächst in dieser Zeitung
Die «Elgger/Aadorfer Zeitung» veröffentlicht in Kürze zwei Interviews mit blinden und sehbehinderten Menschen aus der Region, die von ihrem Alltag im öffentlichen Verkehr erzählen.
(MITG)

