Improvisatorisch dramatürkische Kabarett-Komödie
22.01.2026 AadorfMit witzig präsentierten Stereotypen, Geschichten, Mythen, Wortspielen, deftigen Sprüchen, subtilen Hinweisen und Tipps hielten Müslüm und sein Gitarrist die Besucherinnen und Besucher in Aadorf interaktiv auf Trab. Auf «helfetisch» sorgten sie immer wieder für ...
Mit witzig präsentierten Stereotypen, Geschichten, Mythen, Wortspielen, deftigen Sprüchen, subtilen Hinweisen und Tipps hielten Müslüm und sein Gitarrist die Besucherinnen und Besucher in Aadorf interaktiv auf Trab. Auf «helfetisch» sorgten sie immer wieder für Lacher.
Pascal Mettler, Leiter und Programmverantwortlicher des Kulturveranstalters Gong, begrüsste am vergangenen Freitagabend das Publikum im vollbesetzten kleinen Saal des Kultur- und Gemeindezentrums Aadorf und wünschte viel Vergnügen mit Müslüm.
Dieser überzeugte zusammen mit seinem Gitarristen Roman Nowka mit viel Humor und geschicktem musikalischem Support. Als Küchen-Philosoph und -Psychologe verstand Müslüm mit seinem komödiantischen Kabarett, zu unterhalten und gleichzeitig aktuelle Entwicklungen mit einzubeziehen. Der Auftritt war gespickt mit Witzen, skurrilen Geschichten, Sprüchen, Hits, und Ohrenwürmern rund um das Thema Migration und die Befindlichkeit der Schweiz. Begleitet wurde er von einfühlsam mitreissendem und perfekt auf die Situation abgestimmten Gitarrenklängen.
Die beiden Musikkünstler begeisterten das Publikum in weiten Teilen und brachten es immer wieder zum Lachen. Selbst bezeichnete Comedian Semih Yavsaner seine Darbietung als «improvisorisches dramatürkisches Dasein mit intellektuellen Häppli und unterhaltenden Worten und Liedern». Mit der Kunstfigur Müslüm hat sich der in Bern geborene Sohn türkischer Einwanderer schon längst einen Namen gemacht. Ursprünglich bekannt wurde er mit Telefonscherzen und humoristisch-provokanten Musikstücken wie «La Bambele» oder «Supervitamin». Dass man die Lieder aber an diesem Abend nicht zu erwarten habe, machte er sofort klar und suchte schon zu Beginn den Kontakt zum Publikum.
Mythen und Geschichten
«Ich wurde nicht überall so herzlich empfangen wie heute in Aadorf», freute sich Müslüm. Schon gar nicht damals, als er illegal in die Schweiz eingereist sei. In den 70er und 80er-Jahren habe es hier geheissen, «die Ausländer nehmen uns die Frauen, die Arbeit und das Geld weg». Und daher: «Ausländer raus!» Heute hätten wir das Smartphone, das uns alles wegnehme, aber niemand sage: «I-Phone raus!». Das Programm «helfetisch» dreht sich rund um den Umgang mit Migration und virtueller Kommunikation. Von Wilhelm Tell mit Waffe über Mutter Helvetia mit neun Millionen Kindern, Schwören auf dem Rütli, sauste er durch verschiedene Mythen und Klischees mit der Schlussfolgerung, dies alles sei ja alles eher typisch für Einwanderer.
Es folgten Geschichten und Anekdoten, zum Beispiel wie er die Selbstkontrolle im Bus zu wörtlich nahm und sich selbst von Kopf bis Fuss kontrollierte, aber nichts fand, auch kein Billett. Der Kontrolleur habe ihn trotz vorbildlicher Selbstkontrolle aufgefordert, sich auszuweisen. «So weit kommt es noch, dass ich mich selbst ausweisen muss», empörte sich Müslüm. Oder die Reise im vollbesetzten Bus von der Türkei mit Schafskäse im Gepäck, dessen Geruch alle abgeschreckt habe ausser die Schweizer Einwanderungsbehörde, die sich wohl gefühlt habe in der fahrenden Käserei und entsprechend lange im Bus geblieben sei. Kleine Pointen waren auch, wie sich der Vater mit den drei Worten «isch scho guet» in der Schweiz sozialisiert habe oder dass hierzulande sogar die Sonne aus Gold sei. Genüsslich sang der Comedian das Lied «Oh du goldigs Sünneli» und forderte das Publikum auf, mitzusingen. Weiter ging es mit einem Blick in die Zukunft, die wir den Kindern im schlimmsten Zustand übergeben, dann kamen erneut Hinweise auf die Rolle der Künstlichen Intelligenz, dazwischen ein helvetischer Jodel.
Psychologie und Tipps
Geburtenrate, Aufklärung, Religion und das Migranten-Gen waren weitere Highlights, die der Comedian mit Wortspielen anreicherte. Dass das Klatschen in Aadorf erfunden wurde, ist für Müslüm ein Fakt. In der Mitte des Programms gab es ein paar Längen, die auf weniger grosse Resonanz stiessen, wodurch schweizerische Zurückhaltung im Saal aufkam. «Man muss das Publikum spüren und es draufankommen lassen», rettete sich Müslüm aus der Situation. «Aadorf ist wirklich eigenartig…», sagte er mit einem Augenzwinkern. «Kontrolle ist gut, Vertrauen besser, glaube nicht alles war sie dir sagen, das Leben gibt dir war du ihm gibst», waren einige Tipps vom Hobbydoktor, der in seinem Repertoire nicht nur Süpervitamine zu bieten hat.
Das Müslüm-Gen hatte er schliesslich noch im Köcher, ein Mädchen aus dem Publikum wollte lieber die anfangs versprochenen 15 Franken. «Aus diesem Grund soll man den Kindern kein I-Phone kaufen», war Müslüms Rat dazu. Inzwischen hatte er längst die volle Gunst der Zuschauerinnen und Zuschauer wieder auf seiner Seite.
BETTINA STICHER




