Ideen sammeln für die Zeit nach der Pensionierung
11.06.2026 ElggIn der katholischen Kirche Elgg entsteht mit der «Living Library» eine neue Begegnungsform. Im Mittelpunkt stehen Personen vor und nach der Pensionierung, die aus ihrem Alltag erzählen. In persönlichen Gesprächen sollen so Begegnungen entstehen, Generationen verbunden und ...
In der katholischen Kirche Elgg entsteht mit der «Living Library» eine neue Begegnungsform. Im Mittelpunkt stehen Personen vor und nach der Pensionierung, die aus ihrem Alltag erzählen. In persönlichen Gesprächen sollen so Begegnungen entstehen, Generationen verbunden und Einblicke ermöglicht werden.
Die Pensionierung sei für viele Menschen ein einschneidender Lebensabschnitt. Oft werde sie lange herbeigesehnt und mit Plänen verbunden. «Wenn der Zeitpunkt dann tatsächlich eintritt, verändert sich der Alltag jedoch grundlegend. Für manche ist die Pensionierung ein Gewinn an Freiheit, für andere bringt sie Unsicherheiten und Herausforderungen mit sich», sagt Jürgen Kaesler, Gemeindeleiter der Katholischen Kirche Elgg.
Der Übergang in den Ruhestand sei vergleichbar mit dem Einstieg ins Berufsleben und somit eine wichtige Lebensphase, die bewusst gestaltet werden sollte.
Pensionierung als Chance
Die «Living Library» biete eine gute Möglichkeit, sich rechtzeitig damit auseinanderzusetzen. Die Veranstaltung soll gemäss Kaesler Raum bieten, gemeinsam über das Älterwerden nachzudenken. Themen wie Familie, Vereinstätigkeit, Freiwilligenarbeit, Berufstätigkeit in kleinerem Rahmen oder neue Projekte könnten dabei ebenso zur Sprache kommen wie die Frage, was man im Leben noch verwirklichen möchte, erklärt er im Gespräch. «Ziel ist es, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass die Pensionierung nicht nur mit Ängsten oder Freizeit verbunden ist, sondern auch eine grosse Chance darstellen kann: für neue Erfahrungen, wertvolle Aufgaben und persönliche Entwicklung.» Dabei soll der Dialog zwischen den Generationen gefördert, gegenseitiges Verständnis gestärkt und die Vielfalt von Lebenswegen sichtbar gemacht werden. Im Rahmen eines Gottesdienstes und einer Pfarrei würden dabei mehrere Ebenen gleichzeitig angesprochen.
Nach der Pensionierung würden die Leute oft auf ihr Alter oder ihren früheren Beruf reduziert. Die Living Library wirke dem entgegen: «Jeder Mensch trägt eine einzigartige Lebensgeschichte in sich, mit Brüchen, Hoffnungen, Krisen, Entscheidungen und gewonnener Weisheit». Ihr «Lebensbuch» öffne einen persönlichen Zugang, der über stereotype Bilder hinausgehe. In der Reihe Living Library werden in der Pfarrei St. Georg in loser Folge Personen vor und nach der Pensionierung zu ihrem Leben und ihren Erfahrungen befragt.
Dialog zwischen Generationen
Die Begegnungen sollen gemäss Kaesler einen Raum schaffen, in dem jüngere und ältere Menschen voneinander lernen können. «Jüngere bekommen Einblicke in Lebenswege, Übergänge und die neuen Freiheiten nach der Pensionierung, aber auch in Verluste und Veränderungen, die das Älterwerden mit sich bringt. Ältere kommen mit den Perspektiven, Fragen und Lebensrealitäten jüngerer Menschen in Kontakt.»
So entstehe gegenseitiges Verständnis, das Distanz zwischen Generationen abbaue, ist der Gemeindeleiter überzeugt. «Begegnungen auf Augenhöhe ersetzen das, was im Alltag oft fehlt: echtes Zuhören, echtes Interesse».
Anerkennung für Lebensleistung
Im Rahmen eines Dankbarkeitsprogramms setze die Living Library ein klares Zeichen, erklärt Kaesler: «Lebensleistung ist mehr als Erwerbsarbeit. Leute im Ruhestand bleiben Träger von Erfahrung, Wissen und Menschlichkeit. Indem ihre Geschichten gehört werden, erfahren sie Anerkennung und gesellschaftliche Teilhabe, nicht als Abschluss eines Lebensabschnitts, sondern als aktiver Beitrag zur Gemeinschaft.»
Das Format mache sichtbar, was im Alltag unsichtbar bleibe: «die Tiefe eines gelebten Lebens, die sich weder in einem Lebenslauf noch in einem Berufstitel ausdrücken lässt».
Zuhören als Begegnung
Gerade im kirchlichen Rahmen bekomme das Format eine besondere Dimension. Zuhören werde zur Form von Begegnung und Würdigung. Menschen würden nicht beurteilt, sondern gehört. Das stärke Vertrauen, baue Einsamkeit ab und fördere das Gefühl, Teil einer tragenden Gemeinschaft zu sein. In einer Zeit, in der viele Leute, besonders nach dem Austritt aus dem Berufsleben, Isolation erlebten, biete die Living Library einen niederschwelligen Ort der Verbindung.
Viele mögliche Wege
Die Living Library erinnere an eine einfache, aber wichtige Wahrheit, sagt der Gemeindeleiter: «Es gibt nicht den einen richtigen Lebensweg. Wendepunkte, Krisen, Umwege und Neuanfänge gehören dazu. Das kann entlasten, inspirieren und horizonterweiternd wirken, besonders für Menschen in Übergangsphasen ihres Lebens, die sich fragen, wie es weitergehen soll.» Wer sein Lebensbuch öffne, schenke anderen nicht nur Einblick, sondern auch Mut. Menschen würden als lebendige Geschichten, als Träger gelebter Erfahrung wahrgenommen und nicht nur als Mitglieder der Gemeinde.
Die Reihe startet am Sonntag, 14. Juni, um 10 Uhr in der katholischen Kirche Elgg mit dem Gottesdienst Living Library mit der ehemaligen Berufsberaterin und Künstlerin Marianna Vlieland. Davor besteht um 8.45 Uhr die Möglichkeit, beim Zmorge auf Kollektenbasis im Pfarreisaal gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Alle Interessierten sind eingeladen, Teil dieser Begegnung zu sein, sei es als «lebendes Buch» oder als Zuhörerin oder Zuhörer.
BETTINA STICHER

