«Ich kann den Bünzli in mir aus dem Gehege lassen»
08.10.2026 Aadorf, RegionDer Autor Max Küng tritt am 21. November mit seinem neuen Roman «Supertoskana» am Lesestadt-Festival in Aadorf auf. Im Gespräch erzählt er, warum Ferien ein idealer Schauplatz für Beziehungskrisen sind, weshalb er sich gern ans Papiersammeln erinnert – und ...
Der Autor Max Küng tritt am 21. November mit seinem neuen Roman «Supertoskana» am Lesestadt-Festival in Aadorf auf. Im Gespräch erzählt er, warum Ferien ein idealer Schauplatz für Beziehungskrisen sind, weshalb er sich gern ans Papiersammeln erinnert – und warum er während der Arbeit an einem Roman kaum liest.
Max Küng, reden wir zuerst über Ihren neuen Roman. «Supertoskana» spielt in den Ferien, handelt aber vor allem von Beziehungen. Warum?
Max Küng: Was mich am meisten interessiert, ist die Kluft zwischen dem inneren und äusseren Ich, zwischen Selbstbild und Fremdwahrnehmung. Und wie sich diese Kluft auf Beziehungen auswirkt. Das Ferien-Setting ist dafür das perfekte Bühnenbild. Im Alltag kann man sich verstecken, hinter dem Job, hinter Terminen und allem anderen. In den Ferien geht das nicht. Man verbringt viel mehr Zeit mit dem Partner, mit Bekannten, aber auch mit sich selbst. Da kommt vieles zum Vorschein, was im Alltag verborgen bleibt. Die Ferien sind ein enorm anspruchsvolles Umfeld, man steht unter Leistungsdruck. Es muss zwingend schön und harmonisch werden.
Sie schreiben über Geld, Liebe, Ehe, Scheitern und Tod – und trotzdem ist der Roman sehr komisch. Wie wichtig ist Ihnen Unterhaltung?
George Orwell hat gesagt, es gebe vier Typen von Autoren. Der erste will die Gesellschaft verändern, der zweite will die Geschichte aufarbeiten, der dritte will im Mittelpunkt stehen. Der vierte schreibt aus Freude an der Sprache. Ich sehe mich in der vierten Kategorie. Ich habe Freude an den Wörtern, mir macht es Spass, Geschichten zu erfinden. Und ich möchte auch mich selbst unterhalten.
Sie haben lange als Journalist gearbeitet. Wie viel in Ihren Romanen ist Beobachtung, wie viel Erfindung?
Ich liebe es, hinzuschauen und den Alltag zu beobachten. Das Schöne an der Schriftstellerei ist aber, dass sie nicht der Wahrheit verpflichtet ist. Sie bietet die Möglichkeit, die Phantasie ins Spiel zu bringen und die ganze Sache noch weiterzutreiben. Und der Humor ist das perfekte Mittel, um diese Beobachtungen leicht konsumierbar zu verpacken.
Kommt es vor, dass sich Menschen aus Ihrem Umfeld in Ihren Figuren wiedererkennen?
Vielleicht hat mal jemand aus meinem Bekanntenkreis den gleichen Beruf wie eine Romanfigur, aber mehr nicht. Es sind Frankenstein-Figuren, zusammengesetzt aus verschiedenen Personen. Ich bediene mich nie in meinem Freundeskreis. Eine Freundschaft ist wichtiger als ein Buch. Dafür enthalten meine Figuren oft ein Stück von mir selbst. Das Schöne daran: Ich kann jene Teile nehmen, die ich an mir überhaupt nicht mag.
Welche Seiten von sich lassen Sie auf Ihre Figuren los?
Zum Beispiel den Bünzli in mir. Im richtigen Leben versuche ich, ihn zu unterdrücken. In einem Roman kann ich ihn aus dem Gehege lassen.
Ihre Biografie klingt auch ein wenig erfunden: kaufmännische Lehre, Programmierer, DJ, Journalist und dann Schriftsteller.
Ja, es gibt diese Künstlerbiografien, wo einer 48 Berufe hatte, bevor er Schriftsteller wurde. Ich habe eine normale Berufslehre gemacht. Wo ich herkomme, war die Kunst schlicht keine Option. Auch das Gymnasium kam nicht in Frage. Es war einfach klar: Man macht eine Lehre.
Und nach dem KV waren Sie frei?
Ja, frei, aber auch ein bisschen verloren.
Sie sind Bauernsohn, aufgewachsen im Kanton Baselland. Welche Rolle spielt Ihre Herkunft für Ihre Texte?
Mein Verhältnis zur Heimat ist sehr klassisch: Man will weg, geht dann auch, die Heimat lässt einen aber nie ganz los. Und auf das Alter hin nähert man sich wieder an. Ich schreibe gerade an einem Buch, in dem es um dieses Thema geht: Wie sehr man durch eine Landschaft geprägt wird.
Wie zum Beispiel?
Als Kind war ich sehr unsportlich. Darunter habe ich gelitten. Wenn man kein guter Fussballer oder Nationalturner war, dann war man überflüssig. So etwas ist prägend. Heute fahre ich viel Velo. Zum Velofahren ist Baselland mit seinem leicht gefalteten Tafeljura wunderbar. So habe ich einen anderen Blick auf meine Heimat gefunden.
Woran erinnern Sie sich gern?
Das Papiersammeln zählt zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Einmal im Jahr war Sammeltag, das war für uns das Eldorado. Wir waren perfekt organisiert. In der Mulde standen die Sortierer, die uns die gute Ware wieder rauswarfen. Die Beute teilten wir uns auf. Ich interessierte mich für das «Art Magazin». Das wollte sonst niemand, es war also kein Problem, alle zu bekommen.
Sie schreiben jeden Tag mindestens 7000 Zeichen. Wie viel lesen Sie?
Im Moment gerade nichts. Lesen färbt immer ab. Man liest etwas und dann schleicht sich dieser Stil in die eigenen Texte. Davor ist man nie gefeit. Deshalb lese ich sehr wenig, wenn ich schreibe. Und wenn man den ganzen Tag mit Buchstaben zu tun hat, ist es irgendwann auch mal gut. Ich schaue dann gern ein Fussballspiel oder die Radweltmeisterschaften. Und momentan auch die Netflix-Serie «Fargo».
Und wenn Sie doch lesen?
Ich habe kürzlich die Tagebücher von Samuel Pepys wieder hervorgenommen. Das war ein britischer Beamter im 17. Jahrhundert. Seine Aufzeichnungen sind sehr akkurat und ergeben ein lebendiges Bild der damaligen Zeit. Er beschreibt seine Treffen mit dem König, was er zu Abend gegessen hat, Theaterbesuche, seinen Stuhlgang, den Brand von London, die Pest. Das ist extrem unterhaltsam.
Lesen Sie wieder mehr, seit «Supertoskana» im Juni erschienen ist?
Wir waren einen Monat im Misox. Ich habe elf Bücher mitgenommen und kein einziges davon gelesen. Ich musste mich zuerst einmal erholen. Wir haben nur Wanderungen und Velotouren gemacht. Am letzten Tag habe ich dann noch mit «Festland» von Markus Werner begonnen.
Auf Ihrem Instagram-Profil haben Sie geschrieben, dass der Roman etwas in die Jahre gekommen ist.
Ja, es wirkt etwas angestaubt. Die Sprache ist sehr ambitioniert, man spürt den Deutschlehrer.
«Festland» von 1996 war Werners fünfter Roman. Sie haben nun den vierten geschrieben. Welche Fehler machen Sie nicht mehr, die Sie früher gemacht haben?
Beim ersten Mal habe ich einfach drauflos geschrieben. Wie ein Architekt ohne Bauplan. Am Ende merkst du, dass du die Türe vergessen hast. Ich bin zwar immer noch nicht der Plotschreiber, der zuerst die ganze Handlung entwickelt, dann die fertige Skizze mit Text befüllt und genau weiss, dass auf Seite 35 eine entscheidende Wendung kommen muss. Das interessiert mich nicht.
Sie wissen nie, wie Ihre Bücher enden?
Nein. Ich habe höchstens eine Ahnung, wie es sich entwickeln könnte. Aber ich schreibe sehr intuitiv.
Trotzdem müssen Sie die Übersicht behalten, damit die Geschichte am Ende einen Sinn ergibt.
Genau. Die Statik und der zeitliche Ablauf müssen von Anfang an stimmen. Hier nachträglich etwas zu reparieren ist sehr aufwändig. Es ist wie ein Pizzateig: Es gibt mehrere kritische Momente, in denen er auseinanderfallen und löchrig werden kann. Was ich auch gelernt habe, ist ökonomischer zu schreiben. Man schreibt immer viel mehr als man braucht. Das Einkochen des Textes gelingt mir immer besser. Man kann sich gewisse Dinge auch nur denken, statt alles niederzuschreiben.
Sie haben alles im Kopf?
Ich arbeite sehr analog. In meinem Büro habe ich eine Wand mit vielen Zetteln, mit Sätzen, die mir gefallen, mit Wörtern, die ich verwenden möchte. Ich habe Dossiers zu meinem Romanpersonal, mit Listen zu ihren Vorlieben, mit Fotos von Schauspielern, die aussehen, wie ich mir die Figuren vorstelle. So kenne ich meine Figuren mittlerweile recht gut.
Im November kommen Sie für eine Lesung nach Aadorf. Was kennen Sie besser: Den Thurgau oder die Klischees über ihn?
Ich bin in einer Kolumne der Frage nachgegangen, warum so viele Weltklasse-Veloprofis aus dem Thurgau kommen. Es muss an diesen Hügeln liegen. Sie sind ideal, um so viel Velo zu fahren, dass man Profi werden kann.
ANDRI ROSTETTER
Zur Person
Max Küng, geboren 1969 in Maisprach bei Basel, ist Schriftsteller, Reporter und Kolumnist. Seit 1999 arbeitet er für «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers». Zu seinen Romanen gehören «Wir kennen uns doch kaum», «Wenn du dein Haus verlässt, beginnt das Unglück», «Fremde Freunde» und der 2026 erschienene Roman «Supertoskana». Küng lebt in Zürich.
Lesestadt Aadorf 2026
Das zweite Literaturwochenende der Lesestadt Aadorf findet vom 20. bis 22. November im Rotfarbkeller statt. Am Freitag, 20. November, diskutieren der Journalist Samuel Tanner und der Politgeograf Michael Hermann unter der Leitung von Hanspeter Trütsch über ihr Buch «Land der Eigensinnigen». Am Samstag, 21. November, 19.30 Uhr, steht Max Küng mit «Supertoskana» im Zentrum der Aktion «Aadorf liest ein Buch». Am Sonntag folgt um 11 Uhr eine Lesung mit Seraina Kobler aus «Tal der Schwalben»; um 14 Uhr beginnt «Maschen, Lesen, Drinks». Die Lesung mit Max Küng kostet 25 Franken, für Mitglieder des Vereins Lesestadt 20 Franken. «Supertoskana» wird im Rahmen von «Aadorf liest ein Buch» im Buecherchorb Aadorf für 10 Franken statt 35 Franken angeboten.

